private banking magazin: Herr Muzinich, als ehemaliger stellvertretender US-Finanzminister (2018 bis 2021) verfügen Sie über eine umfassende geopolitische Perspektive. Sie betonen, dass lokal geführte Unternehmen in Zeiten geopolitischer Spannungen die bessere Wahl sein könnten. Wie beeinflusst die aktuelle geopolitische Lage Ihre Investitionsentscheidungen? Rechtfertigt die lokale Präsenz an 17 verschiedenen Standorten weltweit wirklich die hohen Kosten?
Justin Muzinich: In einer Welt mit geopolitischen Spannungen und einer rückläufigen Globalisierung sind Unternehmen, die lokal produzieren und verkaufen, oft besser gegen Risiken abgesichert als globale Konzerne. Lokale Unternehmen sind nicht auf internationale Absatzmärkte angewiesen und unterliegen nicht dem Risiko von Zöllen. Auf der Kostenseite gilt: Auch wenn die meisten Unternehmen in irgendeiner Form von globalen Lieferketten abhängig sind, verlagern globale Unternehmen ihre Produktion deutlich häufiger ins Ausland als lokal agierende Firmen. In einer Phase geopolitischer Unsicherheit halten wir es daher für sinnvoll, qualitativ hochwertige Unternehmen zu finanzieren, die lokal produzieren und verkaufen – das hilft, Risiken zu steuern.
Wird Jerome Powell noch Fed-Präsident sein, wenn dieses Magazin Mitte September erscheint?
Muzinich: Ja, davon gehe ich aus.
Wenn es ein Gästebuch bei der Fed gäbe und Sie eine Nachricht für Jerome Powell hinterlassen dürften – was würden Sie schreiben?
Muzinich: Ich habe während der Corona-Pandemie sehr eng mit Powell zusammengearbeitet – wir haben in den ersten Monaten des Jahres 2020, als die Wirtschaft einbrach, fast täglich miteinander gesprochen. Ich würde wahrscheinlich etwas über diese Zeit schreiben.
Was unterscheidet die aktuelle Finanzlage von der während Ihrer Amtszeit?
Muzinich: Die Rahmenbedingungen unterscheiden sich heute vor allem durch ein deutlich stärkeres Inflationsumfeld sowie durch ein höheres Schulden- und Defizitniveau in den USA. Beides schränkt den politischen Handlungsspielraum erheblich ein.
Innerhalb des Private-Debt-Segments konzentriert sich Muzinich & Co auf den Lower-Middle-Market, während andere Anbieter auf größere Deals setzen. Ist diese Spezialisierung langfristig tragfähig? Wie verteidigen Sie Ihre Margen angesichts zunehmenden Wettbewerbs?
Muzinich: Wir halten diese Strategie für nachhaltig. Der Upper-Middle-Market erscheint uns überlaufen – ein Großteil des Investorenkapitals ist dorthin geflossen, was zu engeren Spreads, lockereren Vertragsbedingungen, schwächeren Covenants und höherer Verschuldung geführt hat. Im Lower-Middle-Market bestehen dagegen weiterhin hohe Markteintrittsbarrieren und geringerer Wettbewerb. Die Unternehmen in diesem Segment sind typischerweise national ausgerichtet und somit besser gegen Zollrisiken geschützt. Unsere Parallel-Lending-Strategien fokussieren sich auf den Mid-Market, wobei wir gemeinsam mit Banken Finanzierungsmöglichkeiten umsetzen – das unterscheidet uns deutlich vom Wettbewerb.
Auch in Europa hat Muzinich & Co „Boots on the ground“, wie man so schön sagt.
Muzinich: Wir verfügen über ein starkes Akquiseteam vor Ort, was für uns eine Grundvoraussetzung für den Erfolg ist. Unser Europateam besteht aus 35 Experten in acht Büros. Zudem sind wir in den USA und im asiatisch-pazifischen Raum präsent. Diese lokale Verankerung erlaubt es uns, Chancen frühzeitig zu identifizieren, regulatorische Besonderheiten zu berücksichtigen, Investitionen eng zu begleiten und langfristige Beziehungen zu Kreditnehmern aufzubauen.
Der Muzinich MLoan Fund ist eines der wenigen semi-liquiden Vehikel, die sich dem Parallel Lending verschrieben haben – ein Modell, bei dem Asset Manager und Banken gemeinsam Kredite vergeben. Sehen Sie Parallel Lending als Zukunftsmodell für die gesamte Private-Credit-Industrie oder bleibt es eine Nischenlösung für Spezialisten?
Muzinich: Wir verwalten Parallel-Lending-Strategien bereits seit 2018. Als der MLoan im September 2023 aufgelegt wurde, konnten wir bereits auf eine fünfjährige Erfolgsbilanz zurückgreifen. Beim Parallel Lending investieren Asset Manager und Banken zu gleichen Konditionen und mit identischer Besicherung in dieselben Kredite – es ist eine logische Erweiterung unserer Spezialisierung im Kreditbereich. Die Strategie basiert auf Kapitalerhalt und einer rigorosen Bottom-up-Analyse. Wir finanzieren niedrig verschuldete Unternehmen mit stabilen Cashflows in defensiven Sektoren. Durch den Zugang zu einem breiten Kredituniversum über unsere Bankpartner können wir äußerst selektiv agieren – rund 85 Prozent der präsentierten Transaktionen lehnen wir ab. Aus unserer Sicht ist Parallel Lending eine sinnvolle Ergänzung für Investorenportfolios – es liefert eine differenzierte Ertragsquelle und zusätzliche Diversifikation.
Wie beeinflusst Ihre Erfahrung mit systemischen Risiken und makroökonomischen Schocks Ihre Kreditvergabe an europäische KMU?
Muzinich: Unsere Erfahrungen führen dazu, dass wir makroökonomische Schocks sehr ernst nehmen und unsere Portfolios systematisch auf solche Ereignisse hin einer Stressanalyse unterziehen. Unsere lokale Präsenz erlaubt es uns, die Unternehmen kontinuierlich zu überwachen. In Krisenzeiten wie der Corona-Pandemie oder nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine mit anschließender Inflations- und Zinsschockwelle haben unsere Teams fundierte Analysen zu den möglichen Auswirkungen auf die Portfoliounternehmen erstellt. Zuletzt, im April, haben wir anlässlich der Ankündigung reziproker Zölle zum „Liberation Day“ weitere Analysen durchgeführt – die potenziellen Auswirkungen erwiesen sich als sehr begrenzt.
Sie sehen europäische KMU folglich als recht robust an?
Muzinich: Europäische KMU sind oft stärker lokal ausgerichtet als große Konzerne. Sie sind Motoren des Wachstums, schaffen Arbeitsplätze und stärken regionale Strukturen. Diese Eigenschaften helfen auch, globale Schocks besser abzufedern.
Der Muzinich Europeyield Fund verfolgt einen „Capital-Protection-Mindset“ und verzichtet bewusst auf CCC-Anleihen, um die Volatilität zu senken. Gleichzeitig erzielen Sie attraktive Renditen. Wie gelingt Ihnen der Spagat zwischen Kapitalschutz und Performance?
Muzinich: Der Fonds hat eine über 20-jährige Historie und ein Volumen von rund 1 Milliarde Euro. Es stimmt, dass sich der Europeyield auf das BB+/B–-Segment konzentriert und nicht in CCC-Anleihen investiert – also in die risikoreichste Kategorie des High-Yield-Marktes. Wir achten zudem auf ein Mindestemissionsvolumen von über 200 Millionen Euro, um Liquidität sicherzustellen, und begrenzen die Emittentenexponierung auf 3 Prozent. Die konsistente Performance des Fonds (bis Ende Juni 2025 annualisierte Bruttorendite von fast 6,3 Prozent seit Auflage) führen wir auf disziplinierte Titelauswahl und gründliche Analyse zurück. Gerade im High-Yield-Segment kann umsichtiges Underwriting dazu beitragen, die Rendite ohne zusätzliches Risiko zu verbessern. Unser Team aus 27 Analysten und Händlern arbeitet eng mit den Portfoliomanagern Thomas Samson und Jamie Cane zusammen, um fehlbewertete Titel und Preisdifferenzen systematisch zu identifizieren.
Der Muzinich European Credit Alpha Fund verfolgt einen komplexen Long/Short-Ansatz. Wie stellen Sie sicher, dass die verschiedenen Strategiekomponenten effektiv zusammenspielen, um kontinuierlich Alpha zu generieren – besonders in einem Umfeld, in dem europäische High-Yield-Spreads unter dem historischen Durchschnitt liegen?
Muzinich: Das Grundprinzip unseres European Credit Alpha Fund ist einfach: Er soll die Aufwärtsbewegungen im europäischen High-Yield-Markt mitnehmen, aber in volatilen Phasen Kapital bewahren. Dazu steht dem gleichen Portfolio-Team wie beim Europeyield Fund ein erweitertes Set an Instrumenten zur Verfügung. Das Kernportfolio besteht aus High-Yield-Anleihen, während ein Overlay-Portfolio zur Steuerung des Marktexposures (Beta) und Absicherung gegen Volatilität dient. Ein drittes Portfolio – das Arbitrage-Portfolio – soll von Preisanomalien im High-Yield-Markt profitieren und marktneutrale, unkorrelierte Erträge liefern. Diese drei Risiko-Portfolios werden so gesteuert, dass das Gesamt-Beta des Fonds typischerweise zwischen 0,5 und 1 liegt. Wir glauben, dass eine flexible Strategie mit Long- und Short-Positionen in einem breiten Anlageuniversum die Chance bietet, Alpha unabhängig vom Marktumfeld zu generieren – bei gleichzeitigem Schutz vor Rückschlägen.
ELTIF 2.0 und die Demokratisierung von Private Credit: Wie könnte sich der Zugang privater Anleger ab 1.000 Euro Mindestinvestment auf Bewertungen und Spreads im Markt auswirken? Sehen Sie ein Überhitzungsrisiko, wenn institutionelle und private Investoren um dieselben Assets konkurrieren?
Muzinich: Wir sind der Überzeugung, dass auch private Anleger Zugang zu den Chancen der Private Markets erhalten sollten – genauso wie institutionelle Investoren. Dazu zählen Vorteile wie eine breitere Diversifikation, Illiquiditätsprämien gegenüber börsennotierten Aktien und Anleihen sowie geringere Volatilität. Wenn Asset Manager und Vertriebspartner transparente, zugängliche Strukturen mit hohem Anlegerschutz schaffen, können sie einem deutlich breiteren Anlegerkreis bislang schwer zugängliche Anlageklassen wie Private Debt eröffnen.
Muzinich & Co ist hier einer der Vorreiter.
Muzinich: Ja, aus genau diesem Grund haben wir zu Beginn dieses Jahres den Muzinich European Private Credit ELTIF lanciert – unseren inzwischen siebten ELTIF. Der Fonds investiert in rund 50 sorgfältig ausgewählte Private-Debt-Transaktionen europäischer mittelständischer Unternehmen mit solidem, konservativem Geschäftsmodell. Er ist als Evergreen-Struktur konzipiert und bietet Anlegern ab Beginn monatliche Liquiditätsfenster (unter bestimmten Bedingungen) – ohne Mindesthaltefrist und bereits ab einer Mindestanlage von nur 1.000 Euro. Ziel ist es, eine attraktive laufende Ausschüttung sowie langfristig stabile Renditen zu bieten.
MLoan nutzt ein eigenes KI-System zur Risikoanalyse. Worin unterscheidet sich dieser Ansatz konkret von den klassischen Basel-III-Methoden?
Muzinich: Basel III bietet einen umfassenden regulatorischen Rahmen für Banken, inklusive Kapitalanforderungen. Da sich Banken zunehmend auf niedrig verschuldete Unternehmen fokussieren und Risiken abbauen, entstehen Chancen für alternative Kreditgeber im „Originate-to-Share“-Modell, um Banken bei der effizienteren Nutzung ihrer Bilanzen zu unterstützen. Parallel Lending ist für Banken attraktiv, da sie so Kundenbeziehungen aufrechterhalten und gleichzeitig Kapital für andere Zwecke freisetzen können. MLoan nutzt eine proprietäre KI-/Deep-Learning-Technologie zur Steigerung der Analysegenauigkeit und zur Verbesserung der Investitionsentscheidungen. Die KI erkennt Muster und kann Zahlungsausfälle prognostizieren – ein entscheidender Vorteil, wenn Kapitalerhalt das oberste Ziel ist.
In welchem Maße wird KI die klassische Kreditanalyse in den kommenden Jahren Verändern?
Muzinich: Das ist schwer vorherzusagen. Klar ist jedoch: Eine fundierte Analyse der Kreditwürdigkeit eines Unternehmens ist zentral für langfristige, risikoadjustierte Erträge. Menschliches Urteilsvermögen wird unverzichtbar bleiben, aber mit zunehmender Reife der KI-Werkzeuge wird ihr Beitrag zur Analyse und Entscheidungsfindung steigen – und wir glauben, hier ganz vorne mit dabei zu sein.
Letzte Frage: Sehen Sie KI als nachhaltigen Wettbewerbsvorteil oder wird sie zum Standard für alle Private-Credit-Manager?
Muzinich: Die Branche entwickelt sich ständig weiter – Asset Manager müssen sich anpassen, um erfolgreich zu bleiben. Die Anforderungen von Investoren steigen, Regulierungen nehmen zu, und Technologie spielt eine immer wichtigere Rolle. Diejenigen Anbieter, die technologische Vorteile gezielt nutzen, um Produkte und Dienstleistungen zu verbessern, werden langfristig die besten Erfolgschancen haben.
Über Muzinich & Co.
Muzinich & Co. ist spezialisiert auf öffentliche und private Unternehmensanleihen. Das noch immer inhabergeführtes Investmenthaus wurde 1988 in New York von George Muzinich gegründet, der heute als Chairman fungiert. Im Jahr 2022 kehrte dessen Sohn Justin Muzinich als CEO in die Firma zurück, die heute 250 Mitarbeiter an 17 Standorten weltweit beschäftigt. Das Leistungsspektrum umfasst ein breites Feld globaler öffentlicher und privater Kreditmärkte – von Investment Grade und Emerging Markets über Syndicated Loans bis hin zu Direktkrediten, Parallel Lending sowie Finanzierungen im Luftfahrtsektor.