Laues Lüftchen an den Finanzmärkten

Alfred Ernst

Alfred Ernst

Es ist fast zu schön, um wahr zu sein, aber das erste Quartal 2013 schloss nahtlos an den vierten Dreimonatszeitraum des Jahres 2012 an, zumindest was die Aktienmärkte betrifft. In sämtlichen wichtigen Märkten dominierten erneut die grünen Ziffern, und entsprechend erspriesslich präsentieren sich die Quartalszahlen.

Allen voran präsentierten sich Japans Dividendenpapiere abermals in beneidenswerter Form. Getrieben durch die politisch motivierten Absichten, mittels Schwächung des Yen das Land der aufgehenden Sonne wieder in die Champions League der globalen Exportnationen zu hieven, stürmte das Börsenbarometer Topix um 20 Prozent nach oben.

Doch wozu in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Auch der Schweizer Aktienmarkt muss angesichts einer Avance von über 15 Prozent sein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Mehr noch: Im Vergleich über zwölf Monate, also von März 2012 bis jetzt, schwingt der Swiss Performance Index mit einem satten Plus von 26,7 Prozent gegenüber den anderen etablierten Industrienationen weit oben aus.

1 Indexentwicklung in lokaler Währung. Ausnahmen Asien ex Japan und Welt in US-Dollar


Übergewichtung von Aktien zahlt sich aus

Die von uns seit Monaten verfolgte Strategie, Aktien hoch zu gewichten, hat sich somit erneut ausbezahlt. Das war und ist mit Blick auf die konjunkturelle und politische Großwetterlage keineswegs selbstverständlich. Die Wintermonate waren denn auch gezeichnet von Grabenkämpfen hüben wie drüben, welche durchaus das Zeug xdazu hatten und haben, den Anlegern das Blut in den Adern gefrieren zu lassen.

Da war etwa das Gezerre im Budgetstreit der USA, in dem es bis Ende Februar trotz der von beiden Parteien an die Wand gemalten Gefahren keine Einigung gab. Anfang März sind damit automatische Budgetkürzungen in Kraft getreten. Derweil die Auswirkungen auf die Konjunktur nicht unterschätzt werden sollten, sind die Finanzmärkte entgegen den zuvor gehegten Befürchtungen nicht über die im Vorfeld vielleicht etwas hochstilisierte „steuerliche Klippe“ gestürzt.

Ebenfalls nur temporär vermochte der Ausgang der Wahlen in Italien die gute Stimmung der Aktienbörsen außerhalb des „bel paese“ zu trüben. Freilich sind die politischen Probleme ungelöst. Massives Störfeuer kam zuletzt auch aus einem anderen Mittelmeer-Land. Aber selbst die Entwicklung in Zypern, wo mit Zwangsabgaben auf Bankguthaben sowie Kapitalverkehrskontrollen für ein EU-Land bisher undenkbare Maßnahmen ergriffen wurden, vermochte die internationalen Aktienbörsen nicht nachhaltig aus dem Gleichgewicht zu werfen.

Mit Billiggeld gegen sämtliche Übel

An den Börsen überwiegt zurzeit der Glaube, die Flut des billigen Notenbankgeldes vermöge die zahlreichen Flächenbrände zu löschen oder mindestens auf überschaubare Brandherde einzudämmen. Darüber hinaus, und das ist weniger erbaulich, fehlen den Investoren schlichtweg die Alternativen zu Aktien. Anlagenotstand herrscht.

So sind Obligationen buchstäblich nicht mehr das, was sie mal waren. Vielmehr sind sie es, welche mehr und mehr zu den eigentlichen Risikopapieren in den Portfolios der Investoren mutieren. Der „risikofreie Return“, eine wichtige Bezugs- und Rechengröße in der Finanzwissenschaft, wird spaßeshalber, aber doch mit einer gehörigen Prise Wahrheit, mittlerweile als „returnfreies Risiko“ verulkt.

In der Tat können Anleihen heute kaum mehr auf breiter Front punkten. Entweder ist die Bonität der Schuldner im staatlichen Bereich ein Problem, da sie tendenziell immer schlechter wird und ausdrückt, dass die Sicherheit künftiger Zins- und Kapitalrückzahlungen bröckelt. Oder es ist der Zinssatz, der bei genauer Betrachtung in vielen Ländern für ein Verlustgeschäft sorgt, weil die Renditen unter den Inflationsraten liegen und die Anleger damit schleichend enteignet werden.

Zu guter Letzt droht dann am Horizont noch das Gespenst dereinst wieder steigender Zinsen – nicht unmittelbar zwar, denn die Politik des billigen Geldes dürfte angesichts der weitum hüstelnden Wirtschaft unverändert Bestand haben. Aber wie sieht es in zwei, drei Jahren aus, wenn die Konjunktur doch wieder auf Touren kommen sollte?

Vom heutigen Niveau aus kann es dann nur eine Richtung für die Zinsen geben:
Nach oben. Dies mit den entsprechend negativen Folgen für bestehende festverzinsliche Wertpapiere.


2 Bewertung in Fondswährung. Quelle: Bloomberg oder jeweilige Fondsgesellschaft

Der Blick auf die Tabellen „Renditen zehnjähriger Staatsobligationen“ (rechts) sowie „Kurs / Buchwert und Dividendenrendite wichtiger Aktienmärkte“ (Seite 4) zeigt den Notstand augenfällig. Trotz rasantem Rallye in den vergangenen drei Monaten beläuft sich die Dividendenrendite der Schweizer Aktien im Durchschnitt noch immer auf 2,9 Prozent. Schweizerische Staatsobligationen mit zehnjähriger Laufzeit bringen es dagegen auf eine Rendite von lediglich 0,7 Prozent.

Im Euro-Gebiet werfen Aktien über ihre Dividendenausschüttungen 3,6 Prozent Jahresrendite ab, derweil man sich im Falle von Obligationen mit 1,3 Prozent begnügen muss. Zwar kann man überall mit guten Unternehmensobligationen etwas mehr herausholen, die Renditen bleiben indes ebenfalls weiter unter den Ausschüttungsrenditen der Aktien.

Dazu kommt, dass die Zinscoupons festverzinslicher Papiere – nomen est omen – fix sind, derweil bei den Dividenden der guten Unternehmen über die Zeit mit steigenden Zahlungen an die Firmeneigner gerechnet werden darf.



Kommentar zur Vermögensallokation


An den Sitzungen des Anlagekomitees haben wir die folgende Vermögensallokation eines ausgewogenen Schweizer-Franken-Portfolios mittlerer Risikostufe ohne kundenseitige Einschränkungen beschlossen (Mandate in anderen Referenzwährungen weisen teilweise abweichende Veränderungen und Gewichtungen auf):

Geldmarkt: Die taktische Geldmarktquote beträgt neu 10 Prozent. Dies ist in dem Sinn als Zielgröße zu verstehen, als dass fällige Obligationen in nächster Zeit nicht zwingend und in vollem Umfang in Obligationen reinvestiert, sondern flüssig parkiert werden.

Obligationen: In klassischen Obligationen herrscht der besagte Anlagenotstand, weshalb Fälligkeiten nur sehr zurückhaltend reinvestiert werden. Die Nischen-Anlagen wie der BlueBay High-Yield Bond Fund, der New Capital Wealthy Nations Bond Fund sowie der Acatis IfK Value Renten Fond bewegen sich in etwa auf dem Niveau vom Jahresende . Die Gewichtungen sind nicht verändert worden.



3 Bewertung inklusive reinvestierte Ausschüttung, wo anwendbar.


Aktien Schweiz:
Seit Jahresbeginn hat sich auch hier an der aktiven Zuteilung nichts verändert. Da der Schweizer Aktienmarkt im ersten Quartal punkto Ergebnis aber mit zu den besten zählte, sind die Gewichte dennoch gestiegen und haben rund 28 Prozent eines ausgewogenen gemischten Portfolios erreicht. Damit sind wir hier leicht übergewichtet.

Unser Direktanlage-Portfolio Swiss Stock Portfolio (SSP) rentierte im ersten Dreimonatszeitraum 15,3 Prozent und damit leicht besser als der SPI, welcher mit einem Ergebnis von +15,1 Prozent ins Ziel spurtete (beide Werte inklusive Dividenden).

Aktien Europa: Unverändert übergewichtet schlagen auch europäische Dividendenpapiere zu Buche. Das Direktanlage-Portefeuille European Stock Portfolio (ESP) weist für das erste Quartal eine Performance von +2,1 Prozent auf, verglichen mit je +5,7 Prozent beim MSCI Europe Index und beim DJ Stoxx 600 (inklusive Dividenden).

Die etwas schwächere Entwicklung unserer Titel-Auswahl hat vor allem damit zu tun, dass wir getreu unserer langjährigen und erfolgreichen Anlagestrategie ausschließlich auf sogenannte „werthaltige“ Titel (Value-Stil) setzen. In der Aufbruchstimmung der Märkte hat der warme Aufwind in den letzten Wochen aber vor allem die sogenannten Wachstums-Titel nach oben getrieben.



4 Quelle: Bloomberg

Aktien USA:
Nachdem der viel beachtete Dow Jones Industrial Index der Börse in New York bereits früher in unbekanntes Territorium vorgestoßen war, konnte auf das Quartalsende hin auch der breiter gefasste S&P-500-Index ein neues Allzeithöchst erklimmen. Mit 1569 Punkten wurde am Gründonnerstag die auf den 9. Oktober 2007 zurückgehende alte Bestmarke erstmals seit Ausbruch der Finanzkrise überwunden.

Die Übergewichtung der US-Aktien hat sich damit bezahlt gemacht, zumal auch der US-Dollar zu Franken und Euro gestiegen ist. Die Erholung des Greenbacks lässt sich mit der relativ besseren wirtschaftlichen Entwicklung in den USA sowie der erneuten Unsicherheit in der Euro-Zone erklären. In Amerika kommen nun auch vom gebeutelten Immobilienmarkt und vom Arbeitsmarkt erfreuliche Signale.

Aktien Asien (ohne Japan): Die asiatischen Märkte wurden ebenfalls ins Fahrwasser der mehr oder weniger globalen Hausse gezogen und haben sich erfreulich entwickelt. Wir haben die Allokation in diesem Segment auf untergewichtet belassen.

Aktien Japan: Mit einem Plus von 20 Prozent gehört Japan zu den Märkten mit klarem Aufwärtstrend. Wir haben unsere Allokation zu Beginn des Jahres von 2 auf 4 Prozent verdoppelt und sind damit aus Sicht unserer eigenen langfristigen Strategievorgabe neutral gewichtet.

Da von dem bereits gehaltenen JB Japan Stock Fund neu auch eine in Franken abgesicherte Tranche erhältlich ist, haben wir diese für die Aufstockung gewählt, zumal der Yen infolge der neuen Politik der Inflationsförderung unter Druck kam. In den Euro-Portfolios sind wir mangels einer abgesicherten Euro-Tranche dieses Fonds auf den iShares MSCI Japan Exchange Traded Fund ausgewichen, welcher das Währungsrisiko gegen Euro fortlaufend absichert.


5 Bezogen auf Referentwährung Schweizer Franken





Zum Schluss noch dies


Zypern zeigt erneut, wie wichtig Eigenverantwortung ist. Wer sein Geld schlechten Banken anvertraut hat, wird heute am härtesten bestraft. Man sollte meinen, das Beispiel Islands aus dem Jahr 2008, als Sparer (im großen Stil auch ausländische) beim Zusammenbruch der isländischen Banken Milliarden verloren haben, hätte als Warnung gedient.

Hat es nicht. Auch Zypern ist Opfer der in Relation zur Größe der Volkswirtschaft überdimensionierten Banken geworden. Natürlich muss man zugeben, dass das Ausmaß der Krise und der nun geplanten Maßnahmen selbst für vorsichtige zypriotische Sparer nicht vorhersehbar war, beziehungsweise der lokale Kleinsparer kaum Wahlmöglichkeit hatte. Dennoch illustrieren die Vorfälle, dass ein kritischer Risikocheck unentbehrlich ist.

Selbst eine staatliche Einlagensicherung sollte niemanden davon abhalten, sich Gedanken über die Sicherheit seiner Bank zu machen, bevor er ihr Geld anvertraut. Das gilt auch in der Schweiz. Zwar steht auf dem Papier, dass Einlagen bis 100'000 Franken pro Kunde und Bank versichert seien. Diese Garantie würde aber den Zusammenbruch eines größeren Instituts gar nicht verkraften können.

In der Praxis wird uns Eigenverantwortung immer mehr ab-, um nicht zu sagen, weggenommen. Schafft es das Kind nicht ins Gymnasium, sind Schule und Lehrer schuld. Gerät jemand auf die schiefe Bahn, gehört sein Umfeld angeprangert. Stirbt man an Lungenkrebs oder Überfettung, werden Tabakhersteller oder Hamburgerketten vor den Kadi gezerrt.

Und natürlich erschallt überall der Ruf nach staatlicher Regulierung und Prävention nebst Garantiefonds für alles und jedes. Auf dass auch die unkritischste Person jederzeit, ohne Risikocheck, und ohne später die Konsequenzen eines Fehlentscheids tragen zu müssen, stets zum tiefsten Preis einkaufen und zum höchsten Ertrag anlegen kann. Ist das wirklich der Weisheit letzter Schluss?

Wir danken Ihnen für das in uns gesetzte Vertrauen und wünschen Ihnen sonnige wie auch erspriessliche Frühlingstage.