Es gibt einen Satz, den Larry Fink in seinem diesjährigen Brief an die Aktionäre von Blackrock fast beiläufig platziert – und der doch alles erklärt: „Hier liegt der Ursprung eines Großteils der wirtschaftlichen Ängste unserer Zeit: das tiefe Gefühl, dass der Kapitalismus funktioniert – nur nicht für genug Menschen.“
Fink, 73 Jahre alt, Chef eines Unternehmens mit 14 Billionen Dollar verwaltetem Vermögen, hätte sich auf Erfolgsmeldungen beschränken können. 2025 war das stärkste Jahr in der Geschichte von Blackrock: knapp 700 Milliarden US-Dollar Nettomittelzuflüsse, ein neues AUM-Rekordhoch, eine Dividendenerhöhung von zehn Prozent. Stattdessen schreibt er einen Brief, der sich liest wie ein Aufruf zur Umgestaltung des globalen Finanzsystems.
Wer investiert, profitiert – wer nicht investiert, schaut zu
Der Ausgangspunkt ist eine schlichte, aber unbequeme Zahl: Seit 1989 ist ein Dollar im US-Aktienmarkt auf mehr als das 15-Fache dessen gewachsen, was ein an den Medianlohn gebundener Dollar zulegte. Die Wohlstandsgewinne der vergangenen Jahrzehnte flossen überwiegend denen zu, die Kapital besitzen – nicht denen, die Arbeit leisten.
Fink beschreibt darin ein strukturelles Problem: Zu wenige Menschen sind an den Kapitalmärkten beteiligt. In den USA hat rund 40 Prozent der Bevölkerung keine Beteiligung an den Kapitalmärkten. Weltweit ist der Anteil noch geringer. „Milliarden Menschen beobachten, wie ihre Volkswirtschaften wachsen – von außen, als Mieter statt als Eigentümer.“
Dass Langfristinvestieren funktioniert, belegt Fink mit einer schlichten Rechnung: Wer in den vergangenen zwei Jahrzehnten im S&P 500 investiert blieb, verachtfachte seinen Einsatz. Wer nur die zehn besten Börsentage verpasste, erzielte weniger als die Hälfte davon. „Einige der stärksten Markttage fielen in Phasen, die von besonders beunruhigenden Schlagzeilen geprägt waren.“
KI droht die Lücke zu vergrößern
Besondere Dringlichkeit bekommt Finks Analyse durch die Künstliche Intelligenz. Transformative Technologien schaffen enormen Wert – aber dieser konzentriert sich historisch bei den Unternehmen, die sie bauen, und den Investoren, die sie besitzen. KI, so Fink, könnte dieses Muster auf eine noch größere Skala heben.
Als Beleg dient ihm ein scheinbar absurdes Beispiel: Walmart erreichte seinen höchsten Börsenwert aller Zeiten – zwei Wochen nachdem der Luxus-Warenhauskonzern Saks bankrottging. Die Wirtschaft belohnt Skalierung wie nie zuvor, während andere zurückbleiben. „K-shaped outcomes“, nennt Fink das: Die Kurve teilt sich, die einen steigen, die anderen fallen.
Für den Arbeitsmarkt lässt er Vorsicht walten: „Über die Auswirkungen von KI auf den Arbeitsmarkt – insbesondere auf Berufseinsteiger im Bürobereich – besteht kein Konsens. Die Wahrheit ist: Niemand weiß es mit Sicherheit.“
Was er sicher weiß: Die physische Infrastruktur der KI braucht Facharbeiter. In den USA wächst die Beschäftigung für Elektriker dreimal so schnell wie der nationale Durchschnitt. Nvidia-Chef Jensen Huang sagte ihm: „Jeder sollte in der Lage sein, gut zu leben. Dafür braucht man keinen Doktortitel in Informatik.“
Deutschland: Europas größter Hebel
Unter den vier Ländern, die Fink als Beispiele für breiteren Kapitalmarktzugang anführt, misst er Deutschland eine besondere Rolle zu – nicht trotz seiner Größe, sondern wegen ihr.
Das deutsche Rentensystem stützt sich traditionell auf das Umlageverfahren. Kapitalgedeckte Elemente spielen im internationalen Vergleich eine deutlich geringere Rolle als etwa in den Niederlanden, Dänemark oder Schweden, wo fondsbasierte Systeme substanzielle Vermögen aufgebaut haben. Ende 2025 legte die Bundesregierung Vorschläge vor, steuerlich begünstigte private Altersvorsorge auszubauen. Parallel prüft eine Rentenkommission die langfristige Tragfähigkeit des Gesamtsystems.
Fink begrüßt das ausdrücklich – und betont die europäische Dimension: „Eine Rentenreform – insbesondere in großen Volkswirtschaften wie Deutschland – kann Europas langfristige Kapitalbasis erheblich ausweiten und Europas beträchtliche Ersparnisse in das Wachstum und die Innovation lenken, die das nächste Kapitel des Kontinents prägen werden.“ Er zitiert Mario Draghi, der seit Jahren für tiefere, integrierte europäische Kapitalmärkte plädiert: Genau dort könne Deutschland den entscheidenden Impuls setzen.
Der Gedanke dahinter ist für Fink klar: Europa verfügt über hohe Ersparnisse privater Haushalte. Die Frage ist nicht, ob das Kapital vorhanden ist – sondern ob es produktiv eingesetzt wird. „Die Stärkung kapitalgedeckter Altersvorsorge ersetzt nicht Europas Sozialmodell – sie kann es stützen, indem sie gemeinsame Verantwortung mit breiterem Eigentum an langfristigem Wachstum verbindet.“
Drei weitere Länder, drei weitere Wege
Die anderen Länderbeispiele illustrieren, wie verschieden die Ausgangssituationen sind – und wie ähnlich das Grundproblem.
USA: Ein Drittel der Amerikaner hat laut Blackrock-Umfrage keine 500 Dollar für einen Notfall. Letztes Jahr zogen so viele Beschäftigte wie noch nie Geld aus ihren 401(k)-Altersvorsorgeplänen, um laufende Kosten zu decken. Finks Forderungen: Notfallsparkonten mit Arbeitgeberbeteiligung, Investitionskonten für Neugeborene – und eine überfällige Debatte über die Zukunft der Sozialversicherung. Deren Treuhandfonds werde bis 2033 keine vollständigen Leistungen mehr zahlen können. „Die Probleme, über die wir nicht sprechen, sind genau die, die uns am meisten beunruhigen sollten.“
Indien: Eine Milliarde Inder tragen heute effektiv eine Bankfiliale in der Tasche. Blackrocks Joint Venture mit Mukesh Ambanis Reliance Group, Jio Blackrock, hat in weniger als einem Jahr über eine Million Investoren gewonnen. Fink sieht darin ein Modell für die nächste Stufe der Finanzinfrastruktur: Tokenisierung von Vermögenswerten. „Tokenisierung steht heute möglicherweise dort, wo das Internet 1996 stand.“
Japan: 2022 erhöhte Japan die Einzahlungsgrenzen für steuerbefreite Nisa-Sparkonten deutlich. Der Nikkei stieg von rund 28.000 auf über 50.000 Punkte, fast zehn Millionen neue Investoren – rund acht Prozent der Bevölkerung – traten in drei Jahren in den Markt ein.
Blackrock selbst: 14 Billionen, Ziel 35 Milliarden
Der unternehmerische Teil des Briefes ist knapp, aber präzise. iShares verzeichnete 527 Milliarden Dollar Nettomittelzuflüsse. Das aktive ETF-Geschäft verdreifachte sich auf knapp 100 Milliarden Dollar AUM.
Im Private-Credit-Bereich flossen fast 20 Milliarden Dollar zu, vor allem durch die übernommene HPS. Bis 2030 will Blackrock kumuliert 400 Milliarden Dollar im Private-Markets-Bereich einsammeln und mehr als 35 Milliarden Dollar Jahresumsatz erzielen – mindestens 30 Prozent davon aus Private Markets und Technologie. Seit dem Börsengang 1999 erzielte Blackrock eine annualisierte Gesamtrendite von 20 Prozent, gegenüber 9 Prozent für den S&P 500 und 7 Prozent für den Finanzsektor.
Das eigentliche Thema
Fink schließt mit einer historischen Parallele: 1776 verfasste Thomas Jefferson in Philadelphia die Unabhängigkeitserklärung – im selben Jahr veröffentlichte Adam Smith in Schottland „The Wealth of Nations“. Was als Zufall begann, sei zur gegenseitigen Abhängigkeit geworden. Demokratie brauche Menschen, die sich als Miteigentümer ihrer Volkswirtschaft verstehen. Die Kapitalmärkte seien heute das Instrument, das diesen Anteil real macht – „real in Dollar, Euro, Yen“.
Das ist Finks eigentliche Botschaft: breitere Eigentümerschaft, Teilhabe an Wachstum, langfristiges Investieren als gesellschaftlicher Hebel. Und er macht keinen Hehl daraus, dass Blackrock dabei eine Rolle spielen will – als Infrastruktur für eben diesen Prozess.
