Lackschuh statt Birkenstock Warum die Investmentbranche jetzt Nachhaltigkeit entdeckt

Anette Bickmeyer, selbstständige Beraterin: „Die Unternehmen wollen sich in Nachhaltigkeits-Rankings einen schlanken Fuß machen.”

Anette Bickmeyer, selbstständige Beraterin: „Die Unternehmen wollen sich in Nachhaltigkeits-Rankings einen schlanken Fuß machen.”

Umwelt- und sozialbewusste Anleger dürften sich derzeit wie Fans der Band R.E.M. im Jahr 1991 fühlen. Die Amerikaner landeten damals mit „Losing my Religion“ einen Welthit und gewannen Millionen neue Anhänger. Was viele nicht wussten: Die Band existierte da schon acht Jahre und hatte sechs Alben herausgebracht. Fans der ersten Stunden fanden sich plötzlich in sehr großer Gesellschaft wieder.

Was das mit nachhaltigem Anlegen zu tun hat? Ganz einfach: Der Gedanke, im Rahmen der Geldanlage auch auf umwelttechnische und gesellschaftliche Aspekte zu achten, ist schon Jahrzehnte alt. Nur war er lange Zeit nur was für Hippies und Birkenstock-Träger. Erst heute wird er so richtig populär. Der „Losing-my-Religion“-Moment war spätestens der, als die größte Fondsgesellschaft der Welt, Blackrock, öffentlichkeitswirksam bekanntgab, jetzt auch auf nachhaltige Kriterien zu achten. „Der Schritt von Blackrock könnte Symbolcharakter haben, der noch stärker dafür sorgt, dass ESG-Daten in Portfolios eine Rolle spielen“, meint Detlef Glow, der beim Fondsdienstleister Lipper in der Region Europa, Nahost und Afrika die Analyse leitet. Mit der gängigen Abkürzung ESG meint er die Schlagworte Environment (Umwelt), Social (Soziales) und Governance (Unternehmensführung).

Willkommen in Deutschland

Sechs Beispiele für nachhaltig orientierte Investmentfonds, die entweder neu aufgelegt oder neu in Deutschland zum Vertrieb zugelassen sind 
Quelle: pbm, Anbieter

Wie es aussieht, liegt er mit seiner Einschätzung richtig. Beinahe täglich bringt die Branche Studien, Fonds, Köpfe und Erkenntnisse hervor, die sich um ESG drehen. Die Natixis-Tochter DNCA vermeldet im Juli eine neu aufgebaute ESG-Abteilung. Die Berenberg Bank verpflichtet die Junior-Professorin Rupini Rajagopalan direkt von der Hamburger Uni und setzt sie als Chefin ins neu eingerichtete ESG-Büro. Die Fondsgesellschaft Janus Henderson holt nach 27 Jahren ihren nachhaltigen globalen Aktienfonds nach Deutschland. Auch nagelneue ESG-Fonds schießen wie Pilze aus dem Boden (siehe Kasten links). Und bei Fidelity stellt man in einer Studie fest, dass „höhere ESG-Faktoren die Anlageergebnisse von Unternehmensanleihen verbessern“. Da hätte man auch früher drauf kommen können. Aber die Branche war eben noch nicht so weit. Das ist heute anders, und auch die Politik mischt sich ein. So veröffentlichte die Europäische Kommission im Mai ein Maßnahmenpaket, wie man Nachhaltigkeit schneller vorantreiben könnte. Demnach sollen Fondsgesellschaften künftig schon in den Verkaufsunterlagen ausweisen, wie sie mit ESG-Faktoren umgehen. Außerdem sollen die europäischen Aufsichtsbehörden gemeinsam mit Spezialisten Standards für die ganze Materie entwickeln. Um nur zwei Vorschläge zu nennen.

Vor allem Standards sind bitter nötig. Denn noch immer ist deren Mangel eines der größten Hindernisse. „Die Befürworter sind sich generell einig, dass ESG eine verwirrende Abkürzung ist und nicht zwangsläufig die Philosophie hinter dem Ansatz widerspiegelt“, heißt es in einer Nachhaltigkeitsstudie des Londoner Pensions Policy Institutes. Der Investmentchef des britischen Pensionssystems The People’s Pension, Nico Aspinall, sagte im Rahmen der Studie: „Institutionelle Anleger und die grüne Lobby leben in verschiedenen Welten. Und sie riskieren es, unterschiedliche Sprachen zu sprechen.“