Kratzer im Lack Warum der Dax nicht zur Geldanlage taugt

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„Der Dax versteht sich als das Barometer schlechthin für den Zustand der deutschen Wirtschaft. Insbesondere in Portfolios, die Deutschland nur beimischen, kommt der Dax dieser Aufgabe nach“, sagt Thomas Meyer zu Drewer, der den Vertrieb von Lyxor in Deutschland leitet. Der Dax habe es außerdem geschafft, Aktienanlagen bei Privatanlegern populärer zu machen, was auch an folgendem Aspekt liege: „Er enthält Unternehmen, die im täglichen Leben jedem begegnen und von jedem genutzt werden, wodurch der Bekanntheitsgrad und die Akzeptanz noch weiter erhöht werden.“ In der Tat: Wer schnell noch nach Hause telefoniert, danach mit dem Auto zum Training fährt, anschließend duscht und sich eincremt, hatte eventuell mit fünf Dax-Unternehmen Kontakt: Deutsche Telekom, BWM, Daimler oder VW, Adidas, Henkel, Beiersdorf.

Und doch wirkt es heute so, als hätte jemand kräftig am Lack des bekannten Börsenbarometers gekratzt. Es entwickelte sich nicht so, wie es die bärenstarke deutsche Wirtschaft eigentlich nahelegt. Zwar liegt der Dax beispielsweise über zehn Jahre mit einem Plus von 72,8 Prozent vor den Euroländern Italien (22,0 Prozent), Spanien (11,8 Prozent) und Frankreich (71,3 Prozent, Stand 15. Mai 2020). Die hatten aber wirtschaftlich auch nicht viel zu bieten. Dafür landet er schon deutlich hinter eher ruhigen Vertretern wie Finnland (140,9 Prozent) und Irland (126,8 Prozent), aber vor allem weit abgeschlagen hinter den Strahle-Indizes aus den USA: Der S&P 500 etwa legte auf Euro-Basis mal eben um 256,7 Prozent zu. Weil der Dax als Total-Return-Index alle Dividenden von Haus aus rechnerisch wieder anlegt, sind auch die anderen Indizes hier inklusive Dividenden gemessen.

Die Renditeprobleme wirken hausgemacht. Denn einige der 30 Unternehmen gebärden sich seit einiger Zeit eher als Rasselbande denn als Elite. Jüngstes Beispiel ist der Zahlungsdienstleister Wirecard, der sich nicht in der Lage sieht, Schummel- und Betrugsvorwürfe souverän aus der Welt zu räumen und am 18. Juni einen beispiellosen Börsenabsturz hinlegt. Die Auto-Unternehmen haben sich mit der Abgasaffäre, einer größenwahnsinnigen Fusion (Daimler-Chrysler), rückwärtsgewandtem Lobbyismus und Selbstgefälligkeit höchstselbst den Asphalt unter den Rädern weggezogen und fahren nun elektromobilen Vorreitern hinterher. Bayer kaufte im Jahr 2018 mit Monsanto die „meistgehasste Firma der Welt“ (Zitat „Cicero-Magazin“) und finanzierte das dreist über neu ausgegebene Anleihen, die die Europäische Zentralbank aufkaufte. Und die einst kraftstrotzende Deutsche Bank dachte schon ernsthaft über eine Not-Fusion mit der Commerzbank nach. Das muss man erst einmal sacken lassen.

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