Klartext zum europäischen Aktienmarkt „Das ist dumm und widerspricht dem gesunden Menschenverstand“

Nick Williams managt europäische Nebenwerte bei Baring Asset Management

Nick Williams managt europäische Nebenwerte bei Baring Asset Management

private banking magazin: Wer ist zurzeit neidisch? US-Aktienmanager auf Sie oder Sie auf US-Aktienmanager?

Nick Williams: Ich bin ziemlich sicher, dass wir nicht aufeinander neidisch sind. Wir sind ja ein Team. Aber wenn ich von der Top-down-Perspektive unseres Multi-Asset-Teams ausgehe, dann haben wir US-Aktien unter- und europäische Aktien übergewichtet.

Ist das gut oder schlecht für Sie?

Es ist kein Unterschied, denn sie investieren nicht in meine Fonds. Das macht mein Leben etwas einfacher, denn ich brauche kein zusätzliches Geld aus der Multi-Asset-Gruppe.

Wird es denn schon schwierig, Anlagemöglichkeiten zu finden?

Offenbar sagen das viele Fondsmanager, denn es lässt ihren Job schwieriger erscheinen. Aber im Ernst: Denken wir einmal zurück an 2013, als Aktien stark gestiegen waren, der makroökonomische Hintergrund aber nicht besonders gut war. Das war schwierig. 2014 fielen dann die Kurse, und jeder war der Meinung, dass Europa einfach keine gute Erholungsgeschichte war. Auch das ist hart, weil dann der Rückenwind am Aktienmarkt fehlt. 1999 war es schwierig, da mussten Sie Internet-Aktien kaufen, sonst hat Sie der Markt überrannt. Und 2000 war es wieder schwierig. Denn wenn Sie da Internet-Aktien hatten, hatten Sie ein Problem.

Wo waren Sie da?

Als Fondsmanager bei meinem früheren Arbeitgeber. Sie hätten mich seitdem immer wieder fragen können, ob es einfach sei, gute Investmentgelegenheiten zu finden. Ich glaube, ich hätte nie ja gesagt. Es ist nie ganz einfach. Wir suchen immer nach Unternehmen mit starken Bilanzen, hohen Eigenkapitalrenditen und guter Historie. Wir suchen aber auch immer nach einem kurzfristigen Aufschwung des Aktienkurses. Wir suchen nach guten Managementteams, die Geld wieder sinnvoll in die Firma investieren, um die Qualität und damit langfristig die Renditen für Aktionäre zu verbessern.

Andere Investoren lieben es, wenn sie hohe Dividenden bekommen.

Ja, auch wir haben einen Income-Fonds im Angebot. Ich frage mich allerdings: Was soll ich mit einer hohen Dividende, wenn das Unternehmen keine Zukunft hat? Als Investmenthaus bevorzugen wir den Ansatz ‚Growth at a reasonable price‘. Wir kaufen also wachsende Unternehmen zu einem gerechtfertigten Preis.

Greifen Sie auch bei Neuemissionen zu?

Nein.

Nie?

Fast nie. Nur wenn wir uns mindestens zweimal direkt mit den Managementteams treffen können. Normalerweise hat man bei Neuemissionen aber schon Glück, wenn man ein Treffen in einer Gruppe bekommt. Und dann sitzt man da mit 300 Leuten und kann kaum Fragen stellen. Aber wenn die Unternehmen notiert sind, können wir uns die Zahlen anschauen und bekommen auch viel einfacher ein direktes Treffen. Und manchmal sind die Aktien sogar billiger. In dieser Hinsicht war das vergangene Jahr toll.

Inwiefern?

Von vielen Neuemissionen, bei denen wir nicht mitgemacht haben, sanken die Kurse im Börsenhandel. In der ersten Runde hatten die falschen Leute die Aktien gekauft.

Zum Beispiel.

Hedgefonds, die einen schnellen Gewinn machen wollten. Aber die Emission war dann doch nicht so heiß wie gedacht, und die ersten vorgelegten Zahlen enttäuschten. Also verkauften sie wieder.

Und Sie griffen zu.

Im vergangenen Jahr kauften wir Aktien von Euronext, Ontex, IMCD und Elior. Und alle notierten deutlich unter ihrem Ausgabepreis. Die Investoren, die die Aktien bei Ausgabe kauften, dachten einfach nicht im richtigen Zeithorizont.

Wie lang ist denn Ihr Horizont?

Unsere Vorhersagen beziehen sich auf bis zu fünf Jahre. Zunächst versuchen wir aber, 40 Prozent Gewinn in neun bis zwölf Monaten einzufahren.

Aha.

Das klappt natürlich nicht immer. Zurzeit haben wir 100 Aktien im Portfolio, 50 davon haben es geschafft. Und wir schauen, ob weitere 40 Prozent drin sind.

Die Geldflut der Zentralbank lässt Aktienkurse steigen. Hilft Ihnen das, oder ist das eher ein Problem?

Normalerweise schneiden wir bei der relativen Performance besser ab, wenn der Markt seitwärts läuft oder sogar fällt. Natürlich steigt auch unser Fonds, wenn der Markt als Ganzes anzieht. Aber als jemand, der auf Bewertungen und Qualität schaut, liegen wir in solchen enthusiastischen Phasen immer etwas zurück. Wer Aktien schlechterer Qualität kauft, wird in solchen Zeiten besser fahren.

Die berühmt-berüchtigte Trash-Rally?

Exakt. Ein perfekter Fondsmanager würde immer im richtigen Zeitpunkt zwischen hochwertig und minderwertig wechseln. Leider sind wir nicht perfekt. Wir haben immer nur Qualität.

Und hoffentlich keinen Müll.

Es besteht immer das Risiko, dass sich Qualität irgendwann als „Müll“ erweist. Aus diesem Grund sichern wir alles mit Stop-Loss-Limits ab.

Dann haben Sie jetzt gerade harte Zeiten.

Mit derart billigem Geld können Aktienbewertungen extrem hoch gehen. Das ist schwierig für Investoren wie uns, die auf den Preis achten.

Sie meinen Kurs-Gewinn-Verhältnisse von 25 oder 30?

Oder noch viel höher. Im Vergleich zu Anleihen sehen Aktien noch immer unheimlich billig aus. Aber diese Formel wirkt auch in gewisser Weise dumm und widerspricht dem gesunden Menschenverstand. Aber sollten wir irgendwann auch nur den Ansatz einer wirtschaftlichen Erholung sehen, dann können Aktienkurse noch viel weiter steigen.

Eigentlich müsste man dann steigende Zinsen erwarten, was Aktienkurse einbrechen lassen kann.

Ich glaube, dass diese Gefahr noch weit entfernt ist. Steigende Zinsen wird es erst geben, wenn wirtschaftliche Kapazitäten ausgelastet sind oder Inflation droht. Und beides kann ich noch nicht erkennen.