private banking magazin: Herr Kösters, die EB-Sim ist für das Portfoliomanagement der Evangelischen Kirche verantwortlich. Worin besteht die besondere Herausforderung?
Sebastian Kösters: Wichtig ist zunächst, dass die EB-Sim nicht der einzige Asset Manager ist, der für die Evangelische Kirche und deren Landeskirchen tätig ist. Allerdings wurde die EB-Sim als Portfoliomanagement-Tochter 2018 aus der Evangelischen Bank ausgegliedert und in dieser Funktion verwaltet sie heute rund 130 kirchliche Mandate. Die Besonderheit bei der Verwaltung des Vermögens besteht darin, dass die Kirche, anders als es bei der Geldanlage bei Privatpersonen der Fall ist, auf die Ewigkeit ausgelegt ist. Genau das muss sich in der Vermögensverwaltung widerspiegeln. Ebenso natürlich wie die sinkenden Mitgliederzahlen.
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private banking magazin: Herr Kösters, die EB-Sim ist für das Portfoliomanagement der Evangelischen Kirche verantwortlich. Worin besteht die besondere Herausforderung?
Sebastian Kösters: Wichtig ist zunächst, dass die EB-Sim nicht der einzige Asset Manager ist, der für die Evangelische Kirche und deren Landeskirchen tätig ist. Allerdings wurde die EB-Sim als Portfoliomanagement-Tochter 2018 aus der Evangelischen Bank ausgegliedert und in dieser Funktion verwaltet sie heute rund 130 kirchliche Mandate. Die Besonderheit bei der Verwaltung des Vermögens besteht darin, dass die Kirche, anders als es bei der Geldanlage bei Privatpersonen der Fall ist, auf die Ewigkeit ausgelegt ist. Genau das muss sich in der Vermögensverwaltung widerspiegeln. Ebenso natürlich wie die sinkenden Mitgliederzahlen.
Sind sich die Kirchen dieser Situation bewusst?
Kösters: Ja. Die Evangelische Kirche hat sich damit ihm Rahmen ihrer Projektion 2060 damit beschäftigt und festgestellt, dass sich deren Mitgliederzahl bis 2060 in etwa halbieren könnte. Da unmittelbar davon das Kirchensteueraufkommen abhängt, ergibt sich daraus, ähnlich wie bei der gesetzlichen Altersvorsorge einer Privatperson, eine Finanzierungslücke. Die Aufgabe des Asset Managers liegt darin, das vorhandene Kapital so anzulegen, dass diese Lücke geschlossen wird und der vorhandene Kapitalstock auf ewig erhalten bleibt. Es gibt hierbei also kein Enddatum für die Geldanlage.
Bei einem so langen Anlagehorizont kann man ins Risiko gehen, um langfristig sehr hohe Renditen zu erwirtschaften…
Kösters: Das ist richtig. Es lässt sich leicht ausrechnen, wie viel Rendite man auf die Ewigkeit erzielen muss, um die Finanzierungslücke zu schließen. Anspruchsvoll wird die Aufgabe dadurch, dass die Kirchen sehr genaue Vorstellungen davon haben, wie das Geld zu investieren ist und wo nicht. Dabei geht es nicht nur um das Thema Nachhaltigkeit oder darum, ob man in Waffenhersteller investieren darf oder nicht, sondern auch um die Einhaltung bestimmter Grenzen für die einzelnen Anlageklassen. Das gesamte Kapital in Aktien zu investieren, geht zum Beispiel nicht. Dazu kommt, dass jedes unserer 130 kirchlichen Mandate auch wieder andere Vorgaben hat. Da ist kaum ein Portfolio wie das andere.
Stellen Sie Veränderungen in der Anlagepolitik angesichts des andauernden Mitgliederschwundes fest?
Kösters: Ja, schon. Man kann grob sagen, dass eine Öffnung hin zu riskanteren, aber renditeträchtigeren Investments in den vergangenen Jahren stattgefunden hat und inzwischen dynamischer und offensiver investiert wird. Vor etwa zehn Jahren hatten manche Investoren noch eine Höchstgrenze von zehn Prozent für die Aktienbeimischung. Der konservativste kirchliche Anleger hat heute eine Maximalquote von 30 Prozent.
Dazu kommt, dass inzwischen neben Immobilien auch weitere illiquide Anlagen wie Infrastruktur zugelassen sind. Das ist aufgrund der zu berücksichtigenden Nachhaltigkeitskriterien zwar weitgehend auf erneuerbare Energie beschränkt. Damit können wir uns aber an Wind- oder Solarparks über Private Equity, also über die Vergabe von Eigenkapital, oder in Form von Private Debt und damit als Fremdkapitalgeber beteiligen.
Worauf basieren die angesprochenen Restriktionen und Veränderungen?
Kösters: Der zentrale Orientierungspunkt ist der Leitfaden für ethisch-nachhaltige Geldanlage in der evangelischen Kirche. Er wird vom Arbeitskreis Kirchlicher Investoren (AKI) veröffentlicht, bei dem wir Mitglied sind. Demnach sind zum Beispiel Spekulationen mit Nahrungsmitteln ausgeschlossen. Im Bereich Infrastruktur hat man sich geöffnet, ebenso wie bei Derivaten, da man damit Portfolios absichern kann.
Weiterhin als nicht nachhaltig werden Waffenhersteller eingestuft und auch Anleihen von Staaten, in denen es die Todesstrafe gibt, sind ausgeschlossen. Entscheidend ist aber, dass dieser Leitfaden ein lebendes Konstrukt ist, das sämtliche Veränderungen am Kapitalmarkt berücksichtigt. Die sechste Auflage, die derzeit in Arbeit ist, beschäftigt sich beispielsweise mit der Frage, ob Kryptowährungen nachhaltig im Sinne der kirchlichen Werte sind.
Und all das muss auch so umgesetzt werden?
Kösters: In der Tat werden bestimmte Dinge ausgeschlossen, aber es erfolgt auch keine dogmatische Umsetzung. Beim Bereich der Energiegewinnung dürfen wir zwar nicht in Unternehmen investieren, die Öl-Fracking betreiben. Aber nicht jede Art der fossilen Energieerzeugung per se fällt unter diesen Ausschluss. Das ist auch nicht sinnvoll, weil der Wind eben auch mal nicht weht oder die Sonne nicht scheint. Schließlich geht es darum, mit dem Einsatz der Nachhaltigkeitskriterien einen finanziellen Mehrwert zu erwirtschaften. Darin besteht unsere Kernaufgabe.
Wie funktioniert das genau?
Kösters: Wir stecken viel Entwicklungsarbeit in die Integration der Nachhaltigkeit in unseren Investmentprozess. Beispielsweise setzen wir eine nachrichtenbasierte ESG-Auswertung ein, bei der wir mit Hilfe der Künstlichen Intelligenz (KI) herausfiltern, welche Unternehmen künftig in Kontroversen geraten könnten. Solche Entwicklungen sind zentrale Tools in unserem Investmentprozess, weil wir damit unsere Nachhaltigkeitskriterien so einsetzen können, dass wir die Risiken im Portfolio minimieren. Wir schließen also jene Unternehmen aus, die größere Nachhaltigkeitsrisiken haben, oder gewichten sie geringer. Das führt dazu, dass das Portfolio defensiver und weniger riskant wird.
Trotzdem muss die Rendite stimmen…
Kösters: Natürlich wollen und brauchen kirchliche Investoren Rendite. Und unsere Aufgabe ist es, langfristig eine wettbewerbsfähige Rendite zu liefern. Das erreichen wir aber eher auf defensive Art und Weise. Das bedeutet: Entscheidend sind die Phasen, in denen es an den Märkten abwärts geht. Verliert der Markt 20 Prozent und wir machen nur Minus zehn Prozent, dann entspricht das den Vorstellungen der kirchlichen Investoren.
Tatsächlich ist der Schutz in Abwärtsmärkten viel wichtiger, als in Aufwärtsmärkten voll dabei zu sein. Der Schutz des Kapitals steht an erster Stelle. Das zeigt sich übrigens auch in den Ergebnissen: Langfristig schlagen wir die traditionellen Benchmarks, und zwar vor allem deshalb, weil wir in den Abwärtsphasen am Markt viel weniger Geld verlieren und folglich danach nicht so viel aufholen müssen. Unter dem Strich liefert unser Investmentansatz also eine bessere risikoadjustierte Rendite.
Welche Rolle spielt die Diversifikation dabei?
Kösters: Auch der Multi-Asset-Gedanke ist bei uns sehr tief verankert. Wir gehen keine Extrempositionen wie die US-Universitätsstiftungen ein, die nur in illiquide Anlagen gehen, oder der Norwegische Staatsfonds, der fast nur in Aktien investiert. Vielmehr geht es um eine breite Risikostreuung. Auch wenn sich die Anlagegrenzen der einzelnen kirchlichen Mandate unterscheiden, gemeinsam ist allen, dass sie eine breite Diversifikation über viele verschiedene Anlageklassen verfolgen. Das ist die zweite wichtige Komponente, um den Kapitalerhalt sicherzustellen.
Welcher Gedanke steckt hinter der Transparenz bei der Geldanlage der Evangelischen Kirche?
Kösters: Der Arbeitskreis Kirchlicher Investoren (AKI) sieht es als eine Aufgabe, im Bereich der nachhaltigen Geldanlage einen sinnvollen und übertragbaren Marktstandard zu setzen. Das steckte übrigens auch im Gründungsgedanken der EB-SIM. Damit nämlich soll dieses Konzept auch anderen Investoren zur Verfügung gestellt werden. Wir wollen damit zeigen, wo Anlagegelder eine positive Wirkung erzeugen können. Zudem halten wir das hinter unserer Kapitalanlage stehende Wertekonzept für gut, sinnvoll und richtig.
Diese Wertevorstellungen sollen nach außen getragen werden, damit sich öffentliche Diskussionen ergeben können und sich möglichst viele Investoren diesem Werteverständnis anschließen. Deshalb stellen wir unsere Expertise auch nicht-kirchlichen Kunden wie Stiftungen, Family Offices oder Versorgungswerken zur Verfügung. Zudem können Privatanleger über Fonds in unsere Strategien investieren. Und schließlich veröffentlicht der AKI auch deshalb den immer wieder aktualisierten Leitfaden.
Über den Interviewten:
Sebastian Kösters ist Investmentchef (CIO) und Mitglied der Geschäftsführung der EB Sustainable Investment Management, Vermögensverwalter und 100-prozentige Tochter der Evangelischen Bank.
Über den Autor:
Gerd Hübner bildet zusammen mit Heino Reents und Dirk Wohleb ein Autorenteam für das private banking magazin. Hübner ist seit 1998 als freier Finanzjournalist für diverse Zeitungen, Zeitschriften sowie Online-Medien in Deutschland tätig und arbeitet zudem als Investment Writer für Banken, Vermögensverwalter und Fondsgesellschaften.
