Dieser Artikel richtet sich ausschließlich an professionelle Investoren. Bitte melden Sie sich daher einmal kurz an und machen einige berufliche Angaben. Geht ganz schnell und ist selbstverständlich kostenlos.
Als Jess 1985 beginnt, Vermögensverwaltung gegen Honorar anzubieten, gibt es noch keine Depotbanken für Vermögensverwalter. „Wir haben einen Auftrag bekommen, die anzulegende Summe auf die Hausbank überweisen lassen und via Transaktions- und Handlungsvollmacht über dieses Depot gehandelt“, berichtet Jess. Das änderte sich erst 1994 mit der Gründung der Direkt Anlage Bank, heute DAB BNP Paribas. Dahm & Jess war der dritte Vermögensverwalter, der bei der DAB eine Geschäftsbeziehung eröffnete.
Dahm & Jess verwaltet Vermögen in zwei Mischfonds
Heute verwaltet das Unternehmen Kundenvermögen in zwei eigenen Mischfonds, die nicht zum offenen Vertrieb zugelassen sind. 2007 legte das Unternehmen den D&J Alpha, flexibel über alle Anlageklassen hinweg, und den defensiven Mischfonds D&J Beta mit einer Aktienquote von 25 Prozent auf. „Wir haben uns nach Inkrafttreten von Mifid I wohl oder übel eines Fondsmantels bedienen müssen, um unseren Mandanten die steuerlichen Vorteile in der Vermögensverwaltung zu erhalten“, sagt Philipp Jess.
Neben der Regulatorik spielte aber auch die Vereinheitlichung der Kundendepots eine wichtige Rolle. Um Mandate zu gewinnen, hatte der Vermögensverwalter in der Frühphase immer wieder Sonderwünsche der Kunden in seinen Depots berücksichtigt. „Das hat zu einer Heterogenität geführt, die kaum noch zu händeln war“, sagt Eckhard Jess. „Wir wollten ja gerade den Einfluss der Mandanten durch unsere Beauftragung – solange es gewünscht war – hintenanstellen.“
Als Fondsberater des ehemaligen Dachfonds Beta Select von DJE Investment landete Eckhard Jess in den 2000er-Jahren mehrfach in Perfomance-Bestenlisten unterschiedlicher Finanzmedien. Damals gewann das Unternehmen neue Kunden, die sich von der kurzfristigen Rendite haben locken lassen. Wenige dieser Mandanten seien aber bis heute geblieben. 340 Kundendepots hat Dahm & Jess. „Wir verwalten keine wabernde Vermögensmasse, sondern kennen jeden einzelnen Kunden und wissen, dass viele Mandanten nahezu ihr gesamtes Vermögen überlassen“, sagt Philipp Jess. „Das führt in der Anlagepolitik dazu, dass wir eher defensiv agieren.“
Konsolidierung unter Vermögensverwaltungen? Die haben eigene Regeln
Insgesamt fünf Mitarbeiter hat die Dahm & Jess Vermögensverwaltung. Im Durchschnitt beschäftigen unabhängige Vermögensverwalter in Deutschland 12 Mitarbeiter, wie eine aktuelle Studie des Instituts für Vermögensverwaltung (InVV) ergab. Mit einem betreuten Volumen von rund 80 Millionen Euro gehören die Kieler zu den kleineren Unternehmen in einer Branche, der seit Jahren ein Gesundschrumpfen prophezeit wird. Das findet allerdings nur langsam statt. Nach Zahlen von Pro Boutiquenfonds sank die Zahl der Portfolioverwalterlizenzen von 498 im Jahr 2014 auf 465 im April 2024. Die Zahl der Lizenzrückgaben hält sich also in Grenzen.
Dass die Konsolidierung unter den Vermögensverwaltern nicht so schnell vonstattengeht, wie vermutet, liegt auch an den Regeln der Branche. Während bei Transaktionen in anderen Sektoren der Preis ganz oben steht, geht es Vermögensverwaltern, die ihr Geschäft abgeben wollen, vor allem um eine beruhigende Nachfolgelösung für die Kunden. Private-Equity-Investoren stoßen mit ihren Geschäftsmodellen deshalb nicht immer auf offene Türen.
Bei Dahm & Jess fühlten solche Konsolidierer jedenfalls noch nicht vor. „Das ist möglicherweise etwas, was auf uns zukommen wird, wenn man sieht, wie viel Geld und Private-Equity-Investoren auf dem Markt sind“, sagt Jess. Laut der erwähnten InVV-Studie wollen derzeit rund ein Drittel der unabhängigen Vermögensverwalter in Deutschland ihre Gesellschafterstruktur verändern. Vor allem kleinere Vermögensverwaltungen, die weniger als 50 Millionen Euro verwalten, liebäugeln mit einem Zusammenschluss mit einer anderen Vermögensverwaltung.
Begriffe „Wertpapierinstut“ und „Vermögensverwalter“ ohne Strahlkraft
Das ist bei dem Kieler Vermögensverwalter zwar kein Thema, doch auch Philipp Jess sagt: „Was wir hier machen, ist eine Besonderheit.“ In Sachen Regulatorik sei das Unternehmen eigentlich zu klein, um die Anforderungen selbst zu schultern – aber unter ein Haftungsdach oder sich einer Holding anschließen wolle man eben auch nicht. Kleinere Einheiten, die heute neu an den Markt gehen, wählen meist den Weg über ein Haftungsdach und verzichten auf den beschwerlichen Weg zur eigenen Lizenz.
Auch Dahm & Jess bräuchte eine Finanzportfolioverwalterlizenz nicht zwingend. Universal Investment fungiert als Kapitalverwaltungsgesellschaft der beiden Mischfonds, die Kieler sind nur Anlageberater. Verzichten wollen sie auf eine Zulassung nach §15 WpHG aber nicht – obwohl dies letztlich nicht die Ausprägung eines Qualitätsnachweises sei, die man sich erhofft. „Mit dem Begriff Wertpapierinstitut können Verbraucher nichts anfangen“, so Philipp Jess. Und auch der Begriff „Vermögensverwalter“ habe kaum Strahlkraft entwickelt, ergänzt sein Vater.
Was Dahm & Jess und DJE Kapital eint
Zumindest ist gut drei Vierteln der finanzstarken Verbraucher in Deutschland das Berufsbild „unabhängiger Vermögensverwalter“ geläufig, wie eine Umfrage des Verbands unabhängiger Vermögensverwalter (VuV) in diesem Jahr ergab. Der Vermögensverwalter ist kein unbekanntes Wesen. Dazu dürften auch Zugpferde wie Flossbach von Storch und DJE Kapital ihren Teil beigetragen haben.
Hinter Eckhard und Philipp Jess, im Foyer des 2. Stocks der Sternwarte, hängen Fotografien von Alfred Ehrhardt, Vater von Jens Erhardt. Eckhard Jess ist seit 40 Jahren bekannt mit dem DJE-Gründer. Erhardt hat die gleichen Fotografien auch in seinem Büro in Pullach bei München hängen. Und noch etwas haben beide Unternehmen – sonst in unterschiedlichen Sphären unterwegs – gemeinsam: Die nächste Generation steht schon lange bereit, um die Geschäfte zu übernehmen.
Bei DJE ist Jan Ehrhardt seit 2015 stellvertretender Vorstandsvorsitzender. Mit Rechtsanwalt Philipp Jess fand bereits 2007 die neue Familiengeneration ihren Platz im Unternehmensgefüge. Der 50-Jährige ergänzt mit seiner Beratungsdisziplin die Mandantenbetreuung auch zur Nachlassplanung, Testamentsgestaltung und -Vollstreckung – und ist Compliance-Beauftragter. „Ich habe bewusst ein Studium gewählt, bei dem die Schnittmenge nicht besonders groß ist zur Tätigkeit meiner Eltern“, sagt er. Die hätten ihn ohnehin nie gedrängt, einmal die Unternehmensnachfolge anzutreten. Doch mit Jess‘ Eintritt verwirklichte sich noch ein Stück mehr die Idee seines Vaters, die alte Sternwarte zu einem „Haus der Dienstleistungen“ zu machen.
„Ich befürchte, dass einige Vermögensverwalter von den Mühlsteinen zerrieben werden können, die sie umgeben“
Aus dem Dachgeschoss führt eine Leiter auf das Dach der Sternwarte. Im zweiten Weltkrieg stand hier ein Flakgeschütz, das die ankommenden Flieger der Alliierten abwehren sollte. Dass die Sternwarte – in der Flugschneise zwischen Marinehafen und den Werften auf dem Ostufer der Kieler Förde – den Bombenhagel überstand, gleicht einem Wunder. Heute bietet sich von der kleinen Plattform einer der schönsten Ausblicke über Kiel. „Wir betrachten eben alles von einer höheren Warte aus“, sagt Eckhard Jess mit einem verschmitzten Lächeln.
Wie die Aussichten für die Branche der Vermögensverwalter, zwischen einem regulatorischen Dschungel, wachsender Konkurrenz von digitalen Vermögensverwaltern und Fachkräftemangel, sind, vermag der 79-Jährige nicht rundum zu bewerten. Doch die Befürchtung, „dass einige Vermögensverwalter von den Mühlsteinen zerrieben werden können, die sie umgeben“, hat er.
Die breite Aufstellung von Dahm & Jess habe den Vorteil, dass man nicht die komplette Abhängigkeit von guten oder schlechten Börsenjahren habe. Unternehmen, die rein auf die Vermögensverwaltung setzen, dürften es hingegen zunehmend schwer haben.
„Unsere Nische ist nach wie vor zukunftsfähig, will aber verteidigt werden“, sagt Philipp Jess. Es gebe genug Menschen, die mit Vermögensverwaltung nicht nur Rendite verbinden, sondern auch den Gedanken, zu delegieren. „Die Entlastung von Entscheidungen und die Bereitschaft jederzeit Auskünfte jeglicher Art zu bieten, wird von unseren Mandaten geschätzt“, ergänzt Eckhard Jess. „Wir glauben, so etwas wie eine Wohlfühlrendite anbieten zu können.“ Und die lässt sich nicht in Prozent bemessen.