HNWI-Report von Capgemini Rekordjahr für HNWIs – doch die Kundenbindung erodiert

Zwei deutsche Bankvorstände im Capgemini-Expertenrat, eine Diagnose: Beat Bachmann und Oliver Neckel sehen die Branche an einem Wendepunkt — und fordern ein neues Verständnis von Erfolg.

Zwei der Bankvorstände im Capgemini-Expertenrat, eine Diagnose: Beat Bachmann und Oliver Neckel sehen die Branche an einem Wendepunkt – und fordern ein neues Verständnis von Erfolg. Bildquelle: BNP Paribas / BW Bank

Nur 17 Prozent der wohlhabenden Privatpersonen weltweit empfinden ihre Beratung als nahtlos und wirklich auf ihre Situation zugeschnitten. Das ist der unangenehmste Befund eines ansonsten sehr erfreulichen Reports: Das globale Vermögen der HNWIs – wohlhabende Privatpersonen mit einem investierbaren Vermögen von mindestens einer Million US-Dollar – wuchs 2025 um 8,7 Prozent auf den Rekordwert von 98,3 Billionen US-Dollar. Die weltweite Millionärspopulation stieg um knapp zwei Millionen auf 25,3 Millionen Personen – der stärkste Jahreswuchs seit 2018. Doch während die Vermögen wachsen, erodiert die Kundenbindung. Und traditionelle Vermögensverwalter verlieren Marktanteile an agilere Wettbewerber.

Aktienmärkte als Vermögensmotor

Treiber des Wachstums war vor allem die Entwicklung an den Aktienmärkten. KI-getriebene Kursgewinne im Technologiesektor stützten die Portfolios in fast allen Regionen. In den USA entfielen über 40 Prozent der S&P-500-Rendite auf die sogenannten Magnificent Seven. In Asien trieb die Halbleiternachfrage die Märkte: Der südkoreanische KOSPI legte 2025 um 75,6 Prozent zu – die stärkste Aktienmarktperformance weltweit. Asien-Pazifik verzeichnete mit 10,5 Prozent das höchste regionale Vermögenswachstum insgesamt, Nordamerika folgte mit 9,9 Prozent.

Europa erholte sich nach einem Rückgang im Vorjahr kräftig: Das HNWI-Vermögen stieg um 8,0 Prozent, die Zahl wohlhabender Privatpersonen um 6,5 Prozent. Der Stoxx Europe 600 schloss das Jahr mit einem Plus von 16,66 Prozent, gestützt durch sinkende Inflation, frühe Zinssenkungen sowie starke Beiträge aus dem Bank- und Verteidigungssektor. Einziger Ausreißer nach unten war der Nahe Osten, wo das HNWI-Vermögen um 1,5 Prozent schrumpfte – belastet durch niedrige Ölpreise und regionale Konflikte.

Deutschland unter den Gewinnern

Besonders stark entwickelte sich Deutschland: Die Zahl wohlhabender Privatpersonen wuchs um 11,1 Prozent, ihr Vermögen sogar um 12,7 Prozent – damit liegt Deutschland deutlich über dem europäischen Durchschnitt. Getrieben wurde das durch den DAX-Anstieg von knapp 22 Prozent, mit starken Kursgewinnen bei international aufgestellten Unternehmen wie Rheinmetall und Siemens Energy, sowie einen Immobilienpreisanstieg von 4,0 Prozent, geführt von steigenden Wohnungsmieten. Luxemburg legte mit 13,5 Prozent noch stärker zu. Frankreich und Großbritannien blieben mit 2,7 beziehungsweise 2,6 Prozent deutlich dahinter.

 

Die Vermögendsten wachsen am schnellsten

Innerhalb der HNWI-Welt setzt sich eine bereits im Vorjahr beobachtete Tendenz fort: Ultra-HNWIs – Personen mit einem Vermögen ab 30 Millionen US-Dollar – wachsen am schnellsten. Ihre Zahl stieg um 9,4 Prozent auf weltweit rund 250.000 Personen, ihr Vermögen legte um 9,7 Prozent zu – zum zweiten Mal in Folge stärker als alle anderen Segmente. Grund ist die breitere Streuung über höherrentierliche Anlageklassen wie Private Equity und Hedgefonds sowie konzentrierte Positionen in Wachstumssektoren. Die obersten ein Prozent der HNWIs halten inzwischen 34,8 Prozent des gesamten HNWI-Vermögens – ein Konzentrationsgrad, der die strategische Bedeutung des Ultra-Segments für Wealth Manager weiter unterstreicht.

UHNWIs verzeichnen zum zweiten Mal in Folge das stärkste Vermögens- und Bevölkerungswachstum Pyramidengrafik mit den drei HNWI-Segmenten, jeweiligem Vermögensanteil und Wachstumsraten 2024–2025. QuelleCapgemini Research Institute for Financial Services Analysis, 2026.
Note: Chart numbers and quoted percentages may not total 100% due to rounding.

Portfolios verschieben sich Richtung Aktien

Die Marktentwicklung schlägt sich direkt in der Portfoliostruktur nieder. Der Aktienanteil stieg bis Januar 2026 auf 25 Prozent – ein Plus von drei Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. Anleihen legten um zwei Punkte auf 20 Prozent zu, getragen von den höchsten Bondmarktrenditen seit 2020. Der Anteil alternativer Anlagen sank dagegen auf 12 Prozent – nicht aus mangelndem Interesse, sondern weil die starke Aktienperformance deren relatives Gewicht im Portfolio drückte. Das Interesse an Private Equity bleibt dabei ungebrochen: 68 Prozent der befragten HNWIs wollen ihr Engagement dort ausbauen. Dass 88 Prozent der vermögenden Privatpersonen bereits mit mehreren Anbietern zusammenarbeiten, um überhaupt Zugang zu alternativen Investments zu erhalten, ist dabei mehr als ein Randdetail – es ist ein direktes Urteil über die Produkttiefe traditioneller Häuser.

1,5 Billionen Dollar fließen an etablierten Häusern vorbei

Capgemini schätzt, dass zwischen 2022 und 2025 rund 1,5 Billionen US-Dollar an neu verwaltetem Vermögen nicht an etablierte Häuser, sondern an Wettbewerber floss – Family Offices, WealthTechs und unabhängige Berater. Der Marktanteil traditioneller Anbieter am investierbaren HNWI-Vermögen sank im selben Zeitraum von rund 70,5 Prozent auf 66,6 Prozent.

Beat Bachmann, Deutschland-Chef von BNP Paribas Wealth Management, benennt eine der Kernursachen: „Banken operieren über verschiedene Jurisdiktionen, Regulierungen und Buchungszentren hinweg – doch Kunden sehen davon nichts. Sie erwarten schlicht, dass ihr Vermögen länder- und kontoübergreifend zugänglich und kohärent ist. Die Lücke zwischen institutioneller Komplexität und der vom Kunden erwarteten Einfachheit ist der Ort, an dem Reibung entsteht.“ Diese Reibung hat einen Preis – und der lässt sich inzwischen in Billionen messen.

Anneka Treon, Global Head of Private Banking bei ING, beschreibt die Konsequenz aus Kundensicht: „Vermögende Kunden sind es gewohnt, in ihrem Alltag nahtlos und digital zu agieren. Wenn sie bei ihrer Privatbank auf Hürden stoßen, fällt der Kontrast stark auf – und sie schauen sich anderswo um. Das setzt das traditionelle Private-Banking-Modell unter ernsthaften Druck, während digitale Wettbewerber stetig aufholen.“

 

Die Zahlen bestätigen diese Einschätzung. 42 Prozent der vermögenden Privatpersonen berichten, ihre Ziele und Präferenzen bei demselben Institut mehrfach wiederholen zu müssen. 60 Prozent der befragten Führungskräfte räumen ein, dass ihren Häusern eine einheitliche Kundensicht fehlt – mit der Folge fragmentierter Prozesse und doppelter Arbeit. Und die Reaktion der Kunden ist unmissverständlich: 2019 arbeiteten noch 39 Prozent der HNWIs ausschließlich mit einem einzigen Haus zusammen – 2025 sind es nur noch 19 Prozent. Der Anteil der Kunden, die vier bis sechs Anbieter parallel nutzen, hat sich im selben Zeitraum von 12 auf 25 Prozent verdoppelt.

Rückgang exklusiver Kundenbeziehungen von 39 auf 19 Prozent, Anstieg der Mehrfachbeziehungen von 12 auf 25 Prozent, jeweils 2019 versus 2025. 
Quelle: Capgemini Research Institute for Financial Services Analysis, 2026.

Berater als Flaschenhals

Ein weiteres strukturelles Problem liegt im Alltag der Kundenberater selbst. 41 Prozent ihrer Arbeitszeit entfällt auf operative Aufgaben – Compliance, Dokumentation, Portfolioüberwachung. Für proaktive Beratung bleibt wenig Raum. Charles Boulton, CEO Private Bank bei HSBC, bringt die erforderliche Rollenveränderung auf den Punkt: „Da die Bedürfnisse der Kunden immer komplexer werden, kann ein einzelner Berater nicht in allem Experte sein. Seine Rolle dreht sich zunehmend darum, die richtige Expertise im richtigen Moment verfügbar zu machen."

Drei Viertel der befragten Berater wünschen sich KI-gestützte Systeme, die Routineaufgaben abnehmen. 61 Prozent wollen Zugang zu einem integrierten Netzwerk aus Spezialisten für Steuern, Erbschaft, Kreditvergabe und weitere Bereiche. Laut Capgemini könnten entsprechende Lösungen die operative Arbeitslast der Berater um bis zu 50 Prozent reduzieren – nicht um mehr vom Gleichen zu tun, sondern um Kapazität für tiefere Kundengespräche freizusetzen. Die kommerzielle Wirkung ist messbar: Koordinieren Berater Spezialisten effektiv, empfehlen 53 Prozent der betreuten Kunden das Haus weiter – und 47 Prozent konsolidieren mehr Vermögen bei diesem Anbieter.

KI als Verstärker, nicht als Ersatz

Das zentrale Konzept des diesjährigen Reports ist die sogenannte Augmented Intelligence –Künstliche Intelligenz nicht als Automatisierungsmaschine, sondern als Werkzeug, das menschliche Beratung schärfer und präziser macht. KI analysiert Kundendaten, erkennt Verhaltenssignale und antizipiert Bedarfe, damit der Berater im Gespräch fundierter und proaktiver agieren kann.

Dazu zwei klare Positionen aus den USA. Massy Williams, Head of Wealth Management bei Vanguard, formuliert den Anspruch so: „Der eigentliche Mehrwert von KI liegt nicht in Effizienz, sondern darin, dass sie Berater in die Lage versetzt, hyperpersonalisierte, erkenntnisgetriebene Kundenerlebnisse zu schaffen – während sie sich auf tiefere, bedeutungsvollere Beziehungen konzentrieren.“ Jared Murphy, Head of Wealth Management Strategic Accounts bei Blackrock, ergänzt: „Im großen Maßstab entsteht Differenzierung durch die Verbindung von KI-gestützten Erkenntnissen mit Vertrauen, Urteilsvermögen und der Fähigkeit, Entscheidungen in volatilen Momenten verständlich zu erklären.“

Capgemini empfiehlt für die Umsetzung ein Dreisäulenmodell: den Zugang zu alternativen Anlagen, Private Equity und tokenisierten Assets ausweiten; den Relationship Manager vom Produktvermittler zum Orchestrator eines Spezialistennetzwerks entwickeln; und eine intelligente Datenschicht aufbauen, die alle Kundeninformationen in Echtzeit zusammenführt und institutionell verankert – unabhängig von Beraterwechseln oder Generationenübergängen. Zwei deutsche Bankvorstände setzen dabei den praktischen Akzent.

Oliver Neckel und Beat Bachmann: Der deutsche Blickwinkel

Beat Bachmann von BNP Paribas hat bereits beschrieben, wo die operative Herausforderung liegt. Oliver Neckel, Mitglied des Vorstands der BW-Bank, verantwortlich für Wealth Management und Private Banking, geht einen Schritt weiter: Er stellt die Frage, woran Erfolg in der Vermögensverwaltung überhaupt gemessen werden sollte.

„In der Vermögensverwaltung lässt sich Erfolg nicht allein an Erträgen oder dem Wachstum verwalteter Vermögen messen“, so Neckel. „Eine strukturierte Messung der Kundenzufriedenheit liefert aussagekräftigere Signale – sie zeigt, ob die Dienstleistungen wirklich den Erwartungen entsprechen und wo Häuser ihr Angebot, die Ausbildung ihrer Berater und ihr Betreuungsmodell anpassen müssen.“

Das ist keine weiche These, sondern eine operative Konsequenz mit strategischer Relevanz: Häuser, die Erfolg primär über verwaltete Vermögen definieren, erkennen oft zu spät, dass die Kundenbindung bereits erodiert – weil die Volumina wachsen, während die Loyalität schwindet. 1,5 Billionen US-Dollar, die zwischen 2022 und 2025 an traditionellen Häusern vorbeigezogen sind, sind der Beweis. Wer das Warnsignal ernst nimmt und sein Betriebsmodell jetzt umbaut, akkumuliert einen Vorsprung, den Nachzügler kaum mehr aufholen werden.

 

Methodik: Der World Wealth Report 2026 basiert auf drei im Januar 2026 durchgeführten Erhebungen: einer Befragung von 6.510 HNWIs in 27 Märkten, einer Befragung von 144 Führungskräften aus der Vermögensverwaltung in 24 Märkten sowie einer Befragung von 1.317 Relationship Managern in 24 Märkten. Die Vermögensgrößen basieren auf dem proprietären Lorenz-Kurven-Modell von Capgemini, das 71 Märkte erfasst und mehr als 98 Prozent des globalen Bruttonationaleinkommens abbildet. Als HNWIs gelten Personen mit einem investierbaren Vermögen von mindestens einer Million US-Dollar, ohne Hauptwohnsitz, Sammlerstücke und Konsumgüter.

Der World Wealth Report 2026 wurde vom Capgemini Research Institute erstellt und dient ausschließlich Informationszwecken. Er stellt keine Anlageberatung dar. Den ganzen report können Sie hier lesen.

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