Herr Sudiyarov, trotz kurzfristiger Volatilität beim Uranpreis bleiben die langfristigen Preisprognosen stabil. Was sollten Anleger über die steigende Nachfrage nach Kernenergie wissen?
Kamil Sudiyarov, VanEck
Kamil Sudiyarov: 2023 gab es einen kräftigen Schub beim Uranpreis. Obwohl die Spotpreise zu Beginn dieses Jahres leicht gesunken sind, blieben die langfristigen Uranpreiserwartungen konstant bei etwa 80 US-Dollar pro Pfund. Das bestätigt unsere Überzeugung, dass die Nachfrage nach Kernenergie weiterhin konstant hoch bleibt.
In den USA werden stillgelegte Uranminen reaktiviert und neue Projekte angestoßen – wie tragfähig ist dieser Trend?
Sudiyarov: In den USA gibt es zahlreiche Bergbauunternehmen, die nach dem Reaktorunglück in Fukushima ihren Betrieb eingestellt haben – sie konnten im internationalen Wettbewerb schlicht nicht kostendeckend arbeiten. Ab 2017/2018 kam die Uranproduktion in den USA sogar vollständig zum Erliegen. Inzwischen werden einige dieser Minen wieder hochgefahren, außerdem gibt es neue Explorationsprojekte. Die Erschließung neuer Bergwerke ist ein langwieriger Prozess, der oft zehn bis fünfzehn Jahre dauert, bis tatsächlich mit der Förderung begonnen werden kann.
Die US-Regierung hat mehrere Executive Orders unterzeichnet, um den Ausbau der Kernenergie zu fördern. Welche konkreten Auswirkungen erwarten Sie daraus für den Sektor?
Sudiyarov: Die vier von Präsident Trump im Jahr 2025 unterzeichneten Executive Orders betonen die heimische Kernenergieproduktion und robuste Lieferketten. Derzeit erfolgen global gesehen rund 40 Prozent der Urananreicherung in Russland, wovon viele Länder abhängig sind.
Zudem gibt es in den USA Rückenwind für den Bau neuer Kernkraftwerke, der letztlich den beschleunigten Ausbau von künstlicher Intelligenz und die dafür erforderlichen Datenzentren unterstützen könnte.
Große US-Technologiekonzerne setzen zunehmend auf Kernkraft, um den Energiebedarf der KI-Infrastruktur zu decken. Wird Atomstrom zum Enabler der digitalen Zukunft?
Sudiyarov: Die Kernenergie bietet eine stabile und zuverlässige Stromversorgung und ist damit eine hervorragende Ergänzung zu den erneuerbaren Energiequellen. Gleichzeitig denken IT-Giganten darüber nach, ihren CO2-Fußabdruck zu reduzieren und möchten das Wachstum ihrer Energieversorgung nicht allein durch Gas- und Kohlekraftwerke sichern.
Welche Rolle spielt dabei die Kostenstabilität von Kernenergie im Vergleich zu fossilen Energieträgern?
Sudiyarov: Die Kalkulierbarkeit der Kosten ist in der Tat ein weiterer wichtiger Punkt: Während bei Gaskraftwerken etwa 80 Prozent der Betriebskosten vom Gaspreis abhängen, macht der Uranpreis nur rund 25 Prozent der Kosten eines Kernkraftwerks aus. Das bedeutet: Selbst wenn die Uranpreise steigen, spüren Endverbraucher davon nur wenig. Im Gegensatz dazu führen volatile Gaspreise oft zu schnellen und spürbaren Preissprüngen für Verbraucher.
Diese Vorteile machen Kernenergie besonders attraktiv für Unternehmen, die einen hohen und stetigen Energiebedarf haben – etwa Anbieter von künstlicher Intelligenz (KI). Weil KI-Anwendungen extrem viel Strom verbrauchen, planen einige Unternehmen, die weltweiten Kernkraftkapazitäten bis 2050 zu verdreifachen. So haben Firmen wie Amazon, Google, Meta und Microsoft eine gemeinsame Erklärung unterzeichnet, um diesen Ausbau zu unterstützen.
Ein konkretes Beispiel: Microsoft hat im September 2024 einen 20-jährigen Stromabnahmevertrag für einen stillgelegten Kernreaktor abgeschlossen. Zusammen mit dem Energieunternehmen Constellation Energy soll der Reaktor „TMI Unit 1“ der Anlage Three Mile Island im US-Bundesstaat Pennsylvania wieder in Betrieb genommen werden.
Denkbar ist, dass technologische Innovationen künftig den Stromverbrauch von Rechenzentren deutlich senken könnten, oder?
Sudiyarov: Rechenzentren sind in den letzten Jahren zwar viel effizienter geworden und verbrauchen pro Recheneinheit weniger Energie. Allerdings hat sich dieser Effizienzfortschritt zuletzt verlangsamt. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach KI-Anwendungen rasant, was den Ausbau von Rechenzentren und somit auch den Gesamtstromverbrauch erhöht.
Auch in Europa scheint sich die Wahrnehmung zu ändern: Energieversorgungssicherheit rückt in den Fokus, und alte Atomanlagen werden reaktiviert. Ist das die Renaissance der Kernkraft?
Sudiyarov: Es lässt sich tatsächlich ein Umdenken beobachten. Die Debatte um die Kernkraft wird heute wesentlich pragmatischer geführt als noch vor einigen Jahren – vor allem vor dem Hintergrund steigender Energiepreise, der geopolitischen Unsicherheit und des wachsenden Bedarfs an gesicherter, CO₂-armer Grundlast. In mehreren Ländern Europas sehen wir bereits konkrete Maßnahmen, sei es durch Laufzeitverlängerungen, Reaktivierungen oder Neubaupläne.
Ob man von einer Renaissance sprechen kann, hängt vom weiteren politischen Willen, regulatorischen Rahmenbedingungen und der gesellschaftlichen Akzeptanz ab. Klar ist: Die Energieversorgungssicherheit hat durch die Krisen der letzten Jahre massiv an Bedeutung gewonnen – und das hat die Tür für die Kernenergie wieder ein Stück weit geöffnet.
Small Modular Reactors (SMRs) stehen für eine neue Generation nuklearer Energiequellen: Sie sind kleiner, flexibler, sicherer – und womöglich wirtschaftlicher als traditionelle Atomkraftwerke. Wie weit ist die Technologie?
Sudiyarov: Während klassische Großkraftwerke seit einiger Zeit unter Kostenüberschreitungen, jahrelangen Verzögerungen und gesellschaftlichem Widerstand leiden, könnten SMRs eine pragmatische Lösung für Versorgungssicherheit und Klimaschutz sein. Small Modular Reactors sind kompakte Kernreaktoren mit einer Leistung von meist unter 300 Megawatt – ein Zehntel der Kapazität herkömmlicher Atomkraftwerke. Ihre modulare Bauweise ermöglicht eine serielle Fertigung in der Fabrik, wodurch Planung, Bauzeit und Kosten im Idealfall deutlich sinken. Zudem lassen sich SMRs je nach Bedarf skalieren: Mehrere Module können kombiniert oder schrittweise ergänzt werden.
SMR-Konzepte versprechen zudem mehr Sicherheit, weniger Abfall und eine höhere Brennstoffeffizienz.
Die Technologie ist noch nicht kommerzialisiert, aber weit fortgeschritten: Erste Prototypen laufen, einige Länder haben ambitionierte Fahrpläne. Doch ein skalierter kommerzieller Rollout liegt voraussichtlich noch Jahre entfernt.
Auf welche Werte setzt das Management des VanEck Uranium and Nuclear Technologies UCITS ETF?
Sudiyarov: Der VanEck Uranium and Nuclear Technologies UCITS ETF A ist ein passiver Fonds, der den MarketVector Global Uranium and Nuclear Energy Infrastructure Index abbildet. Dieser Index umfasst weltweit Unternehmen, die im Uranabbau und in den Bereichen der Kernenergie-Infrastruktur und -Technologie aktiv sind.
Inwieweit wird im ETF neben den etablierten Anbietern jungen Unternehmen Rechnung getragen?
Sudiyarov: NuScale Power ist ein US-Unternehmen aus Oregon, das sich auf die Entwicklung kleiner modularer Reaktoren (Small Modular Reactors, SMRs) spezialisiert hat. 2020 erhielt NuScale als erstes US-Unternehmen die Zulassung für das Design eines 50-Megawatt-Modulreaktors. Im Mai 2025 wurde diese Zulassung auf das 77-Megawatt-Modell ausgeweitet.
Ein weiteres innovatives Unternehmen ist Silex Systems aus Australien. Silex hat eine spezielle Lasertechnologie (SILEX) entwickelt, die vor allem zur Urananreicherung eingesetzt wird. Darüber hinaus nutzt das Unternehmen diese Technologie auch für andere Bereiche, etwa die Herstellung von Silizium für Quantencomputer oder medizinische Isotope.
Am Ende macht ein ausgewogenes Portfolio den Erfolg aus.
Sudiyarov: Absolut. Mit dem VanEck Uranium and Nuclear Technologies UCITS ETF erhalten Investoren Zugang zu einem weltweit einzigartigen Portfolio aus etablierten und innovativen Unternehmen – von Uranabbau über Anreicherung bis hin zur Entwicklung modernster Reaktortechnologien. Der ETF kann eine interessante Ergänzung im Portfolio sein – besonders für Anleger, die von der Transformation hin zu einer nachhaltigen, sicheren und digitalen Energieversorgung profitieren möchten.