Kennzahl für Kursraketen Wie man Tech-Aktien richtig bewertet

Stefan Waldhauser: „Das schönste daran ist, dass die Kennzahl unglaublich einfach zu berechnen und interpretieren ist“.  | © Stefan Waldhauser

Stefan Waldhauser: „Das schönste daran ist, dass die Kennzahl unglaublich einfach zu berechnen und interpretieren ist“. Foto: Stefan Waldhauser

Jeder, der beruflich mit dem Aktienmarkt zu tun hat, lernt in seiner Grundausbildung klassische Bewertungskennzahlen wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) und das Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) kennen. Diese gelten seit Jahrzehnten unverändert als das kleine Einmaleins der fundamentalen Aktienbewertung. Im Zeitalter der Digitalisierung ist dieses Grundlagenwissen für die Aktienanalyse jedoch oftmals unbrauchbar. Vor diesem Hintergrund möchten wir eine alternative Kennzahl vorstellen, die ebenso einfach zu berechnen, aber viel geeigneter ist, um die potentiellen Outperformer aus einem Anlageuniversum von Wachstumsaktien herauszufiltern.

Das Problem von KGV, KBV und Co.

Gegenwärtig entstehen gerade außerhalb der Börsen vor allem in den USA und China disruptive Unternehmen in nie dagewesener Geschwindigkeit. So existieren weltweit mittlerweile mehr als 300 sogenannte Einhörner (englisch: Unicorns), also mit Wagniskapital finanzierte, vorbörsliche Startups mit einer Bewertung von mehr als 1 Milliarde US-Dollar. Immerhin 20 von ihnen gehören zu den sogenannten Decacorns, wie neuerdings die Einhörner mit einer Bewertung von mindestens 10 Milliarden US-Dollar genannt werden.

Die meisten dieser Unternehmen werden in den kommenden Jahren an die Wall Street drängen. Aufgrund ihrer bereits erreichten Unternehmensgröße dürften viele dieser High-Growth-Unternehmen schon recht bald nach dem IPO einen Platz im S&P 500 Aktienindex der 500 wertvollsten börsennotierten US-Unternehmen beanspruchen. Daher erscheint die Vorhersage der Strategieberater von Innosight realistisch, die prognostizieren, dass in den kommenden zehn Jahren über die Hälfte der Unternehmen aus dem S&P 500 verschwinden und durch schneller wachsende Wettbewerber ersetzt werden.

Diese neuen und disruptiven Unternehmen sind auf maximales Wachstum in ihren Märkten getrimmt, während die kurzfristige Profitabilität noch nicht im Fokus des Managements steht. Solange die Kosten der Kundengewinnung in einem vorteilhaften Verhältnis zum Ertrag steht, den man im Laufe der Kundenbeziehung erzielen kann, ergibt das auch aus Shareholder-Value-Gesichtspunkten Sinn. Will man die Entwicklung solcher Unternehmen beurteilen, so ist das auf dem Gewinn eines einzigen Jahres basierende KGV nicht sonderlich hilfreich.

Solche „Revenue First”-Strategien sind nichts Neues: viele der heutigen digitalen Weltmarktführer haben enorme Werte für ihre Aktionäre geschaffen, bevor sie jemals unter dem Strich einen Gewinn ausgewiesen haben. Amazon zum Beispiel hat sieben Jahre lang nach dem IPO 1997 ausschließlich Verluste ausgewiesen. Auch in den zwölf Jahren danach bis 2016 war Jeff Bezos nicht an Gewinnen, sondern ausschließlich am Wachstum in immer neue Geschäftsfelder interessiert. Damit war das KGV für Amazon in den ersten 20 Jahren als börsennotiertes Unternehmen unbrauchbar. In dieser Zeit hat sich der Aktienkurs jedoch von 1,50 US-Dollar auf über 1.000 US-Dollar vervielfacht.