Der deutsche Staatsfonds Kenfo gibt seinen bisherigen Ausschluss von Rüstungsunternehmen bei liquiden Anlagen weitgehend auf. Das kündigte Vorstandschefin Anja Mikus in einem Interview mit „Bloomberg“ an.
Bislang durfte der Fonds keine Aktien oder Anleihen von Unternehmen kaufen, die mehr als 5 Prozent ihres Umsatzes mit Rüstung erzielen. Diese Grenze fällt nun weg. „Bei liquiden Anlagen, also bei Aktien oder Anleihen, darf der Kenfo jetzt auch in Rüstungsunternehmen investieren“, sagt Mikus.
Den Kurswechsel begründete sie mit der veränderten geopolitischen Lage. „Wir halten Rüstung weiter für nicht nachhaltig, aber sie ist aufgrund einer veränderten Sicherheitslage notwendig geworden“, sagt Mikus. „Deutschland kann nicht seine Rüstungsausgaben hochfahren — und wir als deutscher Staatsfonds verweigern uns dem Thema.“ Das Kuratorium habe der neuen Strategie im Februar zugestimmt.
Europäische Unternehmen im Fokus
Die neuen Anlagemöglichkeiten gelten laut Mikus für Unternehmen aus der Europäischen Union sowie aus Großbritannien, Norwegen und der Schweiz. Als Grund nannte sie Mindeststandards bei den Ausfuhrkontrollen dieser Länder. Investitionen in Hersteller kontroverser Waffen wie Streubomben bleiben verboten.
Bis Mitte des Jahres rechnet Mikus damit, dass der Kenfo ein höheres Engagement im Rüstungssektor aufgebaut haben wird. Die Entscheidung über konkrete Investments liegt bei den externen Vermögensverwaltern des Fonds, die Rüstungsaktien nach Renditegesichtspunkten bewerten sollen. Mikus wies darauf hin, dass viele Aktienkurse im Verteidigungssektor bereits sehr hoch bewertet seien.
Einen Auftrag, gezielt Rüstungsaktien zu kaufen, hat der Kenfo nach eigenen Angaben nicht erhalten. Im Vordergrund stehe weiterhin das Stiftungsziel: langfristig ausreichend Rendite zu erwirtschaften, um die Zwischen- und Endlagerung radioaktiver Abfälle aus deutschen Atomkraftwerken zu finanzieren. Der vollständige Name des Fonds lautet „Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung“.
Breiter werdende Anlagebasis
Bei illiquiden Anlagen wie Private-Equity-Investments war eine Beteiligung an Rüstungsunternehmen für den Kenfo bereits früher möglich, allerdings mit begrenzten Möglichkeiten. Durch die Neuregelung verbreitert sich nun die Gruppe der Unternehmen, in die der Fonds investieren darf.
Der Kenfo wurde 2017 mit einem Startkapital von 24,1 Milliarden Euro gegründet. Bislang hat er mehr als 5 Milliarden Euro ausgeschüttet. Aktuell verwaltet er rund 25,6 Milliarden Euro.
Der Schritt des Kenfo steht nicht allein: Viele institutionelle Investoren, Vermögensverwalter und Banken in Europa hatten Rüstungsunternehmen lange gemieden — teils aus Überzeugung, teils aus Reputationsgründen. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und die Unsicherheiten über die künftige Rolle der USA in der Nato haben dieses Bild in den vergangenen Jahren verändert.