Risikomanagement Joachim Herz Stiftung wagt den Sprung in Venture Capital

Ulrich Müller, Vorstand der Joachim Herz Stiftung: „Weidmüller ist ein global sehr gut positioniertes Unternehmen, das mit seinen Produkten und Innovationen Maßstäbe setzt. Wir sehen große Möglichkeiten in diesem Investment.“

Ulrich Müller, Vorstand der Joachim Herz Stiftung: „Mit der Erweiterung um Venture Capital ergänzen wir unsere bestehende Anlagestrategie um ein weiteres Investitionsfeld." Bildquelle: Andreas Klingberg

Stiftungen als Wagniskapitalgeber – in Deutschland ist das noch die Ausnahme. Die Joachim Herz Stiftung aus Hamburg geht diesen Schritt nun bewusst: Seit 2026 investiert sie einen Teil ihres Stiftungskapitals über einen eigenen Venture-Capital-Fonds in frühphasige Deeptech-Startups. Partner bei der Umsetzung ist die Berliner Investmentplattform Marvelous. Der Marvelous Scito Fund hat ein Volumen von 20 Millionen Euro – die Stiftung ist alleiniger Ankerinvestor.

Das Modell verfolgt dabei zwei Ziele gleichzeitig. Neben einer attraktiven Renditeerwartung sollen wirkungsorientierte Aspekte berücksichtigt werden, die eng mit dem Stiftungszweck – Innovation und Transfer aus der Spitzenforschung – verknüpft sind. Der Fonds kombiniert Direktinvestitionen in Unternehmen mit Investitionen in Venture-Capital-Fonds und ermöglicht so einen diversifizierten Zugang zur Anlageklasse. „Die Vermögensanlage der Joachim Herz Stiftung ist von Beginn an unternehmerisch ausgerichtet und wird konsequent weiterentwickelt. Mit der Erweiterung um Venture Capital ergänzen wir unsere bestehende Anlagestrategie um ein weiteres Investitionsfeld", erläutert Ulrich Müller, Finanzvorstand der Stiftung.

Finanzierungslücke als Investmentthese

Den Hintergrund bildet eine strukturelle Schwäche im deutschen Startup-Ökosystem. Laut KfW-Venture-Capital-Dashboard lag das Wagniskapital-Volumen in Deutschland 2023 bei 7,1 Milliarden Euro und 2025 bei 7,2 Milliarden Euro – jeweils deutlich unter dem Höchststand von 18,9 Milliarden Euro im Jahr 2021. Die Joachim Herz Stiftung zeichnet in einer eigenen Studie, die sie gemeinsam mit der „UnternehmerTUM“ im Dezember 2025 veröffentlichte, ein noch düstereres Bild: Demnach sei das Volumen von rund 20,9 Milliarden Euro im Jahr 2021 auf etwa 9,1 Milliarden Euro im Jahr 2023 gefallen und bis 2025 weiter auf rund 5,5 Milliarden Euro gesunken. Die Stiftungsangaben basieren auf Dollar-Werten (24,7 / 9,8 / 6,1 Milliarden US-Dollar), die hier auf Basis der jeweiligen EZB-Jahresdurchschnittskurse umgerechnet wurden.

 

Einig sind sich beide Quellen im Blick nach vorn: Der Studie zufolge steigt der jährliche Kapitalbedarf im Deeptech-Segment bis 2030 auf voraussichtlich 20 Milliarden Euro – die Finanzierungslücke könnte bis dahin 10 Milliarden Euro erreichen. Klassische Venture-Capital-Fonds meiden frühe Wachstumsphasen häufig, weil Technologie-, Markt- und Betriebsrisiken nicht zu ihrem Rendite-Risiko-Profil passen. Kapitalintensive Deeptech-Ausgründungen, die hohe Investitionen in Forschung, Entwicklung und Produktionsinfrastruktur benötigen, treffen damit auf erhebliche Finanzierungsbarrieren.

Ticket-Größen liegen zwischen 250.000 und 3 Millionen Euro.

Der Investmentfokus des Fonds liegt auf technologieorientierten Ausgründungen in frühen Entwicklungsphasen – konkret in den Bereichen Advanced Materials, Waste Valorization und Robotics. Marvelous Capital verantwortet das Fondsmanagement und investiert über den eigenen Frühphasenfonds Marvelous Ventures direkt in Pre-Seed- und Seed-Unternehmen. Für die Joachim Herz Stiftung wird ein hybrider Ansatz verfolgt: Investitionen sowohl in ausgewählte Deeptech-Fonds als auch direkt als Co-Investor in deren Portfoliounternehmen. Die angestrebten Ticket-Größen liegen zwischen 250.000 und 3 Millionen Euro.

Ergänzt wird dies durch Marvelous Catalyst, eine operative Einheit, die Startups mit wissenschaftlichen Einrichtungen und Industriepartnern vernetzt – für Marktvalidierung, erste Kundenbeziehungen und frühe Skalierungsschritte. „Diese operative Begleitung ist ein zentrales Differenzierungsmerkmal gegenüber klassischen Venture-Capital-Ansätzen", so die Stiftungsverantwortlichen.

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