Decentralized Finance Ist die Blockchain eine Chance für das Wealth Management?

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Fraktionierung von Real Assets

Viele möchten in Kunst investieren, und das aus unterschiedlichsten Gründen. Wenn man sich aber die Auktionsergebnisse der letzten Dekade ansieht, stellt man sehr schnell fest, dass es ein unübersichtlicher Markt ist, auf dem wenige Künstler einen preislichen Hype erfahren, andere unterbewertet sind, und wiederum andere gerne reproduziert werden. Der physische Erwerb eines Kunstobjektes – original oder nicht – bleibt aber meist wenigen Hochvermögenden vorbehalten.

Hier kann die Tokenisierung einen Beitrag leisten. Dabei geht es keineswegs um die absolute Demokratisierung der Kunst, sondern vielmehr um Teilhabe, gegebenenfalls auch um Refinanzierung von Museen oder um das oben genannte Beispiel einer transformativen Kapitalanlage.

Wichtig bei den Risiken ist die Abgrenzung: Wenn Token eines TRAs nur im Ausland und nur mit Krypto-Coins zu erwerben und zudem nur im eigenen Wallet zu verwahren sind, sollten Anleger hellhörig werden. Dann liegt der Verdacht nahe, dass das Konstrukt vielleicht eher zur Verschleierung der Kapitalherkunft dient. So ist 2020 ein russisches Fintech in Rotterdam an den Start gegangen. Im Gegensatz dazu geht ein Münchener Fintech in Kürze mit einer Plattform online, das in Deutschland ansässig, von der Bafin reguliert ist und das zudem mit einem nach deutschem Recht regulierten Kryptoverwahrer zusammenarbeitet. Das wäre dann die „weiße“ Seite dieser Anlagen: mit strukturieren KYC-Prozess und Source-of-Wealth-Nachweis.


Exit-Chance für Erbengemeinschaften

Erbengemeinschaften haben fast immer eines gemeinsam: Sie sind hoffnungslos zerstritten. Ein möglicher Ausweg aus dieser Misere ist – neben der Mediation – die Tokenisierung der Vermögenswerte, um sie dann entweder abzuverkaufen, oder aber durch eine klare Bepreisung die Entflechtung voranzutreiben. In jedem Fall aber wird schon das für die Tokenisierung notwendige Einbringen der Vermögenswerte in ein SPV (Special Purpose Vehicle) für die Versachlichung der Diskussionen sorgen.

Aus der Sicht des Coaches und Supervisors betrachtet, sind Erbschaftsstreitigkeiten im Allgemeinen und Streitigkeiten in der Erbengemeinschaft im Besonderen, immer ein Kampf um Geld, Macht und Einfluss. Zudem sind sie ein Ventil für Neid und/oder Rache für erlittene Kränkungen beziehungsweise Demütigungen der Vergangenheit – sei es durch den Erblasser selbst und/oder seine Nachkommen.

Das Hauptrisiko für das ausscheidungswillige Mitglied der Erbengemeinschaft besteht also zunächst darin, dass sich andere Erben, einzeln oder gemeinsam, dem Lösungsprozess verweigern – egal wie vernünftig der Vorschlag ist: schon einfach aus Prinzip.

Insofern ist es meist schon entscheidend, wer den Vorschlag einbringt. Aus unserer Erfahrung heraus sollte es ein Mediator wie ein Family Office sein, das kein Eigeninteresse an einer Verwaltung des Vermögens der Erbengemeinschaft hat, also gewährleisten kann, frei von Interessenkonflikten zu agieren.

Sorgsame Handhabung

In der Vergangenheit gab es durchaus sehr kritisch zu sehende Fälle, in denen die Unwissenheit, die Risikofreude und die Gier der Anleger von Kriminellen ausgenutzt wurden. Daher sollten Anleger schon ein paar Dinge beachten, um seriöse Angebote zu erkennen:

  1. Bei Kunst, Oldtimern und Bestandsimmobilien:
    geprüfte Real Assets mit Wertgutachten eines vereidigten Sachverständigen
  2. Bei Immobilien-Projektentwicklungen:
    Kapitalhingabe nur gegen Verwendungsbindung (zum Beispiel Errichtung und Ausstattung des Baukörpers nach Baubeschreibung) und Sachverständigengutachten über den Wert bei schlüsselfertiger Übergabe
  3. Regulierung nach deutschem Recht
  4. Europäisches, idealerweise deutsches Kryptoverwahrungsinstitut
  5. Token künftig auf dem Zweitmarkt handelbar ab Erwerbszeitpunkt

Es ist keine Frage ob TRAs die Zukunft der Investments sind, sondern nur wann sie das alte System ablösen werden. Daraus ergibt sich aber die zweite Frage: Wollen Anleger Teil der Entwicklung sein, oder lieber abwarten und erst später versuchen auf einen Zug aufzuspringen, der den Bahnhof dann schon fast verlassen haben wird?

Ein tokenisiertes Real Asset hat also durchaus Chancen und Berechtigung, ist aber (derzeit noch) eher etwas für ambitionierte Privatanleger und professionelle Investoren.

Alte Werte, wahre Werte – aber zukunftsfähig

Gehen wir nochmals an den Anfang: Was also ist die Folgerung, vielleicht auch die Lehre aus diesen Überlegungen? Ist das nun das drohende Ende des Private Banking? Oder lässt sich – entgegen der immanenten Branchenmeinung – das vertrauensvolle, Nutzen-generierende Affluent-Klientel auch in der digitalen Welt voller Token, Coins und Kryptos doch langfristig binden?

Zugegebenermaßen sind das viele Fragen, und unbequem sind sie obendrein. Doch alleine schon die Beschäftigung mit solchen Fragen, das Suchen nach den Geschäftsfeldern der Zukunft, hat schon immer erfolgreiche, ja, unternehmerisch denkende Banker ausgezeichnet und herausgehoben.

Dabei sind moderne, neue Lösungen bereits im Entstehen: Decentralized Finance, Staking, tokenisierte Wertpapiere, fraktionierte Real-Assets auf Basis von Token auf privaten oder öffentlichen Blockchains – das alles ist schon da. Und es ist gekommen, um zu bleiben.

Zunächst werden sie wohl eher für vermögende Anleger zugänglich sein, in diesem Umfeld jedoch schnell ihre Vorzüge entfalten, und alsbald den Vorteil der Fraktionierung von hochwertigen Vermögensgegenständen wie Oldtimern, Kunst et cetera ausspielen können. Die so generierbare Feindosierung von einzelnen Assets wird sich – auch die ansteigenden Platzierungszahlen – alsbald als große Hilfe und Erleichterung bei der Risikostreuung und -steuerung erweisen.


Über die Autoren:
Ferenc von Kacsóh ist Mitbegründer und Geschäftsführer des Family Office Pariter Fortis. Der Stiftungsmanager (EBS) und Unternehmerberater koordiniert die Projekte der Themenbereiche Kapitalvermittlung / M&A, Hotels, Immobilien, Stiftungen und Consulting. Der Unternehmer-Coach war zudem auch Beiratsmitglied einer staatlich anerkannten Hochschule in privater Trägerschaft.

Stefan R. Haake ist Co-Gründer und Beirat des Family Office Pariter Fortis und Chief Produkt Officer des Startups Cometum. Er verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung am Finanzmarkt und über viele Jahre Erfahrung als Stiftungsvorstand, Beirat, Berater von Unternehmen und hochvermögenden Privatpersonen und bei Anwendungsthemen der Blockchain. Zudem ist er Unternehmer und Gründer des Stiftersalons.

Alexander Rennig ist Co-Gründer und Chief Financial Officer (CFO) des Münchner Private-Banking-Startups Cometum. Er verfügt über Erfahrung im internationalen Beteiligungsgeschäft und fokussierte sich dabei auf die Bereiche Fintech und Insurtech.