Wo liegen die Ursachen für das schwankende Vertrauen? Welchen Herausforderungen müssen sich CFOs in diesem wirtschaftlichen Klima stellen? Ein Fokus auf Strategien, die Agilität und Resilienz erhöhen, kann die wirtschaftlichen Risiken für Unternehmen minimieren.
Achterbahn der Konjunktur
Mit einem prognostizierten minimalen Wachstum des BIP (Bruttoinlandsprodukt) von lediglich 0,3 Prozent startete Deutschland sehr verhalten in das Jahr 2025. Diese schwache makroökonomische Prognose schuf ein Umfeld, in dem Investorenentscheidungen von erhöhter Vorsicht geprägt waren. Die Volatilität spiegelt sich auch in der Entwicklung des ZEW-Konjunkturerwartungsindex wider.
Der Index durchlief im ersten Halbjahr 2025 eine regelrechte Achterbahnfahrt. Im März erreichte der Index mit 51,6 Punkten noch ein Dreijahreshoch, bevor er im April um fast 66 Punkte auf einen negativen Wert von minus 14,0 Punkten abstürzte. Bereits im Mai kletterte er jedoch zurück in den positiven Bereich und erreichte im Juni mit 47,5 Punkten den höchsten Stand seit dem März-Peak. Da der ZEW-Index ein Indikator für das Vertrauen von institutionellen Anlegern und Analysten in die Konjunktur ist, hat seine erratische Entwicklung ein fragiles Vertrauen zur Folge.
Ursachen für Vertrauensverlust
Investoren reagieren sensibel auf aktuelle wirtschaftliche und geopolitische Entwicklungen. Dazu zählen:
- Inflation: Hohe Teuerungsraten schmälern die Kaufkraft und beeinflussen sowohl das Konsumverhalten als auch die Unternehmensinvestitionen negativ.
- Geopolitische Unsicherheit: Der andauernde Russland-Ukraine-Konflikt stört Energieversorgung und Handelsbeziehungen und trifft insbesondere energieintensive Branchen in Deutschland. Der aktuelle militärische Konflikt im Iran hat bereits spürbare Auswirkungen auf die Energiepreise in Deutschland – dies könnte sich weiter verschärfen.
- Schwache Industrieproduktion: Der international anerkannte Industriesektor – das Rückgrat der deutschen Wirtschaft – leidet weiterhin unter Lieferkettenproblemen, Fachkräftemangel und steigenden Produktionskosten.
Historisch gesehen sind diese Indikatoren oft Vorboten einer Konjunkturabschwächung im gesamten Euroraum gewesen. Ähnliche Stimmungswechsel gingen bereits der Eurokrise 2012 und dem pandemiebedingten Abschwung 2020 voraus.
Darüber hinaus beeinflussen einige „Dauerbrennerthemen“ die Einschätzung der Attraktivität von Deutschland als Wirtschaftsstandort. Laut einer 2024 veröffentlichen Umfrage von KPMG unter CFOs der größten deutschen Tochtergesellschaften internationaler Konzerne sehen Investoren den unzureichenden Digitalisierungsgrad der öffentlichen Verwaltung sowie die Überregulierung als große Investitionshemmnisse im EU-Vergleich.
Volatilität meistern
Die deutsche Wirtschaft ist eng mit der finanziellen Stabilität der Eurozone verknüpft. Schwankungen in der wirtschaftlichen Stabilität oder gar ein Abschwung bergen für CFOs, die multinationale Aktivitäten steuern oder Unternehmen mit Fokus auf Europa führen, einige kritische Herausforderungen.
Es ist möglich, dass die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen zurückgeht. Dies betrifft insbesondere Unternehmen mit Exporten nach oder Importen aus Deutschland. CFOs sollten daher das Kundenverhalten stets überwachen und dabei insbesondere auf Verzögerungen bei Zahlungen und auf eine rückläufige Bestellfrequenz achten.
Ein nachlassendes Investorenvertrauen kann den Euro schwächen und zu Volatilität an Währungs- und Rohstoffmärkten führen. Dies beeinflusst Hedging-Strategien von Unternehmen mit Euro-Exponierung. Daher ist es ratsam, Strategien zur FX-Absicherung zu überprüfen und Preis- und Kalkulationsmodelle für europäische Märkte - wenn nötig - anzupassen.
Wenn die Finanzierungsbedingungen sich unter wirtschaftlichem Druck verschärfen und die Fremdkapitalkosten steigen, wird der Zugang zu Finanzmitteln erschwert. In diesem Umfeld ist Agilität in der Investitionsplanung das Mittel der Wahl. Möglich wird dies mit Szenarioanalysen und Simulationen potenzieller Marktschocks.
Ein Abschwung in einer großen Volkswirtschaft kann Unternehmensbewertungen beeinflussen sowie den Zugang zu Kapital für Unternehmen mit Europa-Fokus belasten. CFOs sollten daher globale Investorenstimmungen genau beobachten und das Vertrauen durch transparente Kommunikation über Liquiditätsperformance und Resilienzstrategien stärken.
CFOs als strategische Wirtschaftsakteure
In Zeiten von wirtschaftlicher Komplexität, politischer Instabilität und Störungen der globalen Lieferkette benötigen Finanzentscheider in Unternehmen vollständige Transparenz und Kontrolle über die Liquidität, um Engpässe zu vermeiden. Gefragt ist ein adaptiver Ansatz, um diese zu verwalten.
Denn mit einer stabilen Liquidität können CFOs Ressourcen absichern sowie den künftigen Kapitalbedarf vorhersagen und so das strategische Wachstum und die betriebliche Effizienz fördern. Dieser proaktive Ansatz ermöglicht es, die Liquidität als dynamisches Tool für den Unternehmenserfolg einzusetzen.
Liquidität schützen
Um die Liquidität eines Unternehmens zu schützen, ist es entscheidend, gezielte Strategien und Systeme zu implementieren, die finanzielle Ressourcen vor Risiken und Bedrohungen bewahren. Ziel ist es, die Sicherheit, Stabilität und Verfügbarkeit von Zahlungsmitteln und Reserven zu gewährleisten, um dauerhaft eine stabile Finanzlage zu sichern.
Unternehmen müssen sich sowohl vor finanziellen als auch betrieblichen Risiken schützen – und dabei immer die Übersicht über den Cashflow behalten, über Entitäten und Länder hinweg. Für den Fall erhöhter Marktvolatilität sollten Notfallpläne vorhanden sein, um die Liquidität aufrecht zu erhalten.
Das Finanzrisikomanagement beinhaltet Strategien, um Konjunkturschwankungen abzufedern. Zwischen 2016 und 2020 gab es bis dahin noch nie da gewesene Wechselkursschwankungen und mit Blick auf das Jahr 2025 sind die Zölle sehr instabil.
Durch steigende Zölle könnten sich die Kosten erhöhen und die Gewinnmargen unter Druck geraten, während Senkungen Kosteneinsparungen und Chancen zur Marktexpansion bieten könnten. Ungeachtet dieser Szenarien ist ein effektives Risikomanagement entscheidend, um genaue finanzielle Prognosen zu gewährleisten und die Liquidität vor Währungsfluktuationen zu schützen.
Working Capital optimieren
Angesichts drohender Handelszölle sind Working-Capital-Lösungen entscheidende Strategien, denn Zölle können sich auf die Kapitalkosten auswirken. Die Lieferkettenfinanzierung (Supply Chain Finance, SCF) ist ein wichtiges Finanzinstrument, um diese negativen Effekte abzumildern. Die häufigste Form des SCF ist das Reverse Factoring, bei dem ein Zwischenfinanzierer den Lieferanten vorzeitig bezahlt.
Die Kosten für das Unternehmen hängen dabei von dessen Bonität ab. Dieser Ansatz bringt für beide Seiten Vorteile: Das Unternehmen verbessert das Working Capital dank der verlängerten Zahlungsziele, während die Rechnung des Lieferanten früher beglichen werden kann. SCF stärkt die Lieferantenbindung und unterstützt strategisch wichtige Lieferanten. Damit ist es besonders vorteilhaft für Branchen wie Fertigung, Automobilindustrie und Einzelhandel, die oft über umfangreiche und komplexe Lieferketten in mehreren Märkten verfügen.
Kommunikation mit Investoren
Für CFOs ist Kommunikation genauso wichtig wie Zahlen. Transparenz gibt Investoren, sowie auch Mitarbeitern und Kunden die Gewissheit, dass CFOs ihre Strategien konsistent umsetzen. Daher ist es essenziell, Investoren regelmäßig über den Umgang mit wirtschaftlichen Risiken zu informieren – idealerweise durch klare Kennzahlen und nachvollziehbare Maßnahmen.
Eine starke Liquiditätsperformance ist ein wertvolles Argument für die Kommunikation mit Investoren. CFOs sollten sich das zunutze machen, um Resilienz in unsicheren Zeiten zu signalisieren.
Die Macht der Daten nutzen
Moderne Technologien ermöglichen es CFOs, in volatiler Wirtschaftslage mithilfe von Datenanalysen und Simulationen Marktveränderungen besser vorherzusehen und rechtzeitig darauf zu reagieren. Die Verknüpfung aller Finanzdaten aus mehreren Systemen, wie ERP-Systeme, Treasury-Managementlösungen und Banknetzwerke in einem zentralen Hub bildet die Grundlage für eine umfassende Ansicht der Liquidität in Echtzeit.
Die Integration von KI in Liquiditätsstrategien bietet enormes Transformationspotenzial, denn sie vereinfacht komplexe Arbeitsabläufe, identifiziert Risiken mithilfe prädiktiver Analysen und optimiert die datengesteuerte Entscheidungsfindung.
Herausforderungen in Chancen verwandeln
Um die Auswirkungen der Volatilität zu bewältigen, sind klare Strategien, Anpassungsfähigkeit und ein Fokus auf langfristige Widerstandsfähigkeit erforderlich. Durch die Priorisierung finanzieller Agilität, die Stärkung von Risikomanagement und den Einsatz von Technologie für das Liquiditätsmanagement können CFOs ihre Organisationen durch unsichere Zeiten führen und gleichzeitig potenzielle Wachstumschancen aufdecken. Finanzstrategien in Reaktion auf geopolitische Änderungen anzupassen, ist kein Wettbewerbsvorteil mehr, sondern notwendig für das wirtschaftliche Überleben eines Unternehmens.
Über die Autorin:
Ingrid Lethu ist Senior Vice President of Sales für EMEA bei Kyriba und verantwortlich für das Wachstum im europäischen Markt. Als Führungskraft kann Lethu Erfahrung in Bereichen wie Technologie, Zahlungsverkehr und Finanzdienstleistungen vorweisen. Vor ihrer Tätigkeit bei Kyriba war Lethu in leitender Position bei Paypal, American Express, Checkout.com und Open tätig.
