Investmentchef der Bethmann Bank Die Konjunktur-Erholung braucht Zeit

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Viertens ist für längere Zeit mit einer spürbaren Zurückhaltung der Verbraucher zu rechnen. China, wo ja die Virus-Pandemie zuerst ausgebrochen war, liefert dafür gewissermaßen die Blaupause. Nach dem Ende des dortigen Lockdowns erholen sich zwar die Industrie- und die Baubranche relativ schnell. Aber im Dienstleistungssektor geht es nur schleppend voran. Er bewegt sich weiter unter dem Vor-Corona-Niveau. Dies spiegelt teilweise Veränderungen im Konsumenten-Verhalten sowie Abstandsmaßnahmen wider.

Zweitrunden-Effekte noch nicht sichtbar

Schließlich sind - fünftens - auch Zweitrundeneffekte zu erwarten. Diese werden die verschiedenen Volkswirtschaften länger belasten, da sie mehr Zeit brauchen, bis sie spürbar werden. Obwohl es so aussieht, dass die Arbeitslosenquote im Mai in den USA ihren Höchststand überschritten hat und wieder sinkt (da vorübergehend entlassene Mitarbeiter wieder zur Arbeit zurückkehren werden), wird sie zum Jahresende wahrscheinlich immer noch bei rund 10 Prozent liegen. Zum Vergleich: Im Februar waren nur 3,5 Prozent der amerikanischen Erwerbstätigen arbeitslos gemeldet. In Europa dauert die Anpassung des Arbeitsmarktes länger. Hier ist bis Ende 2021 ein stetiger Anstieg von 7,3 (Februar 2020) auf mehr als 10 Prozent zu erwarten.

Die katastrophale Situation auf dem Arbeitsmarkt wird wahrscheinlich zu verringerten Konsumausgaben führen, da die Verbraucher über weniger Einkommen verfügen und sicherheitshalber eher zum Sparen tendieren werden. Durch die niedrigere Nachfrage dürften die Unternehmensgrößen schrumpfen, die Beschäftigungsquoten sinken und die Investitionsausgaben zurückgehen.

Schließlich ist auch der synchrone Verlauf dieser plötzlich eintretenden Krise Grund für starke Zweitrundeneffekte. Rund um den Globus leiden die verschiedenen Volkswirtschaften derzeit unter einer geschwächten Nachfrage, was wiederum den Abschwung in den jeweils anderen Volkswirtschaften nur verstärken wird. Dies wird sich darin zeigen, dass der Welthandel noch stärker als während der weltweiten Finanzkrise schrumpfen wird.

Unter dem Strich bedeutet das aus Sicht der Aktienanleger, dass sie mit sinkenden Unternehmensgewinnen beziehungsweise sogar Verlusten rechnen müssen. Eine Entspannung wird hier sicherlich noch längere Zeit auf sich warten lassen. Was diese Unsicherheiten für die Kurse bedeutet, hat sich am 11. Juni gezeigt, als der Dow Jones nur an einem Tag um fast 7 Prozent eingebrochen ist.


Über den Autor:
Reinhard Pfingsten arbeitet bei der Bethmann Bank als Investmentchef (Chief Investment Officer). Er ist außerdem Mitglied im Management-Team des globalen Investment-Centers der ABN Amro Gruppe.