Investmentchef Allianz Leben „Solvency II war ein Türöffner”

Andreas Lindner ist Chefanleger der Allianz Lebensversicherung. | © Thomas Bernhardt

Andreas Lindner ist Chefanleger der Allianz Lebensversicherung. Foto: Thomas Bernhardt

private banking magazin: Andauernder Niedrigzins, Rückkehr der Volatilität, Brexit, Italienkrise, schwelende Handelskriege und ein zumindest non-konformer US-Präsident – wie hell oder düster sehen Sie die Lage in Europa und der Welt?

Andreas Lindner: Wir haben bei den Zinsen vergangenes Jahr de facto eine Seitwärtsbewegung in Europa gesehen. Ein Stück weit war das zu erwarten, und wir sehen auch nicht für die nächsten Jahre, dass sich daran etwas grundsätzlich ändern wird. Vielleicht wird die EZB ihre Geldpolitik etwas straffen, aber wir sehen keine strukturelle Zinswende mit deutlich höheren Zinsen. Was die Volatilität angeht, waren wir die vergangenen Jahre verwöhnt. Aufgrund der jetzigen konjunkturellen und politischen Entwicklungen ist eine gewisse Verunsicherung der Marktteilnehmer und damit die Rückkehr der Volatilität die logische Konsequenz. Das gilt insbesondere für Europa, Stichworte Budgetdiskussion in Italien und Brexit. Zudem haben wir die Diskussion zwischen den USA und China. Rücksetzer, vor allem an den Aktienmärkten, sind in einem solchen Umfeld einfach normal.

Pendeln Investoren mittlerweile übermäßig zwischen „himmelhoch jauchzend, alles ist toll“ und „bloß raus aus dem Markt, nichts funktioniert mehr“?

Lindner: Die jüngsten Schwankungsbreiten kommen uns vielleicht ungewöhnlich vor, liegen aber bei historischer Betrachtung im unteren bis mittleren Bereich. Ich sehe eher den Trend, dass das Zinsniveau etliche Investoren in Anlagen treibt, die sie vielleicht früher nicht gekauft hätten. Das ist ein strukturelles Thema. Für uns als Allianz Leben ist die Volatilität der Märkte, wie auch immer ausgelöst, kein wirkliches Thema. Dafür denken wir als Lebensversicherer viel zu langfristig. Auch dass Aktienmärkte jetzt mal ein, zwei schlechte Jahre haben, ist etwas, das einfach dazugehört. Aktien muss man langfristig kaufen, dann hat man irgendwann auch eine Stabilität in deren Renditen, und davon profitieren auch unsere Kunden.

Wie langfristig ist denn langfristig bei der Allianz Leben?

Lindner: Sehr langfristig. Wenn ich mir anschaue, welche Hauptstärken wir in unserem Geschäftsmodell haben, ist es neben dem Kollektivmodell und der Breite unseres Anlageuniversums die Langfristigkeit. Sie zeichnet uns extrem aus. Unser Vorteil ist, dass wir in der Refinanzierung nicht vom Kapitalmarkt abhängig sind. Wenn Sie heute einem Kunden eine Altersvorsorge verkaufen, Alter 30 Jahre, dann haben Sie mit diesem Kunden eine Geschäftsbeziehung für die nächsten 40 bis 50 Jahre. Daraus ergeben sich sehr stabile Einzahlungs- und Auszahlungsmuster, die sich über das gesamte Kollektiv, sprich alle Kunden, enorm gut planen lassen. Dies ist für uns ein zentraler Hebel, um das gesamte Zinstiefdilemma abzufedern: Wir nutzen diese Stärke und gehen in Anlageklassen, in denen wir strukturell höhere Renditen sehen, weil wir langfristig anlegen können.

Was heißt das konkret?

Lindner: Die Parkuhrlizenzen für Chicago laufen zum Beispiel 75 Jahre. In England haben wir eine Garnisonsstadt in Betrieb: 40 Jahre. In den USA haben wir eine Maut-Autobahn refinanziert: 45 Jahre.