Investitionsangst Warum erholt sich die Welt nicht von der Finanzkrise?

Karl-Heinz Thielmann ist der Vorstand vom Long-Term Investing Research - Institut für die langfristige Kapitalanlage

Karl-Heinz Thielmann ist der Vorstand vom Long-Term Investing Research - Institut für die langfristige Kapitalanlage

// //

Warum erholt sich die Weltwirtschaft selbst sechs Jahre nach der Finanzkrise nur so zögerlich? Weshalb kommt die Eurozone einfach nicht aus ihrem Wachstumsloch heraus? Im Grunde sind sich alle Ökonomen einig, dass dies vor allem an einer ausgesprochenen Schwäche der realwirtschaftlichen privaten Investitionen liegt.

Denn nicht nur bei den Kriseneuropäern will keine so rechte Lust hierzu aufkommen. Wenn man vom Fracking-Sonderboom im Energiebereich absieht, sind auch die USA nicht besonders investitions-freudig. In den Schwellenländern macht sich nach der Euphorie des vergangenen Jahrzehnts ebenfalls Vorsicht breit.

Großunternehmen und die Wohlhabenden dieser Welt schieben Unmengen von Geldern vor sich her und wissen nicht, wie sie diese produktiv einsetzen sollen. Neue Zahlen der Financial Times zeigen, dass die 1.000 weltweit größten Unternehmen außerhalb des Finanzsektors die Rekordsumme von 3,5 Billionen US-Dollar als Liquidität halten. 1,6 Bill. Dollar gehören US-Firmen und sind vorwiegend in Steuerparadiesen geparkt; fast eine Billion Dollar liegen auf den Bankkonten europäischer Gesellschaften.

Eine aktuelle Studie des Informationsdienstes Wealth-X schätzt für die 2.325 Milliardäre auf dieser Welt ein Durchschnittsvermögen von zirka 3,1 Milliarden Dollar, wovon 600 Millionen Dollar (also rund 20 Prozent) als Liquidität gehalten werden.

Sofern man überhaupt klare Aussagen über die Ursachen für diese Misere finden kann, so lassen sie sich auf zwei Faktoren reduzieren:
  1. Grundsätzliche Befürchtungen bezüglich des globalen Wachstums.

  2. Verunsicherung bezüglich politischer Entwicklungen und Interventionen.
Droht eine säkulare Stagnation wie in den 30er Jahren?

Beide Begründungen hängen eng zusammen und bergen die Gefahr eines Teufelskreises in sich, worauf Ökonomie-Nobelpreisträger Robert Shiller vor kurzem hingewiesen hat. In dem Essay „Parallels to 1937“ zeigte er beunruhigende Ähnlichkeiten in den Entwicklungen nach der Wirtschaftskrise 1929 und der Finanzkrise 2008 auf. In beiden Fällen blieb in vielen Ländern die Erholung nach dem Einbruch stecken, was zu Hoffnungslosigkeit bei breiten Bevölkerungsschichten und zur Anfälligkeit für nationalistische Ideologien führte. Abschottung, Konflikte und Krieg waren die Konsequenz.

Shiller wies insbesondere darauf hin, wie sich die wirtschaftliche Lage in der Ukraine mit der Finanzkrise veränderte: vorher Boom-Region, erlebte dieses Land 2009 einen ökonomischen Absturz, von dem es sich bisher nicht erholen konnte. Dies hat Shillers Ansicht nach entscheidend dazu beigetragen, dass die jüngsten Konflikte und Auflösungserscheinungen in der Ukraine angeheizt wurden.

Insbesondere wichtig ist für Shiller, wie sich die mentale Einstellung zum Thema Wirtschaftswachstum verändert hatte: Damals wie heute wird von Ökonomen ernsthaft über Grenzen des Wachstums diskutiert, Theorien von einer säkularen Stagnation gewannen damals und gewinnen heute wieder an Popularität. Unterkonsumption, also übertriebenes Sparen aufgrund allgemeiner Unsicherheit, wird zum Massenphänomen, was zum wirtschaftlichen Krebsgang beiträgt.

Psychologisch fatal ist für Shiller insbesondere, wenn zu viele Menschen das Gefühl bekommen, dass sich für sie persönlich nichts mehr verbessern kann. Dies führt zu Frustration, Verbitterung sowie möglicherweise am Ende auch zu Abschottung und Gewalt.

Wer kein Vertrauen in die Zukunft hat, der investiert nicht. Er empfindet die Möglichkeit einer Investition mehr als Gefahr für sein Vermögen und weniger als eine Chance, den zukünftigen Lebensstandard zu verbessern.

„Safety first“ ist aber kein sehr vorausschauendes Motto der Zukunftsvorsorge. Denn fatalerweise geht es bei Investitionen um mehr, als lediglich um die Wahrnehmung von Chancen. Sie sind nicht nur Voraussetzung für eine bessere Zukunft, sondern Grundbedingung dafür, dass sich nichts verschlechtert. Wer nicht investiert, sägt zwar nicht den Ast ab, auf dem er gerade sitzt. Er bekommt aber später auch keinen neuen Ast, wenn die alte Sitzgelegenheit abgenutzt und morsch geworden ist sowie abzubrechen droht. Besteht aufgrund der Investitionsangst die Gefahr eines Teufelskreises aus Pessimismus, Investitionsunlust und Niedergang?