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Marktplätze sind in der Vermögensverwaltung bisher eher selten. Was sind aus Ihrer Sicht die größten technischen und kulturellen Hürden für mehr Offenheit in Bankenstrukturen?
Brock: Das Bewusstsein, dem Kunden die besten Lösungen am Markt anbieten zu können, muss sich in der Breite durchsetzen. Die Sparkassen fungieren hier als Pionier. Aus meiner Sicht unterstützen gerade innovative Neobroker mit ähnlichen Philosophien und vielfältigen Produkten, die leicht nachgefragt und ausgetauscht werden können, den Modernisierungsprozess und fördern Marktplatzansätze.
Das gleiche gilt für Vergleichsportale. Man sieht diese Entwicklung beispielsweise schon im Rückgang aktiver Fonds – gesellschaftlich stehen ETFs in der Diskussion besser dar und werden vermehrt nachgefragt. Wenn man als etablierte Bank oder als etablierter Vermögensverwalter nur mit der einen hauseigenen beziehungsweise Verbundlösungen antritt, wird man die künftige Kundengeneration immer schwerer erreichen und etwa gegen Neobroker immer schwerer bestehen können.
Auch die Möglichkeiten der KI machen es notwendig, aufzurüsten und die besten Asset Manager im Markt im Angebotsportfolio zu haben. Technisch ist die Einbindung von Marktplätzen heutzutage kein Problem mehr.
Wo sehen Sie heute die realistischen Einsatzfelder von KI im Private Banking, und wo überwiegt noch der Hype?
Brock: Einsatzmöglichkeiten sehen wir, wie zuvor geschildert, im Asset Management und im Rahmen von Effizienzgewinnen. Automatisierte, individuelle Kundenansprache, Transkription und Analyse von Beratungsgesprächen, Erkennung auffälliger Transaktionen sind Beispiele hierfür. Die Entwicklung schreitet jedoch sehr schnell voran. Wichtig ist es, sich mit dem Thema zu befassen und jetzt Erfahrung zu sammeln.
Verglichen mit den Anfängen des Internets braucht es Zeit zu sehen, was sich wirklich durchsetzt beim Kunden. Rein auf KI spezialisierte Unternehmen sind aus meiner Sicht jedoch häufig Modeerscheinungen aus der Venture Welt, die es operativ im Wertpapiergeschäft schwer haben werden. Man kann und will vermutlich nicht in jedem Prozess, der zum Kunden gerichtet ist, KI-Komponenten einbauen.
Heißt: KI-basierte Wertschöpfungskomponenten werden die klassische Digitalisierung nicht in allen Bereichen überholen. Hieraus abgeleitet, kann man schon von Hype sprechen, wenn man sich im Markt umschaut. Verstehen Sie mich doch bitte nicht falsch: Richtig eingesetzt, kann KI-Entwicklungen beschleunigen, Komplexität reduzieren und die Qualität erhöhen – ohne dabei Kontrolle oder Verantwortung aus der Hand zu geben.
Deshalb nutzen auch wir die KI sehr stark. In unserer Plattform unterstützt KI die Digitalisierung des Wealth Managements auf sinnvolle Art und Weise. Voraussetzung sind eine klare Governance, eine strukturierte Wissensbasis und regulatorische Achtsamkeit.
Sie haben Einblick in Vermögensverwalter, Privatbanken, Sparkassen und Versicherer. Wo unterscheiden sich die Digitalisierungsstrategien dieser Häuser – und wo gleichen sie sich stark?
Brock: Bei all diesen Kundensegmenten haben wir die gleiche Plattform im Einsatz. Das ist auch sehr wichtig, da sich unsere Plattform dauerhaft technisch und regulatorisch weiterentwickelt und all unsere Kunden von den Plattformeffekten profitieren. Das geht nicht, wenn man beispielsweise fünf unterschiedliche Lösungen im Einsatz hat. Die Motivation, warum man unsere Plattform einsetzt, unterscheidet sich jedoch erheblich: Sparkassen wollen und bekommen bspw. über unsere Plattform gemeinsam mit der DWP-Bank einen VV-Marktplatz bereitgestellt.
Bei Versicherungen geht es häufig um die Wiederanlage von Ablaufleistungen aus Lebensversicherungen oder jetzt ganz aktuell darum, neue staatliche Förderprodukte (bspw. Frühstartrente) schnell und innovativ anbieten zu können. Privatbanken wollen häufig mit einer modernen Vermögensverwaltungsplattform neue Kundensegmente effizient erschließen. Klassische unabhängige Vermögensverwalter nutzen aktuell sehr häufig eine fragmentierte, personalintensive Wertschöpfungsarchitektur, die modernisiert werden soll.
Egal auf welches Segment und welche Motivation man schaut: Alle möchten durch unsere Plattform nicht nur digitalisieren, sondern auch dauerhaft die regulatorischen Kosten und Belastungen reduzieren. Viel zu lange wurde nur über Digitalisierung im Frontend gesprochen. Echte Digitalisierung gelingt aber nur, wenn man auch das Backoffice digitalisiert. Unsere Überzeugung ist, dass man heute technologische mit regulatorischen Lösungen aktiv verbinden muss. Hier haben wir ein echtes Alleinstellungsmerkmal im Markt.
Wealthtechs drängen zunehmend in dieselben Segmente. Wie differenzieren Sie sich – über Technologie, Regulatorik oder Partnerschaftsmodelle?
Brock: Investify Tech differenziert sich durch einen sehr starken Plattformansatz im Bereich Vermögensverwaltung, beratungsfreies Geschäft und Anlageberatung. Dabei ist die Plattform depotbankenagnostisch, arbeitet also mit unterschiedlichen Depotbanken im Markt zusammen, wie beispielsweise Baader, FNZ, V-Bank, FFB, DWP, DZ Bank, Upvest, Comdirect und mehr. Ein weiteres Abgrenzungsmerkmal: Die Investify-Tech-Plattform kann von kleinen bis sehr großen Unternehmen gleichermaßen genutzt werden – das können andere Anbieter nicht.
Zudem sind wir von der luxemburgischen Finanzaufsicht CSSF reguliert. Davon profitieren Unternehmen, die über keine eigenen Lizenzen und im Bereich der Vermögensverwaltung verfügen. Ein Beispiel dafür ist die Kooperation mit dem mit Abstand größten deutschen Maklerpool Fonds Finanz.
Die Fonds Finanz bildet ihre Vermögensverwaltung über unsere Lizenz ab. Andere Unternehmen nutzen ganz bewusst die Investify-Tech-Lizenz, da sie inhouse weniger regulatorische Belastungen haben möchten und deshalb nur als Vermittler auftreten wollen. Unter diesem Modell läuft beispielsweise auch der Sparkassen VV-Marktplatz.
Mit Blick auf Plattformökonomie und Open Banking: Wird der Wettbewerb künftig eher zwischen Banken stattfinden – oder zwischen Technologieanbietern, die die Infrastruktur liefern?
Brock: Wir sehen bereits seit einigen Jahren ein relativ klares Wettbewerbsbild. Es gibt relevante Fintechs, wie der Neobroker Trade Republic, die den Banken das Leben in Teilbereichen schwer machen. Vor Jahren haben wir im Zahlungsverkehr mit Paypal gleiches gesehen. Solche innovativen Unternehmen erweitern ihr Leistungsspektrum Schritt für Schritt und konvergieren gegen das Leistungsspektrum einer klassischen Bank.
Zudem gehen Neobanken, wie N26 oder Revolut, im Wertpapiergeschäft immer mehr in die Breite und bieten neben Broker-Funktionen auch immer häufiger Vermögensverwaltungs-Dienstleistungen. Jetzt kommen Infrastrukturanbieter oder Plattformen wie Investify Tech oder Upvest ins Spiel, die Banken, Versicherern oder Vermögensverwaltern helfen, ihre Wertschöpfungsstrukturen zu verbessern und moderne, wettbewerbsfähige Produkte anzubieten.
Kooperationen ermöglichen in diesem Zusammenhang nicht nur das Angebot von neuen Produkten, sondern bringen auch deutliche Time-to-Market-Vorteile. So entstanden in den letzten zwei bis drei Jahren Kooperationen, die vor fünf Jahren noch völlig undenkbar waren.
Wenn Sie fünf Jahre nach vorne blicken: Welche Rolle wird Investify Tech dann im Private Banking spielen – technischer Enabler, strategischer Partner oder vielleicht selbst Marktplatzbetreiber mit direkter Kundenschnittstelle?
Brock: Wir sehen uns auch in Zukunft ganz klar als B2B-Unternehmen. Wir wollen technischer Enabler und strategischer Partner sein und kein eigenes Endkundenangebot aufbauen. Wir haben unsere Kundengruppen im Laufe der Zeit deutlich erweitert: von Banken, Sparkassen und unabhängigen Vermögensverwaltern über große Asset Manager, Versicherungen bis hin zu Maklerpools und Non-Financials.
Das bietet uns hervorragende Möglichkeiten, weiter zu wachsen. Auch Auslandsmärkte sind künftig ein Thema. Aktuell führen wir schon spannende Projekte in Österreich durch. Das zeigt, wie universell die von uns erstellte und immer weiter ausgebaute Plattform eingesetzt werden kann und verschiedensten Unternehmen und deren Kunden Mehrwerte liefert.
Über den Interviewten:
Harald Brock ist seit März 2019 einer von drei Geschäftsführern des Technologie- und Regulatorik-Dienstleisters Investify Tech. Das Unternehmen unterstützt Finanzdienstleister bei der Digitalisierung und Automatisierung des Investmentgeschäftes. Brock war zuvor bei der Sparkassen-Finanzgruppe tätig, wo er Vertriebssteuerung, Marketing und Digitalisierung verantwortete. Brock ist Herausgeber und Autor diverser Veröffentlichungen zum Thema Multi- und Omni-Channel-Management.
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