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Investieren in Russland Perestroika im Depot

Geschäftsviertel in Moskau: Russland hat nur eine geringe Staatsverschuldung, erzielt einen Leistungsbilanzüberschuss und hält beträchtliche Devisenreserven. | © imago images / ITAR-TASS

Geschäftsviertel in Moskau: Russland hat nur eine geringe Staatsverschuldung, erzielt einen Leistungsbilanzüberschuss und hält beträchtliche Devisenreserven. Foto: imago images / ITAR-TASS

Nicole Vettise, Institutional Portfoliomanagerin, Franklin Templeton Emerging Markets Equity

Der Doppeladler auf dem Wappen Russlands soll seine geografische Lage und den Blick nach Osten und Westen symbolisieren. Das heraldische Symbol kann aber auch als Sinnbild für die anhaltende Dominanz Russlands in der Old Economy und seinen Aufstieg in der New Economy gelesen werden.

Aus unserer Sicht befindet sich Russland mit seinen rund 145 Millionen Einwohnern bei Betrachtung einiger fundamentaler Faktoren in einer beneidenswerten Lage. Es hat nur eine geringe Staatsverschuldung, einen Leistungsbilanzüberschuss und beträchtliche Devisenreserven in Höhe von 570 Milliarden US-Dollar. Diese Zahl entspricht 33 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts (BIP), kalkulieren die Vereinten Nationen in ihrem Bericht „World Population Prospects“ (Daten per 2019).

Der Ölsektor gehört zur Old Economy und ist Russlands Brot- und Butter-Geschäft. Er macht 35 Prozent des BIP und 70 Prozent der Exporte aus. Russland hat das Glück, gegenüber vielen (oder den meisten) seiner internationalen Konkurrenten mehrere Vorteile zu besitzen, wie zum Beispiel niedrige Produktionskosten, auf Lokalwährung lautende Kosten und – vielleicht aus der Not der jahrelangen Sanktionen geboren – ein reges Interesse an der Entwicklung eigener Technologie zur Effizienzsteigerung.

Nehmen wir eine der wichtigsten, vertikal integrierten russischen Ölgesellschaften als Beispiel. Sie profitiert von einer soliden Bilanz, langfristigen, auf mehr als 18 Jahre geschätzten Reserven, und sie hat einen positiven freien Cashflow bei einem Ölpreis von lediglich 15 US-Dollar je Barrel. Darüber hinaus betreibt sie ihr Geschäft in einem System mit progressiver Besteuerung: Wenn der Ölpreis sinkt, trägt der Staat die Kosten, und die Margen blieben nahezu unverändert.

In den vergangenen Jahren etablierte das Unternehmen Technologien und Innovationen aus eigener Forschung und Entwicklung und investierte in die Modernisierung seiner Raffinerien und die technische Entwicklung, um die Effizienz zu steigern und die Kosten zu senken.

New Economy im Aufwind

In Russland befindet sich zudem die New Economy im Aufwind. Russlands führende Bank, die im Jahr 1841 per Erlass des russischen Zaren Nikolaus I. gegründet wurde, hat eine reichhaltige Geschichte vorzuweisen und beansprucht heute, „mit globalen Technologiefirmen im Wettbewerb zu stehen und zugleich für Privat- und Unternehmenskunden erste Wahl zu bleiben“.

Aus traditioneller Bankperspektive erscheint es sicherlich beeindruckend, dass sie mit ihren über 15.000 Filialen nach eigenen Angaben 70 Prozent der Bevölkerung Russlands und somit rund 92 Millionen Menschen betreut.

Aber sie ist sehr viel mehr als ein traditionelles Bankhaus. Zu seinem digitalen Ökosystem zählen die Bereiche künstliche Intelligenz (KI), Big Data und Automatisierung. Nach eigenen Angaben werden bereits 40 Prozent der Kundenanfragen durch ihre Chatbox beantwortet. Sie hat ihre eigene, nicht öffentliche Cloud entwickelt und arbeitet mit Partnern daran, Dienstleistungen wie Video-Streaming, E-Learning, Restaurantbuchungen und Mitfahrangebote anbieten zu können.

Die führende Suchmaschine Russlands hat ein ähnlich beeindruckendes Ökosystem geschaffen. Sie konkurriert bereits erfolgreich mit Google und bietet Dienstleistungen wie Online-Handel, Mitfahrangebote und Online-Musik ähnlich wie bei Apple. Neue Initiativen der Suchmaschine sind unter anderem eine russische Version von Netflix, die eigene Inhalte produzieren soll, und, längerfristig, die Entwicklung autonomer Autos.

Für uns verfestigt sich der Eindruck, dass Russland neben seiner anhaltenden Dominanz in der Old Economy des Ölsektors eine Reihe von chancenreichen Investments für Anleger bereithält, die die Impulse einer neuen Wirtschaftsstruktur aufnehmen wollen, in der Konsum und Technologie die Wachstumstreiber von morgen sind.