Investieren in der Drawdown-Phase Warum „Es ist alles eingepreist!” teuer werden kann

Der US-Präsident vor Kadetten: Angesichts von Trumps Tweets nehmen zunehmend auch immer mehr Anleger Haltung an.  | © Getty Images

Der US-Präsident vor Kadetten: Angesichts von Trumps Tweets nehmen zunehmend auch immer mehr Anleger Haltung an. Foto: Getty Images

Babak Kiani, HSBC

Wer sich häufig mit Marktkommentaren oder Ausblicken beschäftigt, für den klingt ein Satz wie „Ja, aber es ist schon alles eingepreist“ sehr vertraut. Interessant ist, dass dieser Satz oder sinngemäß vergleichbare Aussagen meist in einem bestimmten Umfeld zu vernehmen sind: Es hat ein Problem gegeben, auf das Anleger sich im Vorfeld nicht durch eine entsprechende Positionierung vorbereitet hatten. Wenn das Kind dann im Brunnen liegt, heißt es die Problemursachen seien nun „eingepreist“, eine weitere Aktion der Anleger sei somit nicht mehr erforderlich. Bemerkenswerterweise sind ähnliche Verhaltens­ und Argumentationsmuster seltener zu beobachten, wenn Märkte haussieren. Hier finden sich oft noch weitere Gründe, weshalb die Bäume vielleicht doch in den Himmel wachsen könnten.

Tweets geben die Agenda vor

Wir hätten diesen Text auch mit „Und er hat es wieder getan“ überschreiben können. Natürlich liegt auf der Hand, wer und was damit gemeint gewesen wäre. Handelskonflikt, Zölle, US­Präsident – das sind hier die Stichwörter. Nach den für viele überraschend deutlichen Kursverlusten im Schlussquartal 2018 schienen die Aktienmärkte sich auf eine rückläufige konjunkturelle Entwicklung der Weltwirtschaft und damit auf eine zurückgehende Gewinndynamik eingestellt zu haben. Damals wurde viel davon gesprochen, dass die eingetrübten Aussichten nun „eingepreist“ seien. Zugleich häuften sich Hinweise darauf, dass der Handelsstreit zwischen den USA und China einvernehmlich gelöst werden würde, die vorange­gangenen ernsthaften Sorgen also nicht mehr länger angebracht seien – eben alles eingepreist!

Heikles Umfeld mit wenig Konkretem

Dass es anders kommen könnte, stand in geringerem Maße im Fokus. Doch seit einigen Monaten stellen wir in vielen Ländern und Regionen weiter abnehmenden Schwung fest – wenn auch mit zwischenzeitlichen kleinen Erholungen. Demgegenüber haben die meisten Aktienmärkte in den ersten vier Monaten des Jahres 2019 bereits einen Großteil der Verluste aus 2018, wenn nicht alles, wieder aufgeholt. Daraus folgt: Die Schere zwischen einer sich stetig abschwächenden Kon­junktur und der Marktentwicklung, die sich noch im 4. Quartal 2018 spürbar schloss, öffnet sich inzwischen wieder zuneh­mend. In diesem heiklen Umfeld kommen zu den altbekannten politischen Themen nun noch weitere hinzu beziehungsweise verschärfen sich die bishe­rigen: Zum einen bleibt im Handelskonflikt mit China vorerst nur vage Hoffnung, aber wenig Konkretes, außer zum einen nun erhöhte US-Zölle auf Waren aus China; trotz laufender Verhand­lungen, und zum anderen scharfe Sanktionen gegenüber einzelnen Unternehmen – siehe Huawei. Es darf zwar gehofft werden. Doch auch Sorgenfalten ließen sich gut begründen.

Freudlose Themen: Iran, US-Innenpolitik, Brexit

Was die Lage noch verschärft, istder gegenwärtige Ton und Aktionen der US­Administration nicht nur gegenüber dem Iran. Es liegt auf der Hand, dass derartige Eskalationen und Zuspitzungen selten stimmungs­, wachstums­ und gewinnfördernd sind. Doch als wäre dies alles nicht bereits genug, spitzt sich nun auch der Konflikt zwischen der US­Administration und der Opposition zu. Und schlussendlich ist die britische Premierministerin ins Abseits geraten, wovon potenziell diejenigen profitieren könnten, denen wenig an einer konstruktiven Lösung des Themas Brexit zu liegen scheint. Und doch heißt es vielerorts: „Alles eingepreist.“ Aktien, so heißt es, seien gegenüber vielen anderen Anlagemöglichkeiten, allem voran Staatsanleihen, attraktiv bewertet.

Es stellt sich die Frage: Ist auf den gegenwärtigen Kursniveaus tatsächlich alles (steigenden Kursen Abträgliche) eingepreist? Dann könnten wir verhältnismäßig unbekümmert nach vorne schauen – ja, vielleicht sogar die im Vergleich günstig aussehenden Kursniveaus nutzen, um vermeintlich billige Aktien einzusammeln.

Trotz halbwegs stabiler Weltkonjunktur wenig Lust auf Risiken

Wir sehen zwar nach wie vor nicht, weshalb die Weltkonjunktur in eine ausgewachsene Rezession fallen sollte. Aktuelle Daten geben uns hierfür auch trotz Momentumverlust wenig Anlass. Allerdings halten wir das skizzierte Gesamtumfeld nicht sonderlich dafür geeignet, um sonderlich ausgeprägte „absolute Risikopositionen“ einzunehmen, ganz gleich was dies in der Gedankenwelt eines benchmarkfixierten Anlegers bedeuten mag. Wir können uns gut vorstellen, dass die Aktienmärkte nach den kräftigen Gewinnen seit Jahresanfang nun in ruhigeres, vielleicht sogar korrigierendes Fahrwasser einschwenken, erst einmal neue Wirtschaftsdaten sammeln und bewerten, und zugleich  den Fortgang der politischen Querelen beobachten, ehe sich neue Trends etablieren.

Fazit: Aktien derzeit nicht uneingeschränkt chancenreich

Aus diesen Gründen (einer gegenläufigen Entwicklung des konjunkturellen und des Markt­Momentums, sowie angespannter politischer Konstellationen) sehen wir Aktien aus taktischer Sicht derzeit nicht mehr als unbedingt attraktiv an. Auch wenn mittelfristig vieles für sie sprechen mag: Kurzfristig überwiegt unseres Erachtens das Potenzial für negative Überraschungen. Wir haben deshalb unser Risiko-Exposure zu Monatsbeginn reduziert, indem wir unser Votum für Aktien von „Neutral“ auf „Untergewichten“ zurückgenommen haben. Aus dieser defensiveren Portfolioaufstellung heraus beobachten wir die weitere Entwicklung der Problemthemen, ehe wir über eine Wiederaufstockung unserer Aktienbestände nachdenken.