Das Thema Nachhaltigkeit rückte schon in den vergangenen Jahren ein wenig in den Hintergrund. Wie war es dieses Mal?
Vielhaber: Mir scheint, hier ist Ernüchterung eingekehrt. Es gibt ein Dutzend Anbieter am Markt, die sich das Thema auf die Fahnen geschrieben haben. Die ziehen das durch, entwickeln sich, ihr Produktangebot und ihre Mitarbeiter auf dem Gebiet weiter. Die sollte man kennen, wenn man als Kunde auf diesen Aspekt wert legt. Doch die Privatkunden wollen nicht so recht anbeißen, und das Gros der Häuser schaltet erst mal einen Gang runter. Oftmals wird die Frage gar nicht gestellt, ob der Kunde nachhaltig anlegen will. Dabei ist das seit Sommer 2022 eine Pflichtfrage in der Beratung. Andere Berater fragen suggestiv so, dass der Kunde gleich abwinkt.
„Vielen Banken und Vermögensverwaltern ist die Geldentwertung bestenfalls noch eine Fußnote wert“
Am Ende suchen Kunden auch eine gute Performance. Können Anbieter die kurz- und auch langfristig liefern?
Vielhaber: Das verfolgen wir in unseren Performance-Projekten seit dem Jahr 2011 taggenau mit. Derzeit laufen vier Projekte mit 39 bis 99 Teilnehmern. Tatsächlich schafft es regelmäßig nur ein Viertel oder weniger, ein von uns aus drei bis vier ETFs zusammengestelltes Benchmark-Portfolio zu übertreffen. Das deckt sich im Übrigen auch mit den Ergebnissen zahlreicher wissenschaftlicher Studien.
Mittlerweile senken die Notenbanken die Zinsen wieder. Was verändert sich in der Beratung und den Portfolios?
Vielhaber: Auffällig ist, dass das Thema Inflation so gut wie keine Rolle mehr spielt. Vielen Banken und Vermögensverwaltern ist die Geldentwertung bestenfalls noch eine Fußnote wert. Dabei ist sie entscheidend für den realen Werterhalt des Vermögens und insbesondere bei der Planung des Ruhestands eine conditio sine qua non: Man muss mit ihr kalkulieren. Die Berater haben oftmals keine eigene Meinung dazu und die meisten Häuser folgen einfach der Prognose der EZB und kalkulieren um die 2 Prozent Geldentwertung ein. Die EZB wird aber gar nichts anderes prognostizieren können als diese 2 Prozent, sonst würde sie ja voraussagen, dass ihre Politik nicht wirkt oder sie bewusst ihren satzungsgemäßen Auftrag verletzt.
Ansonsten werden die Anleihenanteile wieder etwas heruntergefahren und die Portfolios riskanter aufgestellt, sofern der Kunde mitspielt und auch die nötigen Reserven hat, um eine Durststrecke nach einem Markteinbruch aussitzen zu können.
Mittlerweile konsolidiert auch der Bankenmarkt wieder. Verliert am Ende der Kunde?
Vielhaber: Man kann ja nicht sagen, dass es zu wenige Banken in Deutschland gäbe. Gerade drängen die Liechtensteinischen Institute LGT und LLB mit Verve auf den deutschen Markt und beleben das Angebot. Zudem eröffnet die Möglichkeit zur Beratung im Videocall enorme Möglichkeiten für Kunden, auch außerhalb des eigenen Sprengels Anbieter zu kontaktieren. Man muss keinen großen Aufwand an Zeit und Kosten betreiben, um selbst Institute in Österreich oder der Schweiz und Liechtenstein anzusprechen. Aus Kundensicht weiten sich also der Horizont und die Möglichkeiten.
Eingeschränkt wird das Angebot eher durch die Regulatorik. Dadurch werden die Portfolios immer einfallsloser, die Standardisierung im Produktangebot im Private Banking, aber auch ein Stockwerk höher im Wealth Management, nimmt zu. Das heißt aber auch: In der Krise verstärkt sich die Abwärtsbewegung. Denn selbst wenn Portfolios in sich einigermaßen gut diversifiziert sind, reagieren sie im Krisenfall dennoch gleichartig, weil alle ähnlich strukturiert sind. ETFs nehmen immer größeren Raum in den Portfolios ein. Beteiligungen werden schon seit Jahren überhaupt nicht mehr angeboten, bei Rohstoffen bestenfalls eine Prise Gold, selten mal Cat Bonds, und Mikrokredite sind out.
Über den Interviewten:
Ralf Vielhaber ist seit 2007 Geschäftsführer des Verlags Fuchsbriefe. Nach Studium der Germanistik und Geschichte volontierte er beim Weser Report in Bremen und war seit 1995 Chefredakteur und Verlagsleiter bei Fuchsbriefe. Zusammen mit Jörg Richter vom Institut für Qualitätssicherung und Prüfung von Finanzdienstleistungen (Dr. Richter | IQF) bildet er als Partner die Fuchs | Richter Prüfinstanz.