private banking magazin: Herr Eisinger, welche Schwellenländer sind aktuell besonders interessant und welche sollten eher gemieden werden?
Nick Eisinger: Länder mit niedrigem Beta und hoher Qualität wie die Vereinigten Arabischen Emirate, Polen, Chile und mehrere asiatische Staaten weisen zwar enge Spreads auf, bieten jedoch im „risikofreudigen" Marktumfeld keine hohen Aufwärtsrenditen. Dennoch fungieren sie in Zeiten makroökonomischer Unsicherheit, etwa bei einer plötzlichen Rezession in den USA, als defensive Anker für Portfolios.
Im Gegensatz dazu bleiben High-Yield-Bonds aus Ländern wie Nigeria, Angola oder Ecuador in risikoarmen Marktphasen attraktiv, da sie weiterhin vielversprechende Gesamtrenditen liefern. Allerdings erhöhen wirtschaftliche Abschwünge oder fallende Ölpreise die Anfälligkeit dieser Märkte, was sie in risikoreicheren Phasen weniger vorteilhaft macht. Derzeit bevorzugen wir gezielt High-Yield-Anleihen aus der Elfenbeinküste und Ägypten, während wir Länder wie die Türkei und Südafrika übergewichten.
Worauf müssen Investoren angesichts geopolitischer Risiken achten?
Eisinger: Geopolitische Risiken werden von den Märkten oft unzureichend eingepreist, entweder weil sie nicht vollständig wahrgenommen oder als weniger relevant eingestuft werden. Ein Beispiel sind die zunehmenden Spannungen im Nahen Osten, die zwar lokale Risiken beeinflussen, sich global bisher jedoch kaum auswirken. Wir gehen davon aus, dass geopolitische Risiken in Zukunft zunehmen werden, allerdings handhabbar bleiben.
Besondere Aufmerksamkeit sollten Anleger den Entwicklungen in den USA, insbesondere den Wahlen und der Handelspolitik gegenüber China, widmen. Diese Faktoren spielen eine entscheidende Rolle für Schwellenmärkte. Ebenso könnte die zukünftige US-Politik gegenüber Mexiko erhebliche Auswirkungen auf Investitionen haben, weshalb Anleger die Entwicklungen genau beobachten sollten.
„Auch wenn geopolitische Risiken oft überschaubar wirken, ist es entscheidend, mögliche Extremrisiken im Blick zu behalten“
Komplett ausschließen lassen sich solche Ereignisse nicht, in Schwellenländern ist die Stabilität aber oft noch etwas geringer. Welche Auswirkungen hat das auf die Auswahl der Anleihen und das damit verbundene Risikomanagement?
Eisinger: Auch wenn geopolitische Risiken oft überschaubar wirken, ist es entscheidend, mögliche Extremrisiken im Blick zu behalten, die unerwartet stark auf Märkte einwirken könnten. In den Emerging Markets nimmt das Risikomanagement eine zentrale Rolle ein. So wählen wir Anleihen im Nahen Osten selektiv aus, basierend darauf, wie stark sie von Eskalationen oder Krisen betroffen sein könnten. Durch eine Untergewichtung in besonders gefährdeten Regionen fokussieren wir uns auf Länder mit attraktiveren Spreads, die jedoch ebenfalls anfällig für steigende Spannungen sind. Diese Strategie erlaubt in unseren Augen eine breitere Diversifikation und eine bessere Risikosteuerung.
Wie haben sich die vergangenen zehn Jahre entwickelt?
Eisinger: Die letzten zehn Jahre waren von hoher Volatilität bei Risikoanlagen geprägt. Ereignisse wie die Covid-19-Pandemie, der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, die wirtschaftlichen Herausforderungen in China und zunehmende politische Spaltungen in den USA und Europa haben die Märkte nachhaltig beeinflusst. In jüngster Zeit führte ein dramatischer Anstieg der Inflation weltweit zu einer Verschärfung der Geldpolitik.
In den Schwellenländern haben sich sowohl die Marktstrukturen als auch die Anleihenmärkte verändert. Einige aufstrebende Länder sind Teil wichtiger Benchmarks geworden, während andere, nach temporären Zahlungsausfällen, ihren Weg aus der Insolvenz suchen. Gleichzeitig haben ehemals Investment-Grade-Länder wie die Türkei und Südafrika ihren Status verloren, was zusätzliche Herausforderungen für Investoren bedeutet.
Welche Aussichten auf die Zukunft lassen sich daraus ableiten?
Eisinger: Die Zukunftsaussichten für Schwellenländer bleiben positiv, insbesondere wenn das Wirtschaftswachstum in den USA stabil bleibt. Die Fundamentaldaten vieler dieser Länder haben sich in den letzten Jahren verbessert, wodurch ihre Widerstandsfähigkeit gestiegen ist. Nach mehreren Jahren signifikanter Kapitalabflüsse gibt es zudem gute Gründe zu glauben, dass Investitionen in die Schwellenmärkte wieder zunehmen könnten, was eine Erholung und positive Renditeentwicklungen zur Folge haben könnte. Frühzeitige Positionierungen bieten hier attraktive Chancen.
Heute gibt es wesentlich mehr Informationen als früher, auch über entlegenere Teile der Welt. Gibt es trotz allem noch Geheimtipps, die Investoren möglicherweise nicht auf dem Schirm haben?
Eisinger: Trotz der Vielzahl an verfügbaren Informationen gibt es nach wie vor ungenutzte Anlagechancen, die viele Investoren übersehen. Der Schlüssel liegt in einem fundierten Anlageprozess, der durch gründliche Research-Methoden und ein strenges Risikomanagement gestützt wird. Statt auf pauschale Wetten oder „Beta“-Positionen zu setzen, sollten Investoren gezielte Selektionsmöglichkeiten in den Vordergrund stellen. Dies beinhaltet die sorgfältige Auswahl zwischen verschiedenen Ländern, Kreditsegmenten und Anlageklassen wie Anleihen, Währungen oder Unternehmensanleihen. In einer solchen differenzierten Herangehensweise lassen sich oft noch unentdeckte Anlagepotenziale identifizieren.
„Ein gut diversifiziertes Portfolio sollte gegenwärtig sowohl Wachstumschancen als auch solides Risikomanagement vereinen“
Angesichts dieser Faktoren: Wie sieht ein guter Mix aus?
Eisinger: Ein gut diversifiziertes Portfolio sollte gegenwärtig sowohl Wachstumschancen als auch solides Risikomanagement vereinen. Angesichts des Zinssenkungszyklus der Fed und einer möglichen Konjunkturabschwächung setzen wir auf eine moderate Kern-Duration im Portfolio, vor allem durch US-amerikanische oder europäische Zinssätze. Ergänzend halten wir gezielte Durationen in Schwellenländern wie Mexiko, Südafrika und Tschechien.
Mit Blick auf die geldpolitische Ausrichtung der Fed und der Stabilität der Weltwirtschaft, übergewichten wir derzeit Staatsanleihen aus Schwellenländern, bleiben jedoch selektiv. Zudem haben wir kürzlich Positionen in bestimmten Segmenten des hochverzinslichen EM-Marktes aufgenommen, darunter Länder wie Ägypten und die Elfenbeinküste sowie Staaten, die sich aus einer Restrukturierung erholen, wie die Ukraine und Sambia.
Über den Interviewten
Nick Eisinger ist seit 2013 Co-Leiter Schwellenländer aktives Fixed Income bei Vanguard in London. Davor arbeitete er bei Fidelity Investments als Stratege und Analyst. Von 2007 bis 2009 war er bei der Deutschen Bank und davor bei Fitch Ratings als Schwellenländerexperte tätig.