private banking magazin: Herr Stern, Sie sagten, Deutschland sei für Sie ein interessanter Markt. Wann wurde Ihnen klar, dass Sie hier wieder eine Präsenz aufbauen möchten?
Jérôme Stern: Das war ein Prozess. Deutschland hat für uns viel Potenzial. Es gibt einen außergewöhnlich starken Mittelstand und viele solide Unternehmerfamilien, das passt zu uns. Wir wollten aber nicht einfach ein Büro eröffnen. Es musste die richtige Person, der richtige Zeitpunkt und die richtige Struktur zusammenkommen.
Mir ist auch wichtig, dass meine Familie hier ihre Wurzeln hat. Unsere Vorfahren waren Frankfurter und wurden im Nationalsozialismus vertrieben. Das waren schwierige Zeiten. Für mich ist die Rückkehr auch eine Frage der Haltung: Wir wollen heute wieder Verantwortung übernehmen – mit denselben Werten wie damals: Unabhängigkeit, Vertrauen, Seriosität und Langfristigkeit.
Hat Sie diese historische Komponente emotional berührt?
Stern: Ja, sehr. Ich empfinde Deutschlands Rückkehr in die Normalität als eine der größten historischen Leistungen des 20. Jahrhunderts. Meine Großeltern hätten das wohl nie so gesagt, der Schmerz war zu groß. Aber ich empfinde Dankbarkeit – nicht Bitterkeit. Deutschland hat sich seiner Geschichte gestellt, und das verdient Respekt.
Wie fiel dann die Entscheidung, den Standort tatsächlich zu eröffnen?
Stern: Wir sind partnerschaftlich organisiert und jede Entscheidung muss gemeinschaftlich getragen sein. Als wir Andreas Krebs kennengelernt haben, war uns klar, dass wir gleichgesinnt sind. Er bringt Erfahrung, Haltung und Marktverständnis mit und er teilt unsere Philosophie.
Andreas Krebs baut das Deutschlandgeschäft von J. Stern seit Juli in Frankfurt auf. Auch er nahm sich spontan Zeit für die Fragen des private banking magazins.
Andreas Krebs: Ich habe Jérôme Stern kennengelernt und gemerkt: Das ist kein „Banker“, der auf Wachstum um jeden Preis schaut, sondern ein „Bankier“, der etwas Dauerhaftes aufbauen will. Das entsprach genau meiner Vorstellung.
Wie war die Resonanz auf Ihre Rückkehr nach Frankfurt?
Krebs: Sehr positiv. Viele erinnern sich an den Namen Stern und die große Rolle, die die Familie in der Stadtgeschichte gespielt hat: als Mitgründer der Goethe-Universität, als Politiker im Stadtrat dieser großen Bürgerstadt, als Mäzene und Philanthropen. Natürlich auch als Bankiers am Finanzplatz Frankfurt oder kluge Kaufleute im Präsidium der Industrie- und Handelskammer. Man spürt deutlich: „Schön, dass der Name wieder da ist, dass diese Leerstelle wieder geschlossen wird.“
Wir sind bewusst gestartet: Schritt für Schritt, mit einem soliden Team, einer sauberen Struktur und organischem Wachstum. Das fühlt sich richtig an.
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Stern: Und es hat auch etwas Symbolisches. Die Familie wurde einst aus Frankfurt vertrieben, jetzt kommen wir mit einem Haus zurück, das dieselben Werte trägt wie früher, nur in moderner Form.
Wenn Sie auf die Geschichte Ihrer Familie blicken. Was möchten Sie davon bewahren?
Stern: Integrität. Unsere Familie war im 18. Jahrhundert in der Frankfurter Judengasse aktiv. Dort waren wir Nachbarn der Rothschilds. Jacob Stern gründete 1805 die Bank, das Bankhaus Jacob S.H. Stern. Er hatte 15 Kinder, zwölf überlebten und daraus entstanden Linien in Paris, London, Berlin, und dann Konstantinopel, Shanghai. Es waren Familien, die Vertrauen schufen, bevor es staatliche Banken gab.
Heute arbeiten wir mit einer Historikerin zusammen, um unsere Familiengeschichte nicht nur in Frankfurt, sondern auch in Paris und London, zu erforschen und zu dokumentieren. Das ist kein nostalgisches Projekt, sondern Teil unserer Identität.
Wofür sind Sie Ihrem Vater heute am meisten dankbar?
Stern: Für die Freiheit, meine eigenen Entscheidungen treffen zu können. Er war Kinderchirurg, kein Bankier – fast das schwarze Schaf der Familie. Und doch hat er die Bank restrukturiert und sehr gut verkauft. Er hat gesagt: „Nur weil wir die Bank verkaufen, heißt das nicht, dass du nichts Eigenes aufbauen kannst.“ Er hat mir ein weißes Blatt Papier gegeben – keine Verpflichtung, sondern Vertrauen. Das war prägend.
Hätte sich Ihre Laufbahn ohne den Verkauf anders entwickelt?
Stern: Vielleicht. Aber ich mag Geschichten, in denen sich Lebenswege verändern. Diese Freiheit hat mich zu J. Stern geführt.
Wie kam es zur Gründung Ihres Hauses?
Stern: Nach 15 Jahren Investmentbanking – in New York, London, Zürich – sah ich: Viele Anleger investieren langfristig, handeln aber an den Märkten kurzfristig. Das war widersprüchlich. Darin lag auch die Gelegenheit. Also fragte ich einige von ihnen: „Wenn jemand konsequent langfristig investiert, würden Sie mitmachen?“
Die Antwort war: „Ja – wenn er auch selbst investiert.“ Das war der Start von J. Stern. Zwei Prinzipien tragen uns bis heute: langfristiges Investieren und Interessengleichheit. Wir investieren selbst und nehmen andere als Co-Investoren mit.
