Interview mit Heiko Schlag, Deutschlandchef von Julius Bär „Unser Wachstum ist nicht abhängig von Neueinstellungen“

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Wie reagieren ihre deutschen Kunden auf den Krieg in der Ukraine? Gab es eine gestiegene Nachfrage in der Einzeltitelberatung?

Schlag: Wie wir alle sind auch unsere Kundinnen und Kunden sehr betroffen. Besonders die älteren Kundinnen und Kunden, die den letzten Krieg noch erlebt haben, zeigten sich gerade zu Beginn sehr beunruhigt. Diese Unruhe hat aber wenig mit ihren Finanztiteln zu tun. Da steht die Sorge um die Menschen im Vordergrund. Allgemein kann ich sagen, dass unsere Anlagestrategien auf Langfristigkeit ausgelegt sind. Kurzfristige Schocks an den Finanzmärkten sind somit besser auszuhalten. Wir haben aber viele Fragen zu strukturellen Themen erhalten, etwa zu Sektoren und Allokationen. Das Thema Regionen wurde wichtiger und auch das Thema Zinsanstieg kam immer wieder zur Sprache.

Verspüren Sie in der Vermögensverwaltung den Wunsch der Kunden nach individuelleren Angeboten?

Schlag: Die persönliche Beratung wird sehr und nach meinem Eindruck immer mehr geschätzt. Mit unserem ganzheitlichen Wealth-Management-Ansatz erarbeiten unsere Expertinnen und Experten Lösungen in den Bereichen Vermögensplanung, Investieren und Finanzieren mit dem Ziel, die finanziellen, geschäftlichen und persönlichen Ziele unserer Kundinnen und Kunden vollumfänglich zu berücksichtigen. Und auch bei der Vermögensverwaltung können individuelle Vorlieben abgedeckt werden. Hier denke ich zum Beispiel an die Höhe des Aktienanteils oder an den Länder- und Branchenmix. Bereits zwei Drittel unserer Kunden entscheiden sich für die Vermögensverwaltung.


Was ist ein gesundes Verhältnis von Advisory- und Vermögensverwaltungsgeschäft und wie zufrieden sind Sie mit der aktuellen Aufstellung?

Schlag: Mit der aktuellen Aufstellung sind wir sehr zufrieden. Auch unsere Kundinnen und Kunden fühlen sich mit unserem Angebot in der Vermögensverwaltung sehr wohl, welches globale, nachhaltige und Private-Equity-Lösungen beinhaltet. Wir bieten aber weiterhin ganz bewusst auch Advisory an – gerade für die Kundinnen und Kunden, die eine hohe Affinität für die Entwicklungen an den Kapitalmärkten haben und selbst die letzte Entscheidung treffen möchten.  

Verfolgen Sie das Ziel, Beratungskunden mittel- bis langfristig in die Vermögensverwaltung zu überführen?

Schlag: Unsere Kunden können frei wählen. Allerdings gibt es neben dem Trend zur Individualität noch eine weitere Entwicklung. Märkte werden immer komplexer und Krisen treten in schnelleren Abfolgen auf als früher. Viele Kundinnen und Kunden wechseln daher aktuell selbst in die Vermögensverwaltung und profitieren so von unserer Expertise und den globalen Research-Teams in unserem Hause.

Wie positioniert sich Julius Bär in Deutschland konkret mit Blick auf die verschärfte ESG-Regulierung? Ist sie Fluch und Segen zugleich?

Schlag: ESG ist für mich ein ähnlicher Meilenstein wie die Mifid-II-Regulierung. Wer 2022 nachhaltige Produkte anbietet, hat Wettbewerbsvorteile. Julius Bär arbeitet daran, mit Blick auf ESG-Produkte maximal lieferfähig zu sein, und dafür investieren wir. Bei uns hat das nachhaltige Investieren aber ohnehin eine lange Tradition. Im Jahr 2014 hat Julius Bär als erste Schweizer Bank die Grundsätze für verantwortliches Investieren der Vereinten Nationen unterzeichnet, seit 2015 operieren wir CO2-neutral. Seit 2019 gehören wir zu den Gründungsunterzeichnern der Grundsätze für verantwortungsbewusstes Banking der Vereinten Nationen. Mit den Jahren hat Julius Bär somit laufend die Rolle, die wir in der Gesellschaft und für die Umwelt einnehmen können, anerkannt und erweitert. Heutzutage ist Nachhaltigkeit kodifiziert und in unser Kerngeschäft eingebettet. Aber lassen Sie mich die Frage zum Thema ESG-Regulierung auch noch einmal anders beantworten: Nachhaltigkeit ist eine Aufgabe für alle auf dem Weg in eine nachhaltigere Welt.

Über den Interviewten:
Heiko Schlag ist Vorstandsvorsitzender der Bank Julius Bär Deutschland. Er führt das Institut seit 2012 und hatte ein Jahr früher die Leitung des Private Bankings übernommen. Zuvor arbeitete der Diplom-Kaufmann 20 Jahre in verschiedenen Positionen in der Betreuung von Privat- und Geschäftskunden.