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Die in Deutschland ein Stück weit als riskantes Investment verschrien sind …
Lehmann: Genau, was in meinen Augen totaler Unsinn ist. Dass es die Änderung gibt, ist für mich das eigentlich Revolutionäre an der Reform.
Sie klingen sehr zufrieden …
Lehmann: Oft heißt es, dass die US-Endowments, also Harvard, Yale und weitere so viel mehr aus ihren Geldern machen. Ein unsinniger Einwand. Vergessen wird dabei immer, dass sie in einem anderen gesetzlichen Rahmen unterwegs sind. US-Stiftungen müssen, wie bereits erwähnt, 5 Prozent ihres Gesamtvermögens pro Jahr ausschütten. Natürlich wollen sie dabei ihre Stiftung aber auch erhalten, mit dem Unterschied, dass es in den USA eben keine gesetzlichen Vorgaben dazu gibt. Die Performance und hierbei vor allem die langfristige Wertentwicklung ist deshalb entscheidend und nicht die vom deutschen Gesetzgeber vorgegebene Fruchtziehung hiesiger Stiftungen, also die Erwirtschaftung von ordentlichen Erträgen.
Deshalb sehen auch die Asset-Allokationen deutscher und amerikanischer Stiftungen, wenn man sie miteinander vergleicht, so unterschiedlich aus. Hier mehr Aktien und Alternatives, da mehr Renten. Jetzt können sich deutsche Stiftungen dank der Stiftungsreform sehr viel stärker wie ihre amerikanischen Kollegen auch auf Sachwerte zubewegen, also mehr auf die Performance anstatt wie bisher nur auf die ordentlichen Erträge zu achten.
Ab jetzt passt der Vorwurf also eher?
Lehmann: Ja, denn die Rahmenbedingungen änderten sich etwas. Die Bedeutung von Sachwerten in der Vermögensanlage von Stiftungen stieg eindeutig. Oder auch thesaurierende Fonds, die beispielsweise bislang für Stiftungen ungeeignet waren, weil sie keine ordentlichen Erträge erwirtschaften, sind nun interessant. Jetzt kann ein Kurswertzuwachs über den Verkauf von Fondsanteilen realisiert und zur Stiftungszweckverwirklichung eingesetzt werden.
Vermissen Sie etwas bei der Reform?
Lehmann: Eigentlich nicht. Es gibt einen Referentenentwurf, in dem es heißt, dass Paragraph 62, also die Rücklage, abgeschafft werden sollte, sowie das Gebot der zeitnahen Mittelverwendung. Nun ist die Regierung zerbrochen und der Entwurf wird zunächst nicht weiterverfolgt, vielleicht gänzlich in der Schublade verschwinden. Unglücklich bin ich darüber nicht. Die beiden Punkte setzen einen Rahmen für die Handlungsweise einer Stiftung. Da es keine grundlegenden Änderungen in der Ausschüttung, beispielsweise nach dem Vorbild USA gibt, gibt es auch keine Veranlassung, das Gebot der realen Kapitalerhaltung außer Kraft zu setzten.
Zumal Dank der Reform zwischen realer und nominaler Kapitalerhaltung gewählt werden kann, was ich für richtig halte. Sicher wären auch immer wieder Schulungen hilfreich. Aktien dürfen nicht mehr als Risiko betrachtet werden. Aber diese Annahme zieht sich durch unsere ganze Gesellschaft. Auch Wertsicherungskonzepte von Banken sind immer noch ausschließlich auf Volatilitätsrisiken ausgerichtet und nicht auf Bonitätsrisiken. Das halte ich für nicht mehr zeitgemäß .
Welche Bedeutung hat das Thema Nachhaltigkeit und insgesamt ESG für Ihre Stiftung?
Lehmann: Die Taxonomieverordnung der EU ist noch unvollständig und unausgereift. Denke ich an einen Anleger, der sich nach den Vorschriften ausrichten will, stellt er zunächst fest, dass derzeit nur Aktien solcher Unternehmen in die Bewertung einfließen können, die ihren Sitz in Euroland haben und dass auch keine Rentenanlagen momentan in den Bewertungen berücksichtigt werden können. Da muss noch viel geschehen.
Und bis das geschehen ist …
Lehmann: Gibt es diverse Screening-Modelle, die dabei helfen können, die Nachhaltigkeit zu überprüfen. Für unseren eigenverwalteten Aktienbestand arbeiten wir mit einer Beratungsfirma zusammen, der wir die für uns wichtigen Kriterien in Führung, Umwelt und Soziales mitteilen. Das geht vom Komplettausschluss über Transformationspfade, die wir akzeptieren, bis hin zu unbedenklichen Impact-Investments. Diese Firma baten wir darum, uns ein Aktienuniversum aufzuzeigen, in das wir unter Einhaltung der uns wichtigen Kriterien ohne Bedenken investieren können. Aus diesem wählen wir 40 Titel aus verschiedenen Branchen und mit einer hohen Dividendenrendite und Marktkapitalisierung aus und bauen unseren eigenverwalteten Bestand. 40 Titel, weil wir diese Anzahl auch hatten, als wir noch eine Benchmark abgebildet haben. Einmal jährlich gibt es ein Re-Balancing.
Was kann ich mir darunter vorstellen?
Lehmann: Die 40 Titel stehen gleichgewichtet im Portfolio, die stellen wir damit wieder her. Zudem überprüfen wir dabei, ob die beinhalteten Titel noch unseren Kriterien entsprechen. Dabei stellten wir fest, dass wir weniger Titelwechsel im Bestand haben als beim Rebalancing einschlägiger Indizes, Bei einigen Fonds, die sich nachhaltig nennen, wird pro Jahre oftmals ein hoher Anteil der Titel ausgetauscht, um viele davon im Jahr darauf wieder aufzunehmen. Das hat für mich nichts mit Nachhaltigkeit und Belastbarkeit von Analysen zu tun.
Wie verfahren Sie mit Ihren Spezialfonds-Mandaten?
Lehmann: Hier screenen wir jeden einzelnen Titel. Die Daten beziehen wir ebenfalls von Refinitiv. Geliefert werden 400 Nachhaltigkeitskriterien für gut 7.000 Aktienwerte. Im Rentenbereich durchleuchten wir ebenfalls jeden einzelnen Titel, eigenverwaltet und Spezialfonds, das sind an die eintausend, nach eigenen Wertvorstellungen.
Dazu beziehen wir Daten unter anderem von Transparency International, oder Ärzte ohne Grenzen, also von Organisationen, die verschiedene Kriterien der ESG-Komponenten beleuchten. Im passiven Aktienspezialfonds-Bereich haben wir ausschließlich Benchmarks aus der MSCI ESG Leaders Family.
Und bei Immobilien benutzen Sie Tools wie beispielsweise Gresb?
Lehmann: Bei Immobilien finde ich es tatsächlich am schwierigsten. Wir analysieren unsere Immobilien, das sind Einzelbestandsaufnahmen, das ist sehr aufwendig, ich kann nicht mit Durchschnittswerten arbeiten, muss sozusagen alles auf den Kopf stellen. Wir machen das, wollen nachhaltige und moderne Immobilien im Portfolio haben. Der Transformationsprozess wird aber noch Zeit in Anspruch nehmen.
Herr Lehmann, Sie stehen seit 25 Jahren an der Spitze der Volkswagen Stiftung, wie hat sich ihr Geschäft und das Stiftungsgeschäft insgesamt in dieser Zeit verändert und wie tanken Sie ihren Akku wieder auf?
Lehmann: Es änderte sich eigentlich gar nicht so viel, da sich auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen – zumindest bis zum letzten Jahr – nicht verändert haben. Gleichwohl haben wir hier in der Volkswagen Stiftung auf die großen Bewegungen an den Märkten, Stichwort Niedrigzinsphase, reagiert. Unsere Asset Allokation sieht heute deutlich anders aus als vor 25 Jahren. Meinen Akku tanke ich am liebsten mit meiner Familie und im Beisammensein mit meinen Freunden, die in unterschiedlichsten Branchen und Berufen tätig sind, auf. Und ich gehe gerne zum Fußball zu Hannover 96 ins Stadion oder fahre an einen ruhigen See zum Angeln.
Über den Interviewten
Dieter Lehmann ist seit 1999 Mitglied der Geschäftsleitung und ist zudem Leiter der Abteilung Vermögensanlage, Finanzen und Verwaltung der Volkswagen Stiftung. Vorherige Karrierestation war von 1991 bis 1999 die DG Bank (heute DZ Bank).