Interview mit Achim Lange von der Zeit Stiftung Bucerius „Konsolidierungen machen uns zu passiveren Investoren“

Seite 4 / 4

Die Bucerius Law School wurde mit dem Ansinnen gegründet, dass hochqualifizierte junge Menschen nicht im Ausland studieren müssen, um einen hervorragenden Abschluss machen zu können. Jetzt denken wir weiter und sehen die Notwendigkeit, dass diese herausragenden Juristen auch etwas zurück in die Gesellschaft transportieren. Das ist ein Prozess, den wir weiter gehen wollen. Früher lag die Umlage bei 15 bis 20 Prozent. Mittlerweile nehmen über 50 Prozent der Studierenden das Kreditangebot an.

Wie haben Sie das erreicht?

Lange: Wir sprechen Bewerber breiter und diverser an, bewusst nicht nur Kinder aus Akademikerfamilien, sondern aus der Breite der Gesellschaft. Die Erstakademiker-Quote ist seitdem gestiegen und soll weiterhin steigen. Die individuelle Eignung und Leistung standen bei uns immer schon im Vordergrund. Jetzt bewerben sich auch Studierende, die die Leistung bringen, sich wegen der Gebühren aber früher vielleicht nicht beworben hätten.

Ein guter Werdegang, der für die Stiftung nicht günstig ist. Sie haben 119 Plätze bei 600 qualifizierten Bewerbern…

Lange: Und wir freuen uns über den Erfolg und die hohen Bewerberzahlen. Als Institution sehen wir es als Invest in die Gesellschaft. Das Geld ist in unserer Kapitalanlage verbucht, als Schuldscheindarlehen – mit dem Vertrauen, dass ein Großteil der Absolventinnen und Absolventen sich beteiligen wird.

2023 trat die Stiftungsrechtsreform in Kraft. Was ist in ihren Augen gelungen, was weniger?

Lange: Gelungen ist, dass wir seitdem mehr Flexibilität haben – etwa beim Investieren, aber auch auf der Ausschüttungsseite. In der Nullzinsphase war es hilfreich, dass man auch realisierte Gewinne ausschütten konnte. Vor dem Hintergrund des Ewigkeitsgedankens ist es in meinen Augen problematisch, weil natürlich die Gefahr besteht, dass bestimmte Stiftungen auch ausgehöhlt werden und nicht mehr den realen Kapitalerhalt über längere Zeiträume darstellen können. Fraglich auch, ob Stifter das so gewollt hätten.

Sie klingen nicht überzeugt von der Reform…

Lange: Es wurden wichtige Punkte umgesetzt. Beispielsweise war es notwendig, die einzelnen Landesgesetzgebungen auf Bundesebene zusammenzufassen. Da kommen wir wieder zu dem Ursprung, auch zu Fragen der Bürokratie, dem Föderalismus.

Würden Sie einen Ausblick wagen, wo wir in fünf Jahren stehen? Stichwort Inflation und Geopolitik?

Lange: Ich hoffe sehr, dass die neue Regierung es schafft, die Mitte wieder zu stärken, damit wir in vier Jahren nicht ein ähnliches Bild wie in Österreich sehen. Ich hoffe auch, dass die Streitkultur und der respektvolle Umgang miteinander im politischen Deutschland weiterhin als hohes Gut angesehen werden.

Und bei dem Blick auf die USA?

Lange: Wir müssen die vier Jahre mit Trump aushalten, ja, überstehen. Die Gefahr, die ich geopolitische sehe, ist auch die Verschiebung zum Kapital. Bei seiner Vereidigung waren nicht politische Akteure im Fokus, keine Gouverneure. Dort waren vornehmlich Privatpersonen mit viel Geld . Die Demokratie darf nicht zum Spielball von Superreichen werden.

 

Einige dieser Multimilliardäre haben zudem einen enormen Einfluss auf die Gesellschaft, da sie soziale Netzwerke steuern, klarer gesagt besitzen. Diese Menschen können viel mehr Meinungs-Einfluss nehmen als Politiker. Das ist eine sehr schwierige Entwicklung. Zudem haben wir ein erhebliches Risiko auf dem Bondmarkt.

Warum?

Lange: Einige Käufer fallen aus, gerade aus dem asiatischen Raum Gleichzeitig steigt die Verschuldung der USA und es gibt eine Flucht in Sachwerte wie Gold und Krypto. Viele wollen ihr Kapital gegen Zugriff sichern. Mit Aktien haben sie einen Sachwertcharakter mit Inflationsschutz. Eine hohe Verschuldung wie in den US, führt zu hohen Inflationsdaten. Kommt es zu einem Vertrauensverlust, führt dieser zu Renditeanstiegen, die eine höhere Belastung mit sich bringen. Meine Hoffnung ist, dass das Renditeniveau in den USA so bleibt, wie es ist. In Europa ist die Rendite, auch was Bundesanleihen betrifft, etwas zu niedrig. Auf der Aktienseite wurde extrem viel vorweggenommen.

Was heißt das für Sie und ihre Asset Allocation?

Lange: Wir denken sehr langfristig. Wenn wir ein strategische Asset Allocation aufbauen, unterstellen wir bei Aktien beispielsweise acht Prozent Rendite pro Jahr. Jetzt müsste man Abstriche machen, vielleicht auf sechs Prozent, da in den letzen Jahren schon viel vorweggenommen wurde. Vorausgesetzt die Inflation läuft nicht aus dem Ruder.

Werden sich Immobilien wieder stabilisieren?

Lange: Es finden noch nicht so viele Transaktionen statt, aber Verkäufer- und Käuferseite werden sich vermehrt wieder finden. Und die Immobilienkrise hatte auch etwas Gutes.

Können Sie das erläutern?

Lange: Immobilien insgesamt wurden ein bisschen abgewertet und teilweise auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Es gab eine Immobilienblase. Jetzt sehen wir noch immer den knappen Wohnraum, weniger Leerstand und höhere Mieten. Im Wohnbereich gab es temporäre Abwertungen, auf die temporäre Aufwertungen folgen werden. Bei Immobilien bewegen wir uns nun in einem ruhigen Fahrwasser.

Stichwörter Wohnraummangel und Büroleerstand. Beschäftigen Sie sich mit dem Thema Umwidmung, oder gehen Sie davon aus, dass das Home Office zurückgedreht wird?

Lange: Das Homeoffice lässt sich nicht mehr zurückdrehen, nicht in einer digitalen Welt. Wenn ich die besten Mitarbeitenden haben möchte, dann muss ich vertrauen und Flexibilität gewähren. Unsere Mitarbeitenden können zu 40 Prozent mobil arbeiten. Das Modell ist insgesamt etabliert und hat sich auch bei uns bewährt.

Gerade in der Finanzbranche wird das Homeoffice zurückgedreht. Ich denke an die Deutsche Bank oder auch JP Morgan…

Lange: Es hat etwas mit Vertrauen und Organisation zu tun und auch damit, wieviel die Manger verdienen und wie ausgeprägt der Fachkräftemangel ist. Mitarbeitende brauchen und wollen eine andere Form der Flexibilität, viele Arbeiten lassen sich genauso gut remote machen.

Und beschäftigen Sie sich mit dem Thema Umwidmung?

Lange: Wir haben unsere Immobilienquote von 25 Prozent erreicht. Abseits davon gibt es gute Konzepte, Wohnraum zu schaffen, auch wenn Umbau aufwendiger ist als Neubau. In Hamburg gibt es zum Beispiel das Projekt Gröninger Hof, bei dem ein Parkhaus in Wohnraum umgestaltet wird. Die Idee ist sehr gut, die Umsetzung ist schwierig, eigentlich bleibt nur die Bodenplatte übrig.

 

Widme ich um, habe ich zudem einen großen regulatorischen Aufwand, beispielsweise in Sachen Brandschutz. Zudem würden wohl nur wenige Investoren Büro in Wohnen umwidmen mit Blick auf die Abschreibungen. So wichtig es auf dem angespannten Wohnungsmarkt auch wäre. Nur Stranded Assets kommen für eine Umwidmung infrage.

Den Wohnmarkt entlastet das nicht…

Lange: Der Bau von Wohnraum muss einfach günstiger und schneller werden. Zudem muss es weitere Bebauungsflächen geben. Auch hier muss die Bürokratie, müssen die Verfahren verschlankt werden.

Wir sprachen bereits über den Standort Deutschland, der in den Medien derzeit sehr schlecht wegkommt. Das dritte Jahr Rezession in Folge, Stichwort Deindustrialisierung. Im vergangenen Sommer sagten Sie, dass Sie aktuell keine Wirtschaftskrise sehen. Hat das weiterhin Bestand?

Lange: Wir haben in Deutschland ein wirtschaftliches Problem. Eine Erhöhung der beispielsweise Militärausgaben geht nur über Wachstum oder eine Lockerung der Schuldenbremse. In den vergangenen zwei bis drei Jahren lag das Weltwirtschaftswachstum bei über drei Prozent. Für 2025 liegt die Prognose bei 3,3 Prozent. In Deutschland haben wir aktuell 0 Prozent. Jetzt ist die Frage: Haben wir eine wirtschaftliche Krise? Wir haben Handlungsbedarf, definitiv. Aber global gesehen müssen wir eher aufpassen, dass wir keine Überhitzung bekommen. Deshalb tut die Fed sich mit Zinssenkungen schwer. Das Wachstum ist gut, gehen die Zinsen zu sehr runter, steigt die Inflation. In der EU müssen die Zinsen runter, um die Wirtschaft anzukurbeln. Man könnte es wie folgt ausdrücken…

Ich bin ganz Ohr …

Beschreiben Sie mit einem Wort die Wirtschaftslage: „gut“ Und mit zwei Worten: „nicht gut“. Treffender ist die Situation zwischen der globalen und er deutschen Wirtschaft nicht zusammenzufassen.

Bei unserem letzten Gespräch 2022 meinten Sie mit Blick auf die Zinsen, man hätte mit der EZB einen Spielpartner verloren. Seitdem ist viel geschehen, wie schätzen Sie die Lage heute ein?

Lange: In Europa und in Deutschland haben wir die Inflation weitestgehend im Griff, weil wir die Energiekosten im Griff haben, auch Dank alternativer Energiequellen. Zudem gibt es kaum Wachstum. Anders wird dies durch den Blick in die USA. Dort haben wir eine andere Inflationserwartung, ein anderes Zinsniveau der US-Treasuries. Die Rendite ist höher, weil es Wachstum gibt – auch durch Schulden finanziert. Momentan scheint es so zu sein, dass die Notenbanken sich auf dem richtigen Weg befinden.

Über den Interviewten

Achim Lange trägt seit Februar 2021 die Verantwortung für Kapitalanlage der Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius. Vorher war Lange knapp 15 Jahre in verschiedenen verantwortungsvollen Positionen, zuletzt als Leiter Portfoliomanagment Private Banking bei der Hamburger Sparkasse (Haspa). Vor dieser Zeit war er knapp sechs Jahre bei Berenberg und kümmerte sich um das Asset Management von institutionellen Kunden.


Wie hat Ihnen der Artikel gefallen?
Danke für Ihre Bewertung
Leser bewerteten diesen Artikel durchschnittlich mit 0 Sternen