Interview mit Marcus Pratsch von der DZ Bank „Net Zero ohne Biodiversität funktioniert nicht“

Marcus Pratsch, Experte für Sustainable Finance bei der DZ Bank

Marcus Pratsch, Experte für Sustainable Finance bei der DZ Bank: „Die Finanzierungslücke für Biodiversität liegt bei 700 bis 850 Milliarden US-Dollar pro Jahr.“ Bildquelle: DZ Bank

private banking magazin: Herr Pratsch, Sie treiben das Thema Biodiversität im Kapitalmarkt voran. Was motiviert Sie persönlich dazu?

Marcus Pratsch: Wir müssen uns bewusst machen, dass Biodiversität mindestens genauso wichtig ist wie das Thema Klimawandel. Vielen Marktteilnehmern war bislang nicht bewusst, dass Net Zero ohne Biodiversität schlichtweg nicht funktioniert. Das ist pure Interdependenz. Der Verlust von Artenvielfalt verursacht einen riesigen volkswirtschaftlichen Schaden. Die Weltbank schätzt, dass allein der Zusammenbruch ausgewählter Ökosystem-Komponenten zu einem jährlichen Rückgang des globalen BIP um 2,7 Billionen US-Dollar bis 2030 führen könnte, was einem Anteil von 2,3 Prozent entspricht. Die Finanzierungslücke für Biodiversität liegt bei 700 bis 850 Milliarden US-Dollar pro Jahr.

Warum kommt dieser Aspekt erst jetzt im Kapitalmarkt an?

Pratsch: Das liegt daran, dass Biodiversität viel schwerer greifbar ist als CO2-Emissionen. Bei Green Bonds haben Emittenten am Anfang sehr stark auf Themen gesetzt, die einfach zu verstehen und zu messen waren. Dabei ist die Biodiversität bereits seit Anbeginn in den Green Bond Principles verankert, aber viele Emittenten hatten Schwierigkeiten, entsprechende Assets zu identifizieren. Das ändert sich jetzt. Wir sehen immer mehr Emittenten, die Biodiversität in ihre Green Bonds einbauen. 

Können Sie konkrete Beispiele nennen?

Pratsch: Das bekannteste deutsche Beispiel ist die NRW Bank mit der Renaturierung der Emscher. Dieses Projekt wurde tatsächlich zum größten Teil über Green Bonds finanziert – und das sehr erfolgreich. Der Fluss konnte mittlerweile renaturiert werden, die Artenvielfalt hat wieder zugenommen. Zudem haben wir unter anderem auch Island letztes Jahr bei ihrer ersten nachhaltigen Anleihe begleitet, wo Biodiversität ein wichtiger Baustein war.

Wie lösen Sie das Problem der Messbarkeit?

Pratsch: Das ist tatsächlich eine Herausforderung. Wir haben dafür unsere sogenannte KPI-Library entwickelt – eine Innovation, mit der wir materielle Leistungsindikatoren identifizieren und mit ambitionierten Zielen unterlegen können. Aber auch Emittenten tragen ihren Teil dazu bei. Ein exemplarisches Beispiel aus dem internationalen Raum: Uruguay hat neben ihrem CO2-Reduktionsziel auch ein biodiversitätsbezogenes Ziel eingebaut, nämlich Aufforstung. Das ist ein sehr messbares Ziel: So und so viele Hektar Waldfläche werden renaturiert oder zusätzlich geschaffen. Bei dem berühmten Rhino Bond der Weltbank war es noch klarer – dabei geht es darum, die sehr überschaubare Population schwarzer Nashörner in Südafrika zu erhöhen.

Welche Rolle spielen institutionelle Investoren bei dieser Transformation?

Pratsch: Es findet gerade ein Bewusstseinswandel statt. Früher hieß es: „Divest“ – alles „Schlechte“ wird aussortiert. Heute gibt es eine neue Philosophie: „Transform instead of divest“. Viele Investoren sind offener gegenüber Industrien mit schwer vermeidbaren Emissionen und schauen sich an, wie sich Unternehmen entwickeln. Meine Erwartung ist, dass Investoren in Zukunft noch stärker als Transformationsbegleiter auftreten.

 

Wie groß ist denn der Finanzierungsbedarf für diese Transformation?

Pratsch: Allein für Deutschland beziffert der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) den Mehrinvestitionsbedarf bis 2050 auf 2,3 Billionen Euro, die KfW rechnet sogar mit 5 Billionen Euro bis 2045. Global sieht es noch dramatischer aus – die SDG-Finanzierungslücke wird auf 2,5 bis 4 Billionen US-Dollar jährlich geschätzt. Diese Summen können die öffentlichen Haushalte unmöglich allein stemmen. Wir brauchen das Privatkapital, und das ist nur über den Finanzmarkt zu mobilisieren.

Wie können Investoren sicherstellen, dass ihre Sustainable-Finance-Strategie nicht nur grün aussieht, sondern wirklich Impact hat?

Pratsch: Das A und O ist Transparenz und kontinuierliche Berichterstattung. Ein Investor sollte klar kommunizieren: Das sind meine nachhaltigen Anlagen, das ist meine Anlagestrategie. Wichtig ist auch, den Impact des Portfolios aufzuzeigen. Und wenn man merkt, dass ein Investment doch nicht so nachhaltig ist wie gedacht, muss man ehrlich kommunizieren, warum man es wieder aus dem Portfolio nimmt.

Gibt es da Unterschiede zwischen verschiedenen Investoren?

Pratsch: Absolut! Nehmen Sie kirchliche Investoren als Beispiel. Einige investieren durchaus auch in Alkohol-Hersteller. Warum? Weil viele Brauereien seit Generationen von der Kirche betrieben werden – das ist ökonomische Nachhaltigkeit. Beide Ansätze sind valide, wenn man sie erklären kann. Es darf nicht nur eine Anlageform für Nachhaltigkeit geben, sonst gäbe es ja keinen Wettbewerb mehr zwischen Investmentgesellschaften.“ 

Stichwort Backlash: Spüren Sie aktuell weniger Interesse an nachhaltigen Investments?

Pratsch: Wir haben momentan ein dreifaches Spannungsfeld: ökonomische Unsicherheit, Geopolitik und Anti-ESG-Sentiment. Das führt dazu, dass viele Emittenten erstmal abwarten. Die Zahlen zeigen das deutlich: Im ersten Halbjahr 2025 ist das globale Neuemissionsvolumen nachhaltiger Anleihen von 531 auf 477 Milliarden US-Dollar zurückgegangen.

 

Aber das ist kein Drama – im Green-Bond-Markt gehen die Volumina vielleicht 5 oder 10 Prozent runter. Die Nachhaltigkeitsagenda ist schon zu international und zu weit fortgeschritten, als dass wir hier eine Kehrtwende machen würden.

Wie sehen Sie die nächsten Jahre?

Pratsch: Dieses Jahr wird wohl eine Seitwärtsbewegung oder sogar einen kleinen Rückgang bringen. Wir erwarten maximal 975 Milliarden US-Dollar Neuemissionsvolumen – das wäre eine Stagnation. Aber ab nächstem Jahr wird sich die Lage beruhigen. Ich kann mir vorstellen, dass wir dann wieder zweistelliges Wachstum sehen und 2027/2028 neue Rekordmarken erreichen.

Welche Rolle will die DZ Bank dabei spielen?

Pratsch: Wir wollen aktiver Sustainable-Finance- und Transformationsbegleiter bleiben und den Markt mit Innovationen vorantreiben. Wir entwickeln Tools zur Kapitalmarktfinanzierung für Emittenten und Investoren. Mit Hilfe von KI und Automatisierung wollen wir die Time-to-Market verkürzen – früher dauerte die Vorbereitung einer erstmaligen nachhaltigen Emission oftmals bis zu 9 bis 12 Monaten, das haben wir im Schnitt auf 6 Monate reduziert.

Was ist Ihr Ausblick für Biodiversität speziell?

Pratsch: Das Potenzial ist riesig. Wenn Sie sich eine Green-Bond-Emission anschauen, ist sie in der Regel viel stärker überzeichnet als eine traditionelle Emission, zum Teil um das Fünffache. Das zeigt die starke Nachfrage. Allein bei den Staatsanleihen: Weltweit können 170 Länder Staatsanleihen emittieren, aber nur rund 60 sind bislang am nachhaltigen Kapitalmarkt aktiv. Und bei den nachhaltigen Anleihen war letztes Jahr der Euro die meistgenutzte Währung – weit vor dem US-Dollar. Diese Lücke wird sich weiter zu Gunsten des Euros entwickeln. Das ist eine riesige Chance, die wir nutzen müssen.


Über den Interviewten:

Marcus Pratsch ist seit 2019 Global Head of Sustainable Bonds & Finance und Managing Director bei der DZ Bank. In dieser Funktion verantwortet er das weltweite nachhaltige Kapitalmarktgeschäft der Bank. Der studierte Betriebswirt war zuvor zehn Jahre lang Leiter Sustainable Investment Research bei der DZ Bank und  ist außerdem Mitglied des Advisory Council des OMFIF Sustainable Policy Institute.

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