Christoph Gerstberger und Rainer Sievers vom Versorgungswerk der Ärztekammer Hamburg im Interview „Wir sind Weltmeister im Outsourcing“

Christoph Gerstberger und Rainer Siebers (r.): „Seit zwei Jahren kann man fertig entwickelte Immobilien nicht zu vernünftigen Presie verkaufen.“

Christoph Gerstberger und Rainer Sievers (r.) vom Versorgungswerk der Ärztekammer Hamburg: „Seit zwei Jahren kann man fertig entwickelte Immobilien nicht zu vernünftigen Preisen verkaufen.“ Bildquelle: pbm

private banking magazin: Herr Sievers, Sie verwalten gut 9 Milliarden Euro. Wie entwickelte sich Ihre Kapitalanlage in den vergangenen Jahren mit Niedrigzins, Zinswende, Angriffskrieg, Corona und Co.? 

Rainer Sievers:  Wir haben eine sehr stetige Entwicklung unserer Kapitalanlage. Das hängt auch damit zusammen, dass wir cash flow rich sind. Das heißt, wir haben noch mehr Einnahmen auf der Beitragsseite, als wie wir Renten auszahlen. Wir haben also einen permanenten Anlagebedarf, der durch Zinseszinseffekt dazu führt, dass die Kapitalanlage exponentiell steigt. Das wird auch noch die nächsten voraussichtlich zehn Jahre so weitergehen.

Haben Sie bereits Rechnung darüber, was sie an Plus haben, weil es durch die Beiträge reinkommt und was Sie haben, einfach weil Sie in der Kapitalanlage gute Arbeit machen?

Sievers: Die Anzahl der Rentner nimmt stetig zu. Uns gibt es seit 1971. Eine Daumenregel besagt: Ein Versorgungswerk wächst so lange, bis es ein gesamtes Mitgliederbeitragsleben plus ein Rentenleben alt ist. So lange ist ein steigendes Volumen zu erwarten. Wir machen ALM-Simulationen weit in die Zukunft und können abschätzen, wie lange der steigende Beitragsüberschuss plus jährliche Renditen anhält. Irgendwann erreicht man einen Steady-State. Solange die Anzahl der Ärzte in Hamburg mit derselben Rate wie die Stadt selbst steigt – 2 Prozent pro Jahr – verlängert sich diese Zeit weiter. Wir haben rund 20.000 Berechtigte und gut 5.000 Rentner.

Da kommt der Standortvorteil der Stadt zum Tragen…

Sievers: Hamburg ist der Magnet im Norden – nicht nur bei Ärzten. Hamburg hat Strahlkraft. Da wir in den kommenden Jahren eher cashflow-reich sind, können wir in illiquide Assets investieren und Illiquiditätsprämien mitnehmen. Das können Lebensversicherer weniger, da dort die Gefahr besteht, dass Beitragszahler ihre Verträge kündigen oder beitragsfrei stellen. Wir sind eine Pflichtversicherung – wer in Hamburg als Arzt tätig ist, muss bei uns versichert sein. Als öffentlich-rechtliche Gesellschaft könnten wir sogar pfänden, wenn jemand nicht bezahlt. Das ermöglicht eine sehr deterministische Cashflow-Struktur über Jahre hinweg - ein Fundament, mit dem ein Versorgungswerk überzeugend auftreten kann.

Auf Ihrer Website heißt es, gute Vorsorge erfordert langfristiges Denken und die Fähigkeit, sich an die Bedürfnisse von morgen anzupassen. Wie füllen Sie dieses Versprechen mit Leben?

Christoph Gerstberger: Wir haben einen langfristigen Blick und auch auf der Passivseite denken wir darüber nach, was könnte in 30, 40, 50 Jahren sein. Deswegen senkten wir beispielsweise 2008 den Rechnungszins von 4 auf 3,5 Prozent. Wir sind vorsichtig mit unseren Prognosen, möchten auf keinen Fall in die Situation kommen, dass wir das, was wir jedes Jahr den Mitgliedern in Aussicht stellen, zurücknehmen müssen. Wir wollen nicht sagen müssen: Tut uns leid, die Rente ist jetzt doch niedriger.

Sie denken langfristig, wissen Sie noch, wann Sie das erste Mal in illiquide Vermögenswerte investiert haben?

Sievers: Wir sind seit über 20 Jahren in Private Equity investiert, fingen auch kurz danach mit Private Debt an. Das letzte große illiquide Investment war Infrastruktur. Da warteten wir erstmal ein bisschen, sind eher konservativ, nie die first mover in einer neuen Assetklasse. Beispielsweise haben wir keine Kryptowährung, das ist noch zu neu.

 

Wir wollen erst einmal sehen, dass eine Anlageklasse einen Exit ermöglicht. Beispiel Infrastruktur: Eine Brücke können Sie schnell kaufen, aber wie sieht es mit dem Verkauf aus? Da wollen wir von Erfahrungen anderer profitieren. Eine Anlageklasse muss gewachsen sein, Handel muss stattfinden, damit wir einsteigen.

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