Grenzmärkte “In Afrika erwarten wir ein Wachstum von 10 bis 15 Prozent pro Jahr“

Carlos von Hardenberg

Carlos von Hardenberg

Grenzmärkte (Frontier Markets) bieten im Wesentlichen zwei Vorteile: Zum einen sind sie derzeit attraktiver bewertet als die Schwellenländer und bieten dazu das höhere Wachstum. Zum anderen korrelieren sie aufgrund ihrer klaren Fokussierung auf die jeweiligen Heimatmärkte deutlich weniger mit den großen Leitindizes als Schwellenländeraktien.

Aufgrund oft fehlender Kreditfinanzierung beschränkt sich das Risiko in diesen Märkten größtenteils auf das Geschäftsmodell der Unternehmen beziehungsweise das politische Risiko. Aber gerade letzteres reduzierte sich in den vergangenen Jahren deutlich.

Anders als in den 70er Jahren ist die Bevölkerung aufgrund der heutigen technischen Entwicklungen wie Internet und soziale Netzwerke wesentlich besser informiert. Das führt in den Ländern zu einem größeren Druck der Öffentlichkeit auf die jeweiligen Regierungsvertreter und Parlamente. Das Resultat ist eine wesentlich höhere Transparenz und Rechtsstaatlichkeit.

Wir vergleichen den heutigen Stand mit dem der asiatischen Volkswirtschaften in den 60er Jahren, wo es zu einer sehr starken wirtschaftlichen Entwicklung während der folgenden Dekaden kam. Ein tolles Beispiel ist hier zum Beispiel Ghana – die „Schweiz Afrikas“.

Oft wird als drittes Risiko noch eine mangelnde Liquidität der Aktienmärkte genannt. Beim genaueren Hinschauen muss man das jedoch relativieren. Die derzeit gut 6.500 börsennotierten Unternehmen weisen einen aktuellen Marktwert von über eine Billion Dollar und ein tägliches Handelsvolumen von rund 2 Milliarden Dollar aus.

Verstärkt wird dieser Trend noch durch die vielen Börsengänge vor Ort sowie einem neu aufkommenden Käufermarkt durch die Gründung von lokalen Pensions- und Versorgungskassen, die ihre Gelder verstärkt an den heimischen Märkten investieren werden.

Bevor wir in ein Unternehmen der Grenzmärkte investieren, muss jemand vom 70 Köpfe umfassenden Emerging-Markets-Team mindestens einmal vor Ort gewesen sein und die Firma genau durchleuchtet haben. Danach steht mindestens einmal im Quartal ein Folgetermin an. Diese hohe Frequenz an Firmenbesuchen ist in diesen Regionen nötiger als in anderen Märkten. Grund hierfür sind die sich sehr schnell ändernden Geschäftsmodelle.

Im Laufe der Jahre und mit wachsender Erfahrung haben wir eine Art „Datenbank für Führungskräfte“ aufgebaut. Hier wird eventuelles Fehlverhalten entsprechend dokumentiert, damit zukünftige Investitionen vermieden werden. Durch dieses Vorgehen können wir Geschehnisse wie zum Beispiel den Bilanzfälschungsskandal um Enron zwar nicht völlig ausschließen, aber zumindest deutlich reduzieren.

Gerade auf dem afrikanischen Kontinent findet das Grenzmärkte-Team eine Reihe von interessanten und vielversprechenden Investmentideen. Im Durchschnitt gehen wir über die nächsten fünf Jahre von einem jährlichen Wachstum für die Region in Höhe von 10 bis Prozent pro Jahr aus. Wie auch schon innerhalb der Schwellenländer bieten hier vor allem die großen Rohstoffvorräte, die wachsende Urbanisierung und der damit einhergehende Konsumanstieg lukrative Möglichkeiten.

Nigeria:

  • Nicht nur der Ölreichtum spricht für das Land, sondern auch die landwirtschaftlichen Ressourcen. So möchte der Landwirtschaftsminister mit diversen Aufbauprogrammen das Land wieder zur alten landwirtschaftlichen Stärke zurückführen. Um dies zu gewährleisten, bittet das Ministerium auch die gebildeten Exil-Nigerianer um Rückkehr. Um hier von den vielen Neugründungen (Hühnerfarmen, Müslihersteller) zu profitieren, investieren wir in Banken, die wiederum von den steigenden Handelsaktivitäten profitieren. Unter Bewertungsgesichtspunkten weisen Banken derzeit eine Eigenkapital-Rendite von über 20 Prozent bei gleichzeitigem Geschäftswachstum von 16 bis 17 Prozent aus.
  • Darüber hinaus wird unserer Meinung nach als Folge der Dieselpreiserhöhungen das Raffineriegeschäft zunehmen, was uns dazu veranlasst hat, in eine Firma zu investieren, die ihr Pipeline- und Tankstellennetz weiter ausbauen wird.
  • Eine weitere interessante Aktie ist Nestlé Nigeria. Nigeria ist beispielsweise der größte Maggi-Markt der Welt. Trotz dieser Tatsache ist für Nestlé Nigeria aktuell das größte Wachstumshindernis die Tatsache, dass der Verpackungsmarkt der Nachfrage nicht folgen kann.
  • Neben diesen positiven Aspekten besteht die größte Herausforderung für das bevölkerungsreichste afrikanische Land derzeit in den hohen Pro-Kopf-Einkommensunterschieden zwischen Nord und Süd sowie die mit 18 Jahren sehr junge Durchschnittsbevölkerung für die es nun gilt, entsprechende Jobs zu schaffen.

Kenia:

  • Ein aufstrebender Wirtschaftsstandort. Das größte Investitionsthema hier ist nicht der Reichtum an Rohstoffen, sondern der stark wachsende Binnenkonsum.

Äthiopien:

  • Wird sich in den nächsten Jahren sehr gut entwickeln. Das Land leidet aktuell nur noch stark an seinem schlechten Ruf.

Simbabwe:

  • Sehr stark im Obst- und Gemüsebau.

Ein weiterer Anlageschwerpunkt unserer Investitionen bietet Zentralasien.

Kasachstan:

  • Hier konzentrieren wir uns vor allem auf Öl- und Gasfirmen, die in Verbindung zum Staat stehen – ohne diese Verbindung wäre das Risiko einer Investition zu hoch. Ein interessantes Beispiel ist KazMunaiGas. Hierbei handelt es sich um das kasachische Gazprom. Ein Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von 8 Milliarden Dollar, wovon die Hälfte aktuell in Cash liegt. Darüber hinaus zahlt das Unternehmen dieses Jahr auch eine großzügige Dividende an ihre Aktionäre aus. Die entsprechende Dividendenrendite beträgt 8 Prozent. Das Land beziehungsweise die Gesellschaft ist eine der wenigen, welche die Gas- und Ölproduktion während der nächsten Jahre weiter ausbauen wird. Da die Bevölkerung im Land selbst sehr klein ist, wird der gesamte Überschuss exportiert.
  • Neben Gas und Öl ist das Land auch reich an Kupfervorkommen. Auch hier werden Minen ständig weiter ausgebaut. Allerdings wird der größte Teil der gewonnenen Kupfermenge direkt vom großen Nachbarn China abgenommen. Mit dem Einkommen aus Steuern baut die Regierung Krankenhäuser und soziale Einrichtungen weiter aus. Dies führt im Land ebenfalls zu mehr Zufriedenheit und reduziert deutlich soziale Spannungen.

Vietnam:

  • Das Land wird aufgrund seiner geringen Lohnkosten immer stärker von chinesischen Firmen als Produktionsland genutzt. Die Lohnkosten liegen bei einem Drittel des chinesischen Durchschnittslohns. Interessante Investitionsmöglichkeiten bieten der Molkerei- und Fischsektor. Aber auch der Rohstoffmarkt boomt. So wird als Beispiel sehr viel Naturkautschuk aus Vietnam nach China für die dortige Autoindustrie geliefert. Das Exportvolumen hat sich binnen zehn Jahren von einer Milliarde Dollar auf 10 Milliarden Dollar verzehnfacht.
  • Weiter positive Aspekte für die Region sind eine geschäftsfreudige Bevölkerung und eine sehr gute Infrastruktur. Das große Vorbild für die Vietnamesen ist Thailand.
  • Für Investoren bietet der Markt aber auch ein paar außergewöhnliche Besonderheiten. Ab einem Beteiligungsvolumen von 5 Prozent müssen Investoren jede weitere geplante Transaktion zwei Tage vorab avisieren. Dadurch stehen theoretisch dem Thema Front-Running alle Türen offen. Front-Running bezeichnet das Ausnutzen des vertraulichen Wissens um die Handelsstrategie eines Mandanten zum eigenen Vorteil, etwa durch den Vertreter einer Bank. Wenn man sich das entsprechende Gesetz jedoch genauer ansieht, fällt auf, dass man zwar ankündigen, aber im Anschluss nicht ausführen muss. Daher stellen wir wöchentlich Kauf- und Verkaufsabsichten in unseren Positionen ein.