Interview mit Saskia Bruysten von Carbon Equity „Impact und Rendite schließen sich nicht aus, sie verstärken sich“

Saskia Bruysten: „Ich kann mein Leben damit verbringen, Unternehmen zu helfen, mehr Turnschuhe zu verkaufen, oder ich überlege, wie ich meine Fähigkeiten für etwas Sinnstiftendes einsetzen kann.“

Saskia Bruysten: „Ich kann mein Leben damit verbringen, Unternehmen zu helfen, mehr Turnschuhe zu verkaufen, oder ich überlege, wie ich meine Fähigkeiten für etwas Sinnstiftendes einsetzen kann.“ Bildquelle: Caroline Pitzke

private banking magazin: Frau Bruysten, Sie sind halb Deutsche, halb Kanadierin, haben in Deutschland und den USA gelebt, in München, New York und London studiert und gearbeitet. Können Sie uns etwas mitnehmen in Ihrem bisherigen Werdegang?

Saskia Bruysten: Sehr gerne. Ich habe BWL und VWL studiert und bin danach, wie so viele in meiner Generation in die Beratung gegangen, zu BCG. Zunächst in München, später in New York. Dort habe ich irgendwann gemerkt: Ich kann mein Leben damit verbringen, Unternehmen zu helfen, mehr Turnschuhe zu verkaufen, oder ich überlege, wie ich meine Fähigkeiten für etwas Sinnstiftendes einsetzen kann.

Daraufhin habe ich an der LSE in London einen Master in International Relations gemacht und dort habe ich Muhammad Yunus kennengelernt, den Vater der Mikrokredite. Ich habe mich in eine seiner Vorlesungen gedrängt, ihm meine Karte zugesteckt, und er lud mich nach Bangladesch ein. Das war eigentlich seine höfliche Art zu sagen, dass er keine Zeit hat. Aber ich habe es wörtlich genommen und bin tatsächlich hingeflogen, mit BASF und Adidas im Gepäck. Am Ende saßen wir zusammen in einem kleinen Dorf und haben das erste Joint Venture gegründet: Moskitonetze gegen Malaria und Denguefieber.

Daraus entstand Yunus Social Business...

Bruysten: Genau, ein Unternehmen das ich über 13 Jahre als CEO geführt habe, mit Büros in Indien, Ostafrika und Lateinamerika. Parallel habe ich Yunus auch politisch unterstützt, er ist ja bis heute Interims-Premierminister von Bangladesch. Eine Entwicklung, die wir damals nie für möglich gehalten hätten.

 

Im Laufe der Jahre habe ich zudem gesehen, wie hart der Klimawandel gerade die Ärmsten trifft. Und ich habe mich gefragt: Wenn man wirklich etwas bewegen will, muss man dort ansetzen, wo die Emissionen entstehen, in Europa, den USA, China. So kam ich zu Carbon Equity in den Niederlanden, wo wir Kapital in Climate-Tech-Lösungen lenken. Heute bin ich dort Co-Founderin und treibe die Internationalisierung, insbesondere in Deutschland, voran.

Gab es für Sie einen Moment, in dem Sie ganz bewusst gesagt haben: „Das alte Leben in der Beratung ist nicht mehr meine Welt“?

Bruysten: Ja, da gab es mehrere Aha-Erlebnisse. Eines war während der Finanzkrise 2001 in Argentinien. Da studierte  ich selbst in Buenos Aires. Von heute auf morgen kamen Menschen nicht mehr an ihr Geld. Die Wohlhabenden hatten ihr Vermögen längst in den USA und im Dollar, aber die Mittelschicht stand plötzlich vor dem Nichts.

Ein anderes Erlebnis war meine erste Reise nach Indien. Ich war vorher noch nie in einem wirklich armen Land und sah hautnah, wie anders das Leben dort ist. Und ein drittes Aha-Erlebnis war Yunus selbst und die Erkenntnis, dass man mit Business reale Probleme lösen kann, ohne die Ineffizienz vieler NGOs. Vor 15 Jahren war das neu, heute spricht man von Social Business oder Impact Investing.

Beim Thema Klima war es ähnlich: Gespräche mit Kleinbauern, deren Ernten durch Wetterextreme zerstört wurden. Irgendwann war klar, dass ich mich diesem Thema annehmen muss.

Erzählen Sie uns bitte, was Carbon Equity genau macht.

Bruysten: Carbon Equity ist im Kern ein Climate-Tech-Fund-of-Funds. Unser Ziel ist, Kapital in Lösungen zu lenken, die zur Dekarbonisierung beitragen – und gleichzeitig mehr Menschen Zugang zu diesen Investments zu verschaffen. Denn die meisten Climate-Tech-Unternehmen sind nicht börsennotiert. Sie werden fast ausschließlich über Venture Capital und Private Equity finanziert. Doch da kommen Privatanleger kaum hinein.

Wir bündeln Top-Fonds in einem diversifizierten Produkt, sodass Anleger schon mit kleineren Tickets Zugang zu 150 bis 200 Climate-Tech-Companies aus den USA und Europa erhalten, in frühen wie späteren Phasen. Im Prinzip sind wir ein „ETF für Private Markets“.

Ab welchen Summen können Anleger bei Ihnen investieren?

Bruysten: In unserem klassischen Fonds investieren unsere Kunden zwischen 200.000 und 20 Millionen Euro. Das Minimum liegt für professionelle Anlegerbei 50.000 Euro. Aber wir haben dieses Jahr erstmals einen Eltif 2.0 aufgelegt, über den man ab 20.000 Euro investieren kann.

Climate-Tech ist inzwischen stark im Gespräch. Wie reif ist der Markt?

Bruysten: Sehr viel reifer als noch vor vier Jahren. Heute gibt es nicht nur Venture Capital, sondern auch Growth- und Private-Equity-Fonds, die Climate-Tech finanzieren. In den USA ist das Feld ohnehin weiter, dort gibt es Fonds mit langem Track Record. In Europa hat sich der Markt professionalisiert und stark entwickelt.

Ein Beispiel aus Deutschland ist Philipp Schröder. Er hat mit 1,5 grad ein Unicorn gebaut. Kann man ihm gratulieren, dass er im Climate-Tech-Bereich so schnell gewachsen ist?

Bruysten: Absolut! 1,5 Grad ist sogar über einen unserer Fonds im Portfolio. Philipp Schröder hat in kürzester Zeit Beeindruckendes aufgebaut – ein Paradebeispiel für europäisches Climate-Tech. Solche Erfolge müssen wir feiern, auch weil es in Europa noch zu wenige Unicorns in diesem Bereich gibt.

Wie messen Sie Impact konkret?

Bruysten: Eine zentrale Kennziffer ist die vermiedene CO₂-Emission. Bei jeder Due Diligence schauen wir uns beides an: die erwartete finanzielle Performance und die Klimawirkung des Fonds. Und Storytelling transportiert ebenfalls unsere Erfolge und den echten Nutzwert. Über unsere Plattform können Anleger nicht nur sehen, in welchen Fonds sie investiert haben, sondern auch, welche konkreten Unternehmen dahinterstehen. Sie bekommen Updates – etwa, wenn ein Geothermie-Scale Scaleup einen Vertrag mit Google abschließt. So wird spürbar, was mit dem eigenen Kapital bewirkt wird. Das schafft Nähe und Motivation.

Und wie sehen die Renditeerwartungen aus?

Bruysten: Unser Flagship-Produkt, ein Climate-Tech-Fonds mit Venture Capital, Private Equity und Co-Investments, zielt auf 12 bis 15 Prozent Net IRR. Unser Infrastruktur-Fonds, der bestehende Technologien wie Ladeinfrastruktur oder Solarparks skaliert, liegt bei 10–12 Prozent – sehr solide für ein konservativeres Risiko. Der neue Co-Investment-Fonds ist risikoreicher, mit Zielrenditen um 25 Prozent Net IRR – das ist aber ein Produkt für größere Family Offices, nicht für die breite Masse.

Welche Rolle spielen Impact und Rendite in der Kommunikation mit Anlegern?

Bruysten: Früher sprach man beim Klima oft über Verzicht: nicht fliegen, kein Fleisch essen. Wir setzen bewusst auf ein positives Narrativ: Investieren, Impact erzielen und dabei marktgerechte Renditen verdienen. Das zieht auch Menschen an, die vielleicht nicht als Erste zur „Impact-Community“ gehören, aber die ökonomischen Argumente überzeugen.

 

Und wichtig ist mir noch ein Punkt: Impact Investing ist kein Nischenprodukt für sogenannte Treehugger. Wir investieren auch in Robotics- oder AI-Unternehmen, die zum Beispiel Windkraftanlagen effizienter machen. Es geht also nicht nur um idealistische Missionen – es geht um handfeste ökonomische Chancen. Impact und Returns schließen sich nicht aus, sondern verstärken sich gegenseitig.

Frau Bruysten, was empfehlen Sie Menschen, die sich stärker mit dem Thema Klima und Wirtschaft beschäftigen möchten?

Bruysten: Sehr gern unsere Plattform selbst. Dort gibt es einen Climate-Tech-Hub mit vielen Beispielen und eben auch den Storytelling-Aspekt, den wir gerade angesprochen haben. Zweitens: Das Buch von Bill Gates, das sehr klar und verständlich geschrieben ist. Drittens den Podcast Zero von Bloomberg. Und wer tiefer einsteigen will, findet bei Open Circuit von Latitude Media sehr gute, wenn auch etwas nerdige Analysen.

Über die Interviewte

Saskia Bruysten begann ihre Karriere 2003 als Senior Consultant bei der Boston Consulting Group. 2008 wechselte sie zum Grameen Creative Lab, wo sie als Co-CEO und Strategic Director tätig war. 2011 gründete sie gemeinsam mit Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus die Organisation Yunus Social Business, die sie bis 2023 als CEO führte. Das Unternehmen unterstützt Social Businesses weltweit mit philanthropischen Venture-Fonds und erreicht über 17 Millionen Menschen in Ostafrika, Lateinamerika und Indien. Seit 2024 ist Bruysten Board Member bei Yunus Social Business und Co-Founder bei Yunus Social Innovation. Parallel engagiert sie sich in zahlreichen Aufsichtsräten und Advisory Boards, darunter beim Private-Equity-Investor Cobepa, bei Impact Europe und dem European Council on Foreign Relations. Sie ist Gründungspartnerin von HERO Circle, einer Initiative zur Unterstützung von Klimaaktivisten, und Mitglied im YPO Amsterdam Chapter. 

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