Geringe Volatilität bei illiquiden Anlagen Warum Anleger Private Markets neu bewerten müssen

Patrick Maurenbrecher vom Kontora Family Office

Patrick Maurenbrecher, Investmentchef des Kontora Family Office Bildquelle: Kontora

Die Kapitalmärkte erleben derzeit eine Phase außergewöhnlicher Gleichzeitigkeit: geopolitische Spannungen mit potenziell globalen Auswirkungen, tiefgreifende technologische Umbrüche durch künstliche Intelligenz und eine zunehmende Volatilität selbst in vormals stabilen Marktsegmenten. Für viele Investoren entsteht daraus ein Spannungsfeld zwischen Handlungsdruck und Orientierungsverlust.

Doch möglicherweise liegt genau in dieser Gleichzeitigkeit der Schlüssel zum Verständnis der aktuellen Marktphase. Denn Unsicherheit ist kein temporäres Phänomen mehr, sie wird zunehmend zum strukturellen Merkmal der Kapitalmärkte.

 

In einem solchen Umfeld geraten traditionelle, liquide Anlageklassen naturgemäß stärker unter Druck. Sie reagieren schneller, unmittelbarer und häufig auch überproportional auf neue Informationen. Bewertungsniveaus passen sich in Echtzeit an Narrative an – nicht selten mit kurzfristigen Übertreibungen in beide Richtungen.

Illiquidität privater Märkte schützt vor Volatilität

Demgegenüber entfalten private Märkte eine andere Qualität. Ihre relative Illiquidität ist kein Nachteil, sondern eine strukturelle Eigenschaft, die Investoren mit langfristigem Anlagehorizont vor genau dieser Kurzfristigkeit schützen kann. Sie zwingt zu einer anderen Form der Kapitalallokation: langfristiger, selektiver und näher an realwirtschaftlicher Wertschöpfung.

Gerade für unternehmerisch denkende Familien und Stiftungen ergibt sich daraus ein natürlicher Anknüpfungspunkt. Wer Vermögen über Generationen hinweg strukturiert, benötigt keine permanente Liquidität, sondern belastbare Renditequellen, die unabhängig von kurzfristigen Marktbewegungen funktionieren. Private Markets bieten hierfür nicht nur Diversifikation, sondern Zugang zu Wertschöpfungsketten, die in öffentlichen Märkten oft nicht oder nur verzerrt abgebildet sind.

Weniger verfügbares Kapital führt zu Neubewertungen

Dabei lohnt ein differenzierter Blick auf die aktuellen Entwicklungen innerhalb des Segments. Die veränderte Zinslandschaft und die insgesamt restriktivere Kapitalverfügbarkeit haben zu einer spürbaren Neubewertung geführt, sowohl auf Ebene der Assetpreise als auch der Transaktionsdynamik. Während dies kurzfristig zu Zurückhaltung führt, eröffnet es langfristig attraktive Einstiegsfenster.

Insbesondere Sekundärtransaktionen gewinnen an Bedeutung, da sie Liquidität in einem insgesamt weniger liquiden Marktumfeld schaffen und gleichzeitig den Zugang zu bereits entwickelten Portfolios ermöglichen. Co-Investments bieten Investoren die Möglichkeit, selektiv und kostenbewusst an konkreten Transaktionen zu partizipieren.

Dekarbonisierung, Digitalisierung und Geopolitik

Und Infrastrukturinvestments profitieren strukturell von langfristigen Trends wie Dekarbonisierung, Digitalisierung und geopolitischer Neuordnung. Gleichzeitig ist zu berücksichtigen, dass alle drei Investmentformen neben den genannten Chancen jeweils auch spezifische Risiken mit sich bringen.

 

Diese Entwicklungen sind dabei keineswegs regional isoliert. Private Markets sind heute ein global vernetztes Ökosystem, in dem Zugang und Selektion über den Anlageerfolg entscheiden. Für europäische Investoren – insbesondere Unternehmerfamilien – entsteht daraus eine doppelte Herausforderung: Einerseits müssen sie sich in einem zunehmend komplexen internationalen Marktumfeld orientieren, andererseits gleichzeitig ihre eigenen unternehmerischen Stärken gezielt einbringen.

Der Zugang zu globalen Netzwerken, institutionellen Strukturen und hochwertigen Transaktionen wird damit zu einem entscheidenden Differenzierungsfaktor. Gleichzeitig bleibt die Fähigkeit, individuelle Mandantenperspektiven zu wahren und langfristige Interessen konsequent in den Mittelpunkt zu stellen, zentral.

Unabhängige Plattformen in Private Markets

Genau an dieser Schnittstelle verändert sich derzeit auch die Rolle unabhängiger Plattformen im Private-Markets-Segment. Größe und internationale Vernetzung ermöglichen besseren Zugang, höhere Transaktionsqualität und effizientere Strukturen. Gleichzeitig bleibt Unabhängigkeit essenziell, um Investitionsentscheidungen frei von Produktzwängen und im Sinne der Investoren treffen zu können.

Private Markets sind damit kein Nischensegment mehr. Sie entwickeln sich zunehmend zu einem integralen Bestandteil strategischer Vermögensarchitektur – gerade in einer Welt, in der Unsicherheit nicht verschwindet, sondern zur Konstante wird.

Für langfristig orientierte Investoren ergibt sich daraus eine klare Perspektive: Nicht die Vermeidung von Unsicherheit ist entscheidend, sondern der bewusste Umgang mit ihr. Illiquidität ist in diesem Kontext nicht nur ein Risiko, sondern kann – bewusst eingesetzt – auch eine Chance sein. Sie schafft Stabilität, wo Märkte kurzfristig schwanken, und generiert Wert, wo andere vor allem Volatilität sehen.

Oder anders formuliert: In einer Welt, die immer schneller reagiert, liegt der wahre Wettbewerbsvorteil oft darin, es nicht zu müssen.

Disclaimer: Dieser Kommentar dient ausschließlich Informationszwecken und stellt weder eine Anlageberatung noch eine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. 

Über den Autor

Patrick Maurenbrecher ist seit 2017 Co-Geschäftsführer und Anlagechef des Kontora Family Office, das rund 14 Milliarden Euro verwaltet und 2025 von Alti Tiedemann Global übernommen wurde.

Wie hat Ihnen der Artikel gefallen?
Danke für Ihre Bewertung
Leser bewerteten diesen Artikel durchschnittlich mit 0 Sternen