Alan Greenspan und die Finanzkrise „Ich konnte als Fed-Chef nicht machen, was ich wollte“

Nicht wenige Experten machen Alan Greenspan zu einem der Hauptverantwortlichen für die 2008 ausgebrochene Finanzkrise, weil die amerikanische Notenbank unter seiner Führung die Zinsen jahrelang zu niedrig hielt und die Finanzmärkte deregulierte.

Ob es ihn wurme, als der Mann in die Geschichtsbücher einzugehen, der die Finanzkrise nicht verhindert habe? „Natürlich gefällt mir das nicht. Und ich bin der Meinung, dass mir da unrecht getan wird“, sagt Greenspan in einem Interview mit der „Welt am Sonntag“. Zudem gebe es eine Reihe von Ökonomen, die auf seiner Seite stünden.

„Ich konnte als Fed-Chef nicht machen, was ich wollte“

Grundsätzlich, so Greenspan, werde seine Kompetenz in dieser Zeit überschätzt. Er hätte nur eine Stimme in einem zwölfköpfigen Ausschuss gehabt. Darum hatte er sich mit dem Vorhaben, Banken zu höheren Kapitalrückstellungen zu zwingen, auch nicht durchsetzen können. „Ich konnte als Fed-Chef nicht machen, was ich wollte.“

Ohnehin hätte damals keiner so genau gewusst, wie viel Eigenkapital Banken haben sollten, um für größere Krisen gewappnet zu sein. „Heute würde ich sagen, die Banken sollten eine Eigenkapitalquote von mindestens 20 Prozent halten müssen.“

„Wir konnten nichts tun“

Den Vorwurf, durch die zu lange Niedrigzinsphase die Immobilienkrise ausgelöst zu haben, will Greenspan ebenso wenig stehen lassen. Denn niedrige Hypothekenzinsen hätten nichts mit einem niedrigen Leitzins zu tun. Es seien die langfristigen Zinssätze, die den Immobilienmarkt beeinflussen, erklärt Greenspan.

Es sei der Boom in Schwellenländern wie China und Russland gewesen, der die Sparquote in diesen Ländern enorm hat ansteigen lassen und die langfristigen Zinsen gedrückt habe. „Als wir 2004 angefangen haben, den Leitzins anzuheben, sind die langfristigen Zinsen trotzdem weiter gesunken. Wir konnten nichts tun“, so Greenspan.

Keine Schuld an der aktuellen Krise? Greenspan geht sogar noch einen Schritt weiter: So habe er bei der Arbeit an seinem neuen Buch erkannt, dass eine gute Zentralbankpolitik sogar ein Auslöser für Krisen sein könne. „Es ist immer gefährlich, wenn eine Zentralbank über einen sehr langen Zeitraum erfolgreich ist.“  Dann nämlich glauben die Menschen irgendwann, dass es immer so weiter gehe und seien bereit, mehr und mehr Risiken aufzunehmen. So entstünden Blasen.

„Die Schuldenobergrenze gehört abgeschafft“

Auch zum Überleben des Euros und der Diskussion rund um die Schuldengrenze in den USA hat Greenspan eine klare Meinung: „Die Schuldenobergrenze gehört abgeschafft, eindeutig.“ Sie sei ein veraltetes Instrument aus dem ersten Weltkrieg. Nach Greenspan sollte es der Mehrheit des Kongresses überlassen bleiben, wie viel Schulden die USA machen.

Ein Überleben des Euro hält Greenspan für eher unwahrscheinlich. Um die Euro-Zone zusammenzuhalten bräuchte es eine vollständige politische Union. Die deutsch-deutsche Wiedervereinigung zeige jedoch, wie schwer eine Angleichung selbst einem gemeinsamen Staat falle. Doch auch 24 Jahre nach dem Mauerfall seien Ost- und Westdeutschland immer noch in einem wirtschaftlichen Ungleichgewicht. „Ich wäre begeistert, wenn es in Europa zu einer politischen Union kommen würde. Aber Sie haben recht, ich bin auch skeptisch“, so Greenspan.