IAB/ZEW-Gründungspanel Wieder mehr Gründungen – doch Industrie und Innovation verlieren weiter

IAB/ZEW-Gründungspanel
Wieder mehr Gründungen – doch Industrie und Innovation verlieren weiter
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Sandra Gottschalk, ZEW: „Besonders besorgniserregend ist der starke Rückgang bei Produktinnovationen.“

Sandra Gottschalk, ZEW: „Besonders besorgniserregend ist der starke Rückgang bei Produktinnovationen.“ Bildquelle: ZEW

Die Zahl der Neugründungen in Deutschland ist 2024 erstmals seit drei Jahren wieder gestiegen. 157.000 neue Unternehmen wurden gegründet – ein Plus von 3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Eine echte Trendwende ist das allerdings nicht. Denn wer genauer hinschaut, sieht ein gespaltenes Bild: Während Frisöre, Reinigungen und Gastronomen gründen, verlieren Industrie und forschungsintensive Branchen weiter an Boden. Das zeigt der aktuelle IAB/ZEW-Gründungspanel-Report vom April 2026.

„Die leichte Erholung bei den Gründungszahlen darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass strukturelle Probleme bestehen bleiben. Vor allem im Verarbeitenden Gewerbe und in innovativen Branchen sehen wir seit Jahren einen rückläufigen Trend, der sich 2024 nochmals verstärkt hat“, sagt Sandra Gottschalk, Wissenschaftlerin im ZEW-Forschungsbereich Innovationsökonomik und Unternehmensdynamik.

Grafik: Entwicklung der Gründungszahlen

Quelle: ZEW

„Besonders besorgniserregend ist der starke Rückgang bei Produktinnovationen. Junge Unternehmen bringen deutlich seltener neue Produkte auf den Markt – das schwächt langfristig die Wettbewerbsfähigkeit“, so Gottschalk weiter. 

Dienstleistungen treiben das Wachstum

Der Zuwachs bei den Gründungen geht fast ausschließlich auf den Dienstleistungssektor zurück. Beratungs- und konsumnahe Dienstleistungen sowie der Handel legten um 6 Prozent zu. Besonders stark war das Gastgewerbe: Hier stiegen die Gründungszahlen um 8 Prozent gegenüber 2023. Auch im Handel war ein Plus von 4 Prozent zu verzeichnen.

 

Das verarbeitende Gewerbe dagegen erlebt seit Jahren einen strukturellen Abschwung – und 2024 setzte sich dieser fort. Die Zahl der Gründungen sank um 11 Prozent. Als Ursachen nennt der Report die anhaltend hohen Energiekosten als Folge des Ukrainekrieges, den Druck durch US-Zölle sowie die starke Konkurrenz günstiger chinesischer Importe. Auch forschungsintensive Branchen – darunter Chemie, Pharmaindustrie, Medizintechnik, Maschinenbau und Softwareentwicklung – verzeichneten einen Rückgang von 6 Prozent.

Innovationskraft schwindet

Besonders alarmierend ist die Entwicklung bei Produktinnovationen. Nur noch 4 Prozent der jungen Unternehmen brachten 2024 eine Marktneuheit auf den Markt – eine Halbierung gegenüber dem Vorjahr. Seit 2020 geht dieser Anteil stark zurück. Selbst im forschungsintensiven verarbeitenden Gewerbe, das sich 2022 und 2023 zumindest ansatzweise erholt hatte, sank der Anteil innovativer Jungunternehmen mit Marktneuheiten auf einen Tiefstwert von 15 Prozent.

Grafik: Anteil der Unternehmen mit Innovationen

Quelle: ZEW

Ähnlich sieht es bei den Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten aus. Traditionell betreiben mehr als die Hälfte der jungen forschungsintensiven Industrieunternehmen eigene Forschungsprojekte. 2024 lag dieser Anteil nur noch bei 42 Prozent – ein massiver Rückgang. Über alle Branchen hinweg betrieben 12 Prozent aller bis zu vier Jahre alten Unternehmen Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten.

Mehr Beschäftigung – aber nicht in der Industrie

Trotz der schwachen Innovationsdynamik ist die Beschäftigung durch Neugründungen insgesamt gestiegen. Die jüngste Gründungskohorte beschäftigte 2024 rund 402.000 Mitarbeiter – gemessen in Vollzeitäquivalenten, ein Anstieg von 12 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im Schnitt starteten Neugründungen 2024 mit 2,7 Beschäftigten, nach 2,4 im Jahr 2023.

Der Dienstleistungssektor schuf dabei 353.000 neue Stellen – ein Plus von 14 Prozent. Auch das Baugewerbe legte um 4 Prozent auf rund 35.000 Beschäftigte zu. Das verarbeitende Gewerbe hingegen erreichte einen neuen Negativrekord: Neugründungen der Industrie beschäftigten 2024 nur noch knapp 14.000 Mitarbeiter – ein Minus von 12 Prozent. In den forschungsintensiven Branchen des verarbeitenden Gewerbes sank die Zahl der durch Neugründungen geschaffenen Stellen sogar um 38 Prozent auf nur noch 1.400 Vollzeitäquivalente.

Gleichzeitig sank der Anteil der Gründungen, die überhaupt Mitarbeiter beschäftigen, auf 32 Prozent – vier Prozentpunkte weniger als im Vorjahr und der niedrigste Wert seit Beginn der Erhebung im Jahr 2005.

Ausländische Fachkräfte gewinnen an Bedeutung

Ein knappes Drittel, 32 Prozent, der bis zu sieben Jahre alten Unternehmen beschäftigen Mitarbeiter ohne deutsche Staatsangehörigkeit. Jeweils rund ein Fünftel der Unternehmen hat Beschäftigte aus EU- oder Efta-Staaten und aus Nicht-EU- oder Nicht-Efta-Ländern. Überproportional häufig setzen das Baugewerbe (37 Prozent) sowie technologieintensive Dienstleister und Softwareentwickler (35 Prozent) auf ausländische Arbeitskräfte – genau jene Branchen, die besonders stark unter Fachkräftemangel leiden.

In forschungsintensiven Branchen stammen ausländische Mitarbeiter häufiger aus Nicht-EU-Staaten als im Durchschnitt. Rund 6 Prozent der Unternehmen haben zudem geflüchtete Menschen aus der Ukraine eingestellt. Den höchsten Anteil verzeichnen Beratungsunternehmen, konsumnahe Dienstleister und der Handel mit 6,6 Prozent. In forschungsintensiven Branchen liegt der Anteil deutlich niedriger: bei 2,6 Prozent im verarbeitenden Gewerbe und 3,2 Prozent bei technologieintensiven Dienstleistern.

Investitionen weiter rückläufig

Auch die Investitionsbereitschaft junger Unternehmen lässt nach. Im Schnitt investierten bis zu vier Jahre alte Unternehmen 2024 lediglich rund 34.000 Euro – ein Rückgang von 3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Gesamtinvestitionsvolumen junger Unternehmen sank auf knapp 19,7 Milliarden Euro, ebenfalls ein Minus von 3 Prozent.

Am stärksten betroffen ist erneut das verarbeitende Gewerbe, dessen Investitionsvolumen um 16 Prozent auf knapp 1,3 Milliarden Euro einbrach. Im forschungsintensiven verarbeitenden Gewerbe sanken die durchschnittlichen Investitionsausgaben um 19 Prozent auf rund 59.000 Euro – obwohl die Branche traditionell zu den investitionsstärksten zählt und im Jahresmittel des vergangenen Jahrzehnts bei 65.000 Euro lag.

Was das für Vermögensverwalter bedeutet

Die Zahlen des IAB/ZEW-Gründungspanels sollen strukturelle Verschiebungen im deutschen Unternehmensbestand zeigen, die mittel- und langfristig auch für die Kapitalanlage relevant sind. Eine Gründerszene, die zunehmend aus kleinen Dienstleistern ohne Forschungsambition besteht, liefert weniger Innovationsimpulse – und damit weniger Anknüpfungspunkte für Wagniskapital und Beteiligungsstrategien im deutschsprachigen Raum. Wer auf deutschen Mittelstand oder auf Start-ups mit technologischem Profil setzt, sollte die Verschiebungen in der Gründungslandschaft im Blick behalten. 

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