Berechtigter Boom oder Blase? Über die hohen Bewertungen von KI-Aktien wird kontrovers diskutiert. Im Mittelpunkt stehen die Aktien der sogenannten Hyperscaler. Wachsen die großen Tech-Konzerne noch in ihre Gewinne hinein, oder sind ihre Aktien längst überbewertet? Mit dieser Frage haben sich Thomas Neukirch und Shijiao You vom Multi Family Office HQ Trust in einer aktuellen Analyse beschäftigt.
Dafür haben der Leiter der Strategischen Vermögensplanung und die Kapitalmarktstrategin ausgewertet, wie lange es dauert, bis Alphabet, Amazon, Meta, Microsoft und Nvidia mit ihren Gewinnen so weit in ihre Bewertung hineinwachsen, dass diese – bezogen auf den Sektor – fair erscheinen. Als Basis diente der Median des Zwölf-Monats-KGVs der jeweiligen Branche.
Die Analyse reicht zurück bis Dezember 1985, wobei vier der fünf Werte erst deutlich später an die Börse gingen. Berücksichtigt wurden sowohl die tatsächlich erzielten Gewinne als auch die Konsensschätzungen für die kommenden zwölf Monate. Fehlen Datenpunkte, bedeutet das: Ein Hineinwachsen in die faire Bewertung hat nicht stattgefunden.
die Aktie nicht in die faire Bewertung hineingewachsen wäre. Berechnungen mit 12-Monats-Gewinn-Erwartungen sind durch gepunkteteLinien dargestellt. Sofern keine Datenpunkte vorliegen, bedeutet
dies, dass kein Hineinwachsen in die jeweilige faire Bewertung erfolgt ist. Quelle: HQ Trust. Zeitraum: Dez 1985 –Jun 2026. | Bildquelle: HQ Trust
Im Trend, so das Ergebnis, wachsen die meisten Unternehmen derzeit noch in ihre Bewertungen hinein – allerdings mit einer Einschränkung: So gelte das meist nur noch auf Basis der erwarteten Gewinne. „Auf Basis der bereits realisierten Gewinne ist das kaum mehr der Fall.“ Das bedeutet: Nur wenn man die künftig erwarteten Gewinne mit einbezieht – also darauf vertraut, dass die Analystenschätzungen eintreffen – erscheinen die Bewertungen noch gerechtfertigt.
Meta schneidet am besten ab, Nvidia ist überbewertet
Am besten schneidet demnach Meta ab: „Auf Basis der realisierten wie auch der geschätzten Gewinnentwicklung hat es bezogen auf Mai 2026 nur einen Monat gedauert, bis die Bewertung rückblickend gerechtfertigt gewesen war“, so Neukirch und You.
Dahinter folgt Microsoft mit einem Wert von 13 Monaten auf Grundlage der geschätzten Gewinnentwicklung per Mai sowie einem Monat per April. Ähnlich dynamisch zeige sich Alphabet mit zwei Monaten bezogen auf realisierte sowie erwartete Gewinne.
Bei Amazon fällt das Ergebnis dagegen durchwachsen aus: Der Online-Händler habe zuletzt im März eine faire Bewertung auf Basis der geschätzten Gewinnentwicklung erreicht: Damals lag der Wert bei 13 Monaten. „In der Zeit davor konnte für Amazon kein Hineinwachsen festgestellt werden oder die Werte lagen oft erheblich höher.“
Und Nvidia, eine Aktie, die wie keine andere für die KI-Rally steht? Neukirch und You: „Bei Nvidia sieht man, dass die Zeit, die dieses Unternehmen benötigen würde, um in seine Bewertung hineinzuwachsen, auf Grundlage der geschätzten Gewinnentwicklung seit einiger Zeit bei 13 Monaten liegt.“ Die bereits tatsächlich erzielten Gewinne würden dagegen aktuell nicht mehr ausreichen, um die Bewertung zu rechtfertigen.
Was Anleger aus der Analyse lernen können
Für Investoren bedeutet das, dass die Bewertungen der großen Tech-Aktien zwar weiterhin ambitioniert seien. „Die Analyse unterstreicht allerdings, dass die aktuelle Marktexpansion vornehmlich durch realwirtschaftliche Investitionen getrieben ist und nicht durch immer weiter ansteigende Multiples“, so das Fazit und Neukirch und You. Die Kurse steigen also, weil tatsächlich investiert wird und damit die Gewinnerwartungen wachsen.
Entscheidend sei, ob die Unternehmen ihre Prognosen auch einhalten: „Wer in Technologiewerte investiert ist, sollte genau verfolgen, ob die Gewinnschätzungen der Unternehmen tatsächlich eintreffen. Bleiben sie hinter den Erwartungen zurück, dürfte sich die Diskussion um eine KI-Blase schnell wieder zuspitzen.“