Honorar- oder Provisionsmodell? „Unabhängige Beratung wird sich durchsetzen“

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Wie viele zertifizierte Honoraranlageberater und Finanzanlageberater gibt es seit Gesetzeseinführung? Sind Sie mit der Entwicklung zufrieden?

Schmidt: Im Honoraranlageberater-Register der Bafin finden sich derzeit 17 eingetragene Unternehmen. Die Zahl der bei den Industrie- und Handelskammern registrierten Honorar-Finanzanlagenberater beläuft sich auf rund 100.

Vor allem bei den freien Beratern geht die Tendenz kontinuierlich, wenn auch langsam, nach oben. Man kann davon ausgehen, dass sich sehr viel mehr Berater mit der Honorarberatung beschäftigen und diese auch ausführen, sie aber nicht von heute auf morgen komplett von Provisionsberatung auf Honorarberatung umstellen können.

Denn es ändern sich nicht nur Abwicklungsprozesse, sondern auch Kunden müssen über die Honorarberatung aufgeklärt werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass sich unabhängige Beratung durchsetzen wird – bei Beratern und Anlegern. Es wird allerdings noch Zeit in Anspruch nehmen.

Sollte es eine Bezeichnungspflicht in Deutschland geben?

Schmidt: Hier liegt ein großes Problem: Die Bezeichnungen Honoraranlageberater oder Honorar-Finanzanlageberater sind zwar geschützt, der Begriff Honorarberater aber nicht. Für Verbraucher ist es überhaupt nicht klar, was sich hinter dem jeweiligen Begriff verbirgt. Wir brauchen eine klare Bezeichnungspflicht, die es dem Verbraucher ermöglicht, das jeweilige Vertriebsmodell unmittelbar zu erkennen.

Deshalb plädiere ich dafür, dass diejenigen, die Provisionen für den Verkauf von Produkten annehmen, als Vermittler bezeichnet werden und sich nur echte Honorarberater als Berater darstellen dürfen.

Hätte es Vorteile, das Provisionsmodell zu verbieten?

Schmidt: In Großbritannien sind die Erfahrungen mit einem Provisionsverbot bei Vorsorge- und Investmentprodukten, das seit 2013 gilt, sehr positiv. Nach einer von der britischen Finanzbehörde FCA Ende 2014 veröffentlichten Untersuchung haben sich die Qualitätsstandards in der Beratung seitdem deutlich verbessert. Es werden dort weniger komplexe Produkte verkauft und auch die Zahl der Produkte ist zurückgegangen – der Anreiz, immer neue und teure verschachtelte Produkte auf den Markt zu bringen, ist also ganz klar geringer geworden.

Mit Blick auf den möglichen Zugang zu Finanzberatung zeigt die Untersuchung, dass es zwar eine Konzentration unter den Bankberatern gegeben hat, die Zahl der freien Finanzberater jedoch stabil geblieben ist. Gleichzeitig sind die Erlöse auf Seiten der unabhängigen Finanzberater sogar gestiegen.

Eine Studie des Analysehauses Fundscape im Auftrag des Luxemburger Fondsverbands Alfi belegt, dass sich zunehmend unterschiedliche Marktsegmente in Großbritannien herausbilden. So haben sich vor allem Online-Plattformen stark entwickelt, über die Produkte gekauft werden können, jedoch in der Regel keine Beratung stattfindet.

Ist dadurch eine Lücke im Kundenbereich in Großbritannien entstanden?

Schmidt: Eine nachweisbare Lücke ist gemäß den vorliegenden Untersuchungen nicht entstanden, auch wenn das immer wieder gerne von den Provisionsbefürwortern ins Feld geführt wird. Das Angebot im Bereich Geldanlage wird sich weiter wandeln – hier liegt der Ball auch bei den Anbietern selbst.

In Großbritannien geht der Trend offenbar weg von den Banken und hin zu freien Beratern oder Online-Angeboten. Es sind aber auch auf Bankenseite unterschiedliche Modelle möglich. Denn Anleger wollen sich nicht unbedingt von vornherein auf nur einen Weg  festlegen.


Über den Interviewten:
Karl Matthäus Schmidt ist seit 2006 Vorstandschef der auf Honorarberatung spezialisierten Quirin Bank in Berlin. 1994 gründete er den Online-Broker Consors, an dem die Schmidtbank mit 65 Prozent beteiligt war. Nach deren Untergang 2005 wurde die Online-Tochter verkauft. Der 46-jährige Schmidt übernahm daraufhin die Rolle des Vorstandssprecher der Berliner CCB Bank, in der die ehemalige Consors Capital Bank und die Setis Bank aufgegangen waren. Im Mai 2006 verschmolzen die beiden Banken zur Quirin Bank.