Rothschild-Bankier im Interview „Wir investieren wie eine Familie, mit Haltung und langer Perspektive“

Henrik Herr

Henrik Herr: „Nur wer neugierig bleibt, kann in einer komplexen Welt relevant bleiben – auch im Private Banking.“  Bildquelle: Rothschild & Co

private banking magazin: Herr Herr, Sie sind im Osten Deutschlands aufgewachsen und haben den Systemwechsel selbst erlebt. Wie begann Ihr Weg in die Finanzbranche?

Henrik Herr: Ich bin in der DDR geboren – auf der falschen Seite der Mauer, wenn man so will. Als 1989 die Wende kam, war ich 17 Jahre alt. Ich wollte verstehen, wie dieses neue System funktioniert, und dachte: Am besten lernt man den Kapitalismus, wenn man direkt in ihn einsteigt. Mit 18 begann ich eine Lehre bei der Deutschen Bank. Das war für mich der Inbegriff von Wirtschaft und Finanzwelt – und diese Faszination hat mich bis heute nicht losgelassen.

Sie haben anschließend eine internationale Karriere gemacht – von der Deutschen Bank über die Credit Suisse bis zu Rothschild & Co. Wie haben Sie diese Stationen geprägt?

Herr: Ich war elf Jahre bei der Deutschen Bank, danach bei der Credit Suisse. 2007 bin ich nach Wien gegangen, durfte eine Bank gründen und dann begann die Finanzkrise. Das war eine enorme Herausforderung, aber auch eine einmalige Chance, Unternehmertum zu leben. Für mich ging es immer darum, Werte und Haltung mit Leistung zu verbinden. 2016 wechselte ich in die Schweiz und übernahm die Leitung der Credit Suisse Deutschland. Doch nach drei Jahrzehnten Konzernkarriere wollte ich etwas Eigenes gestalten – mit mehr Freiheit, mehr Substanz.

Wie kam dann der Kontakt zu Rothschild & Co zustande?

Herr: Ich war 2018 innerhalb der Grossbank nicht mehr glücklich. Ich wollte wirklich unternehmerisch entscheiden und arbeiten und im Zuge dieser Entscheidung habe mir verschiedene kleiner Unternehmen in der Schweiz angeschaut, die einen Unternehmensnachfolger suchten. Letztendlich konnte ich einen kleinen IT-Systemintegrator mit 25 Mitarbeitern erwerben.

Erst nach dieser Entscheidung wurde ich von Rothschild & Co angesprochen und lernte dort im Verlauf der Gespräche neben dem Management auch den Entscheidungsträger der Familie, Alexandre de Rothschild kennen. Es waren intensive Gespräche über Werte, Verantwortung und die Frage, was man wirklich bewirken kann. Mich hat beeindruckt, wie sehr dieses Haus seine Geschichte lebt, ohne in ihr zu verharren. Als das Angebot kam, das Deutschlandgeschäft zu übernehmen, wusste ich: Das ist mehr als ein Job – das ist eine Verpflichtung.

Rothschild & Co steht für Diskretion, Verlässlichkeit und eine beeindruckende Historie. Wie erleben Sie diese Kultur im Alltag?

Herr: Rothschild & Co ist das Gegenteil von Social Media – diskret, wertebasiert, langfristig. Die Familie Rothschild ist in Europa tief verwurzelt. Alexandre de Rothschild führt das Unternehmen in siebter Generation mit einer Haltung, die mich beeindruckt: Bescheidenheit, Integrität, Menschlichkeit. Diese Kultur prägt alles – vom Umgang miteinander bis zur Arbeit für unsere Kunden. Tradition ist hier kein Marketingbegriff, sondern DNA.

 

Wie ist das Haus heute in Deutschland aufgestellt?

Herr: Rothschild & Co steht auf drei Säulen: Global Advisory, also M&A und Corporate Finance; Five Arrows, das Private-Markets-Geschäft; und Wealth & Asset Management, für das ich in Deutschland und Österreich verantwortlich bin. Wir arbeiten bewusst mit einer Vermögensverwalterlizenz, nicht mit einer Banklizenz. Das gibt uns Freiheit und Flexibilität und wir können die besten Partner nutzen, statt alles selbst vorhalten zu müssen. Unsere Kunden sind Unternehmerfamilien und sehr vermögende Privatpersonen, meist ab zehn Millionen Euro investierbarem Vermögen.

Im „Private Investment Office“ begleiten wir Familien bei der Gesamtvermögensstrukturierung, insbesondere im Bereich Private Markets. Die Familie Rothschild investiert hier mit eigenem Kapital – das schafft Vertrauen. Man steht buchstäblich gemeinsam im Risiko. Das ist echtes Private Banking: Partnerschaft statt Produktvertrieb.

Sie sprechen oft über Freiheit. Was bedeutet sie für Sie persönlich?

Herr: Als jemand, der im Sozialismus aufgewachsen ist, weiß ich, was Freiheit wert ist. Finanzielle Unabhängigkeit ist nur ein Teil davon. Für mich bedeutet Freiheit, selbstbestimmt zu leben, zu denken und Verantwortung zu übernehmen. Sie schließt Neugier ein – die Bereitschaft, sich zu verändern und zu lernen.

Sie pflegen engen Austausch mit Wissenschaftlern und Innovatoren. Warum ist das für Sie so wichtig?

Herr: Weil es meinen Blick weitet. In Wien hatte ich engen Kontakt zu einem Institut für Molekularbiologie – das hat mich geprägt. Diese Menschen denken in Lösungen, nicht in Problemen. Ich gehe auch heute noch regelmäßig an die ETH Zürich, um mich inspirieren zu lassen. Lernen ist für mich die neue Währung. Nur wer neugierig bleibt, kann in einer komplexen Welt relevant bleiben – auch im Private Banking.

Eine persönliche Frage zum Schluss. Wie oft haben Sie mit Ihrem Nachnamen gehadert, wie oft finden Sie ihn etwas schräg, aber unique? Und vor die Frage gestellt: Den Weinkeller der Rothschilds zuhause und dafür Namenstausch zu „Meyer oder Müller“? Oder für immer Herr Herr und mal ein Glas Rothschild-Champagner?

Herr: Der bleibt für immer bei Herr Herr und ab und zu das wunderbare Gläschen Rothschild-Champagner.

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