Henley Private Wealth Migration Report 2026 Deutschland verliert im Wettbewerb um vermögende Privatpersonen

Die Cayman Inseln, Rom, Singapur und Zürich.

Die Kaymaninseln, Italien, hier das Colosseum in Rom, Singapur und die Schweiz, hier Zürich (u.l.), sind beliebt bei (U)HNWIS: „Deutschland und Frankreich sind nicht unattraktiv geworden. Sie sind weniger wettbewerbsfähig geworden – genau in den Dimensionen, die international mobiles Vermögen am stärksten gewichtet“, heißt es unter anderem in dem Henley-Report. Bildquelle: Imago Images / Westend61 / Bernd Leitner / Gennaro Leonardi / Deposit Photos

Jahrelang war die wichtigste Frage: Wohin ziehen wohlhabende Menschen? Wie viele verlassen ein Land, wie viele kommen neu hinzu? Der Henley Private Wealth Migration Report lieferte dazu Zahlen – konkrete Zu- und Abwanderungsschätzungen für Dutzende Länder, die selten ohne politischen Nachhall blieben. Mit der Ausgabe 2026 verabschiedet sich Henley & Partners von diesem Format. Nicht weil die Frage irrelevant geworden wäre, sondern weil eine andere drängender ist: Warum bewegen sich Vermögen überhaupt – und welche Standorte sind strukturell so aufgestellt, dass sie mobiles Kapital dauerhaft anziehen und halten? Für Deutschland fällt die Antwort ernüchternd aus.

Ein neues Modell, eine neue Sprache

Das Global Wealth Mobility Framework bewertet Jurisdiktionen anhand von zwölf gewichteten Dimensionen und 38 Einzelindikatoren. Zu den Kernkriterien zählen steuerliche Attraktivität, Rechtsstaatlichkeit, Lebensqualität, Investorenzugangswege, Familieninklusion, geopolitische Stabilität und Kapitalmobilität. Die Ergebnisse werden gegen Daten von Weltbank, IWF, OECD und dem Global Peace Index gespiegelt und mit Henleys eigenem Anfrage- und Antragsdatenbestand aus mehr als 100 Nationalitäten abgeglichen.

Jeder Standort erhält einen Wealth Mobility Competitiveness Score von 0 bis 100 Punkten. Dieser Score misst ausdrücklich nicht, wie viele Millionäre ein Land verlassen oder zuwandern – er misst die strukturellen Rahmenbedingungen, die solche Entscheidungen beeinflussen.

„Seit mehr als einem Jahrzehnt dreht sich die Debatte um Vermögensmobilität vor allem darum, wohin Millionäre ziehen“, sagt Philippe Amarante, Head of Government Advisory bei Henley & Partners. „Das bleibt wichtig. Aber Entscheidungsträger wollen zunehmend verstehen, warum Vermögen sich bewegt – und wie ihr Standort im Vergleich zu konkurrierenden Destinationen abschneidet.“

 

Der Methodenwechsel spiegelt eine veränderte Realität wider: Vermögende ziehen nicht mehr einfach um. Sie konstruieren sich portfolioartige Strukturen aus Aufenthaltstiteln, Staatsbürgerschaften, Unternehmenssitzen und Bankverbindungen quer durch mehrere Jurisdiktionen – sogenannte Sovereign Portfolios. Allein in den ersten fünf Monaten des Jahres 2026 gingen bei Henley & Partners Anfragen aus 86 Nationalitäten für 47 verschiedene Investment-Migration-Programme ein. Mehr als 28 Prozent der Antragsteller leben bereits außerhalb ihres Heimatlandes.

Die Spitzengruppe: Singapur führt, die Emirate dominieren

An der Spitze des Frameworks steht Singapur mit einem Score von 79,5 Punkten. Der Stadtstaat gilt als eines der führenden Wealth-Hubs weltweit – gestützt auf politische Stabilität, tiefe Kapitalmärkte und ein ausgereiftes Ökosystem für Vermögensverwaltung. Die anhaltende Diversifizierung von Vermögen aus Festlandchina und Hongkong stärkt die Zuflüsse zusätzlich. Bemerkenswert: Selbst die jüngste Verschärfung der Anforderungen für Family Offices scheint die Zuflüsse nicht umzukehren, sondern lediglich selektiver zu machen – ein Zeichen für die strukturelle Tiefe des Standorts.

Den höchsten Score im gesamten Framework erzielt allerdings ein Land außerhalb dieser Tabelle: die Vereinigten Arabischen Emirate mit 85,3 Punkten. Null Einkommensteuer, ein bewusst ausgebautes Golden-Visa-Framework, hohe persönliche Sicherheit und exzellente internationale Anbindung machen die Emirate zum strukturellen Anker für mobile Vermögen aus dem gesamten Mena-Raum (Naher Osten und Nordafrika), Südasien und zunehmend auch Europa. Der Report widmet dem Golf-Standort einen eigenen Analyserahmen – dazu später mehr.

Innerhalb Europas sticht Italien als Aufsteiger hervor. Mit einem Score von 72,3 Punkten profitiert das Land von einem Pauschalsteuerregime für Neuzuzügler, einem günstigen Erbschaftsteuerrahmen und dem Zugang zum EU-Binnenmarkt. Mailand entwickelt sich dabei zusehends zu einem internationalen Zentrum für Family Offices. Griechenland (70,5 Punkte) profitiert direkt von der Schließung konkurrierender Programme. Nachdem Spanien sein Golden-Visa-Programm geschlossen und Portugal seinen immobiliengebundenen Investitionsweg gestrichen hat, verlagerte sich die Nachfrage spürbar Richtung Athen. Der Report formuliert daraus eine allgemeine Marktbeobachtung: Wenn Regierungen etablierte Wege für mobiles Vermögen schließen, verschwindet die Nachfrage nicht – sie verlagert sich.

 

Die Schweiz (70,8 Punkte) profitiert im aktuellen geopolitischen Klima von ihrer Rolle als sicherer Hafen: politische Neutralität, institutionelle Stärke, erstklassiger Private-Banking-Sektor und ein Pauschalsteuerregime für qualifizierte ausländische Zuzügler stärken ihre Anziehungskraft. Hongkong (71,2 Punkte) zeigt nach den Abflüssen der Jahre 2020 bis 2022 klare Erholungszeichen – getragen vom neu aufgelegten Capital Investment Entrant Scheme (New CIES) und einer wachsenden Nachfrage aus Festlandchina.

Deutschland: Starke Substanz, schwächere Wettbewerbsposition

Deutschland erzielt im Global Wealth Mobility Framework einen Score von 69,7 Punkten und wird in der Kategorie „Competitive Jurisdiction Under Pressure" geführt – gemeinsam mit Norwegen (69,0), dem Vereinigten Königreich (68,3), Südkorea (66,2) und Frankreich (65,7).

Die Einordnung bedeutet nicht, dass Deutschland unattraktiv geworden ist. Das Framework attestiert dem Land starke Fundamentaldaten: tiefe institutionelle Qualität, Rechtsstaatlichkeit, Finanzinfrastruktur und ein ausgeprägtes internationales Vertragsnetzwerk. Doch in den Dimensionen, die für international mobile Vermögen besonders zählen – steuerliche Attraktivität, fiskalische Vorhersehbarkeit und residenzrechtliche Optionen – verliert der Standort gegenüber seinen europäischen Wettbewerbern an Boden.

„Deutschland und Frankreich sind nicht unattraktiv geworden. Sie sind weniger wettbewerbsfähig geworden – genau in den Dimensionen, die international mobiles Vermögen am stärksten gewichtet“, sagt Guenther Dobrauz-Saldapenna, Managing Partner und Head of Europe bei Henley & Partners. „Innerhalb Europas beobachten wir zunehmend, wie Kapital und Talente in Richtung Jurisdiktionen driften, die starke Institutionen mit attraktiven Steuerregimen, politischer Vorhersehbarkeit und klaren Residenzwegen verbinden. Italien und Griechenland haben sich für diese Verschiebung besonders gut positioniert."

Die Antragsdaten von Henley & Partners sprechen eine klare Sprache: Deutschland ist als Quellmarkt für internationale Residenz- und Staatsbürgerschaftsplanung innerhalb von zwei Jahren von Rang 24 (2024) auf Rang 19 (2025) und zuletzt auf Rang 13 (2026) vorgerückt. Im Vergleich zum vierten Quartal 2025 stiegen die Anfragen deutscher Staatsangehöriger im ersten Quartal 2026 um 16 Prozent.

Die inhaltlichen Treiber sind klar benannt: die Diskussion über eine Verschärfung der Wegzugssteuer, wiederkehrende Vermögenssteuervorschläge und eine allgemeine fiskalische Unsicherheit. Dabei ist das Muster der Zieldestinationen aufschlussreich: Deutsche Staatsangehörige interessieren sich laut Henley-Daten für ein breites Spektrum an Programmen – vom US-amerikanischen EB-5-Investorenprogramm über karibische Citizenship-by-Investment-Programme bis hin zu aufstrebenden Jurisdiktionen. Der Wunsch nach Diversifizierung, strategischem Zugang und langfristiger Flexibilität steht dabei im Vordergrund – nicht die Absicht zur Umsiedlung, sondern der Wunsch nach Optionalität.

Frankreich folgt demselben Muster: Die Republik ist bei Henley von der Gruppe der Top-40-Quellnationalitäten für Anträge im Jahr 2024 auf die Top-15 im Jahr 2026 aufgestiegen. Wiederkehrende Debatten um Vermögensbesteuerung, erwartete Wegzugssteuerreformen und politische Unsicherheit treiben die Nachfrage.

Am deutlichsten messbar sind die Effekte derzeit im Vereinigten Königreich. Die Abschaffung des Non-Dom-Steuerregimes, eine erweiterte Erbschaftsteuerpflicht, höhere Kapitalertragssteuern und eine allgemeine fiskalische und politische Unsicherheit haben die britische Wettbewerbsposition für international mobile Vermögende erheblich geschwächt. Anfragen von Personen mit britischer Adresse stiegen zwischen 2024 und 2025 um 15 Prozent.

 

In den ersten fünf Monaten des Jahres 2026 stammen bereits 53 Prozent aller Anträge mit britischer Adresse von ausländischen Staatsangehörigen – gegenüber 44 Prozent im Vorjahr. Gleichzeitig ist der Anteil britischer Staatsbürger unter den Antragstellern mit britischer Adresse von lediglich 8 Prozent im Jahr 2018 auf fast 50 Prozent gestiegen – Mobilitätsüberlegungen betreffen längst nicht mehr nur die internationale Gemeinschaft im Land.

„Vermögensmigration ist der Kanarienvogel in der Kohlemine der Wirtschaftspolitik", sagt Douglas McWilliams, Gründer des Centre for Economics and Business Research. „Wenn vermögende Menschen ein Land in Scharen verlassen, kann man davon ausgehen, dass die Wirtschaftspolitik des Landes nicht funktioniert."

Das amerikanische Paradox

Ein besonderer Fokus des Reports gilt den USA. Die Vereinigten Staaten erzielen im Framework lediglich 62,3 Punkte und rangieren damit deutlich unterhalb von Jurisdiktionen wie den Niederlanden oder der Schweiz. Gleichzeitig sind sie der weltgrößte Motor für Vermögensschaffung und Unternehmertum – und seit 2023 der größte Einzelquellmarkt für Residenz- und Staatsbürgerschaftsanträge bei Henley & Partners weltweit.

Die Anträge von US-Staatsangehörigen verdoppelten sich 2025 gegenüber dem Vorjahr und bleiben 2026 auf erhöhtem Niveau. Nur 7 Prozent dieser Anträge stammen von Amerikanern, die bereits im Ausland leben – die Nachfrage wird also überwiegend von US-Gebietsansässigen getrieben. Fast die Hälfte aller Anträge von US-Staatsangehörigen zielt auf europäische Programme, mehr als ein Viertel auf Programme in Lateinamerika und der Karibik.

Das Framework benennt den strukturellen Grund: Die USA besteuern ihre Bürger weltweit – unabhängig vom Wohnsitz. Das Framework identifiziert dies als eines von weltweit nur zwei Systemen mit Citizenship-based Taxation. In Kombination mit langen Bearbeitungszeiten für Einwanderungswege und eingeschränkter Familieninklusion drückt dies den Score trotz überragender Kapitalmarkttiefe und Innovationsstärke erheblich nach unten. Das zeigt eine grundsätzliche Dynamik: Vermögensschaffung und Vermögensmobilität sind nicht dasselbe – und können sich in ein und derselben Jurisdiktion in entgegengesetzte Richtungen entwickeln.

„Die vermögendsten Familien denken zunehmend wie Portfoliomanager", sagt Basil Mohr-Elzeki, Managing Partner und Head of Private Clients Americas bei Henley & Partners. „Sie bauen bewusst eine Architektur über Jurisdiktionen hinweg: Wohnsitz in einem Land, Staatsbürgerschaft in einem anderen, Unternehmens- und Bankstrukturen anderswo. Das Ziel: sicherstellen, dass keine einzelne Regierung das gesamte Leben und Kapital einer Familie in der Hand hält."

Strategische Jurisdiktionen: Was Residenz- und Staatsbürgerschaftsprogramme bieten

Neben der strukturellen Bewertung von Standorten benennt der Report ausgewählte Residenz- und Staatsbürgerschaftsprogramme, die für den Aufbau solcher Sovereign Portfolios relevant sind. Die Bandbreite der gelisteten Programme reicht von Lettlands vergleichsweise niedrigschwelligem EU-Residenzprogramm ab 60.000 Euro über Griechenlands Golden-Visa-Programm ab 250.000 Euro bis hin zu Neuseelands Active Investor Plus Visa, für das ein Mindestkapital von fünf Millionen Neuseeland-Dollar erforderlich ist.

Für vermögende Privatpersonen aus dem DACH-Raum sind innerhalb Europas besonders die Programme Italiens, Portugals und Griechenlands relevant – alle drei kombinieren EU-Zugehörigkeit mit steuerlicher Planungssicherheit. Italien bietet dabei den breitesten Anwendungsrahmen: Das Pauschalsteuerregime, ein günstiger Erbschaftsteuerrahmen und ein Investorenvisa-Weg ergeben zusammen eine ungewöhnlich hohe Anschlussfähigkeit für unterschiedliche Vermögensprofile und Generationenplanungen.

Hongkong adressiert mit seinem neu aufgelegten Capital Investment Entrant Scheme (New CIES) primär asiatische Vermögende und solche mit China-Bezug – Mindestinvestition: 30 Millionen Hongkong-Dollar. Die VAE finden sich in dieser Tabelle nicht – ihr Golden-Visa-Framework folgt einer eigenen Logik, die über klassische Investment-Migration-Programme hinausgeht.

Wichtig für die Einordnung: Die gelisteten Kapitalanforderungen sind Einstiegswerte. Anwaltskosten, staatliche Gebühren und laufende Verpflichtungen kommen regelmäßig hinzu. Die Autoren betonen zudem ausdrücklich, dass die Tabelle keine vollständige Liste verfügbarer Programme darstellt und unabhängige Beratung unabdingbar ist.

Golf-Region: Resilienz unter Druck

Die Golfregion nimmt im Report eine Sonderstellung ein. Trotz der anhaltenden Konflikte in der Region bleibt der Wealth Mobility Score der Emirate mit 85,3 Punkten der höchste Wert im gesamten Framework. Steuerfreiheit, ausgebaute Residenzpathways, physische Sicherheit und erstklassige internationale Vernetzung bilden die strukturellen Pfeiler.

 

Gleichzeitig registriert Henley & Partners eine bemerkenswerte Dynamik: Anfragen von Personen mit VAE-Wohnadresse stiegen zwischen dem vierten Quartal 2025 und dem ersten Quartal 2026 um 41 Prozent, Anträge für alternative Residenzen oder Staatsbürgerschaften um 29 Prozent. Der Report interpretiert dies ausdrücklich nicht als Abwanderungssignal. Die überwiegende Mehrheit dieser Anfragen stammt von expatriierten Unternehmern und Investoren, die die VAE als Basis nutzen und zusätzliche Optionen aufbauen. Fast alle Anträge aus VAE-Adressen werden von Nicht-Staatsangehörigen gestellt – 2026 allein aus rund 30 verschiedenen Nationalitäten. Die Emirate sind damit weniger traditioneller Quellmarkt als globaler Sammelpunkt für mobiles Vermögen.

„Was wir sehen, ist ein gesteigertes Engagement rund um Resilienz- und Notfallplanung, keine Abwanderung“, sagt Dominic Volek, Group Head of Private Clients bei Henley & Partners. „Die VAE-Geschichte 2026 ist eine Geschichte von Diversifizierung und Optionalität.“

Ein Wettbewerb, der sich verschärft

Der Henley Private Wealth Migration Report 2026 ist mehr als ein Standort-Scoring. Er dokumentiert eine strukturelle Verschiebung im globalen Standortwettbewerb: Vermögen wird mobiler, Jurisdiktionen werden gezielter – und staatliche Steuerpolitik wird zum handfesten Wettbewerbsfaktor. Länder, die ihre steuerlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen nicht aktiv weiterentwickeln, verlieren nicht zwangsläufig sofort Vermögende. Aber sie verlieren Relevanz im Sovereign Portfolio global mobiler Familien.

 

Für Deutschland ist das eine Herausforderung mit konkretem Zeithorizont. Deutschland verfügt noch immer über eine starke institutionelle Basis – doch während die Schweiz im Framework als wettbewerbsfähige Jurisdiktion mit Safe-Haven-Qualitäten positioniert ist, zeigt der Aufwärtstrend bei deutschen Henley-Anfragen, dass fiskalische Unsicherheit allein genügt, um Vermögende zur Planung von Alternativen zu bewegen.

„Jurisdiktionen konkurrieren nicht nur um Kapital, sondern um die Unternehmer, Investoren und qualifizierten Personen, die wirtschaftliches Wachstum, Innovation und Beschäftigung antreiben“, sagt Juerg Steffen, CEO von Henley & Partners. „Die Annahme, dass die vermögendsten Einwohner eines Landes ein weitgehend festes Asset sind, wird zunehmend überholt.“

Konkrete Abwanderung ist das eine. Der mentale Abschied vom Standort als einzigem Lebensmittelpunkt ist das andere – und der hat ,laut Report, längst begonnen.

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