Der Krieg zwischen den USA und Israel auf der einen sowie dem Iran auf der anderen Seite veränderte die globale Risikolandschaft in kurzer Zeit grundlegend. Der Internationale Währungsfonds warnt, die Eskalation könnte die Weltwirtschaft an den Rand einer Rezession treiben – selbst im besten Szenario drohen dauerhafte Schäden. In diesem Umfeld veröffentlichte Henley & Partners gemeinsam mit dem auf geospatiale Risikoanalyse spezialisierten Datenanbieter Alphageo eine Sonderausgabe ihres „Global Investment Risk and Resilience Index".
Die Analyse kombiniert strukturelle Resilienzindikatoren mit Echtzeit-Marktsignalen und beobachtetem Investorenverhalten. Als Datenbasis dienen Country Risk Premium-Daten vom 1. April 2026 sowie aktuelle Anfragedaten von Henley & Partners aus demselben Zeitraum.
Traditionelle Safe Havens halten – darunter brodelt es
An der Spitze des Rankings bleiben die bekannten Namen: Die Schweiz führt auf Platz 1, gefolgt von Dänemark, Schweden (um zwei Plätze verbessert), Singapur und Norwegen (zwei Plätze weiter hinten). Luxemburg, Finnland und Deutschland – das sich um einen Rang auf Platz 8 verbessert – komplettieren gemeinsam mit den Niederlanden und Island die Top 10. Österreich belegt Rang 12. Die nordischen Länder bilden dabei ein stabiles Cluster, das auf jahrzehntelanger institutioneller Verlässlichkeit basiert – nicht auf plötzlichen Verbesserungen.
Unterhalb dieser Spitzengruppe verläuft die Entwicklung jedoch ungleicher. „Was wir beobachten, ist keine einheitliche Risikoerhöhung, sondern eine schnelle und asymmetrische Neuordnung der relativen Resilienz", sagt Parag Khanna, Gründer und CEO von Alphageo. „Resilienz ist eine langfristige Eigenschaft – sie dreht sich nicht schlagartig um. Risiko hingegen schon. Die Märkte bepreisen es stündlich neu.“
Emerging Markets im Aufwind – manche Industrieländer unter Druck
Mehrere Schwellenländer verbesserten sich markant im Ranking: Indien legte 40 Plätze auf Rang 64 zu, die Philippinen ebenfalls um 40 auf Rang 74. Die Türkei kletterte um 32 Ränge auf Platz 88, Mexiko um 30 auf Platz 66, Marokko um 28 auf Platz 70. Als Erklärung nennt die Studie glaubwürdige politische Rahmenbedingungen, strategische Handelspositionierung und eine relative Abschirmung vom aktuellen Schock.
„Die alte Erzählung ‚entwickelt gleich sicher, aufstrebend gleich risikoreich' bricht zusammen“, kommentiert Tim Klatte, Partner bei Grant Thornton China. „Investoren denken nicht mehr in regionalen Blöcken – sie beurteilen Resilienz von Land zu Land.“
Demgegenüber verloren Länder mit Konflikten, Sanktionen oder struktureller Schwäche teils massiv: Belarus fiel um 57 Plätze auf Rang 117, Bosnien-Herzegowina um 32 auf Rang 89, Bolivien und die Ukraine verloren jeweils 28 Plätze. Unter den großen Volkswirtschaften sticht China heraus: Das Land rückte um sechs Ränge auf Platz 31 vor – der größte Sprung unter den großen Ökonomien. Kanada hingegen fiel um vier Plätze auf Rang 15, was laut Studie auf fiskalpolitische und innenpolitische Unsicherheiten hindeutet. Deutschland (Platz 8), Japan (Platz 26) und Italien (Platz 35) verbesserten sich marginal, die USA (Platz 24) und Großbritannien (Platz 19) blieben unverändert.
Iran-Krieg als Beschleuniger
Der Nahost-Konflikt wirkt als Katalysator für Verschiebungen, die sich strukturell bereits abzeichneten. „Die Straße von Hormuz bleibt ein umkämpfter Chokepoint, und die geopolitische Risikoprämie – nicht nur im Energiebereich, sondern in allen strategischen Sektoren – dürfte auch bei einer verhandelten Lösung nicht verschwinden“, erklärt Robert Mogielnicki, Politökonom mit Nahost-Spezialisierung.
Die Anfragedaten von Henley & Partners spiegeln diesen Trend wider. Im Golf-Raum stiegen die Anfragen von in den Emiraten ansässigen Klienten um 41 Prozent, die Anträge um 26 Prozent – überwiegend aus Expat-Communities. Gleichzeitig gingen Anfragen nach Golden Visas der VAE leicht zurück (minus 14 Prozent). Bei einigen europäischen Programmen stieg die Nachfrage stark.
Griechenland plus 61 Prozent, Italien plus 43 Prozent, Malta plus 38 Prozent, Nauru sogar plus 200 Prozent im Vergleich zum Vorquartal. Portugal verlor hingegen 37 Prozent. Außerhalb Europas verzeichneten Neuseeland (plus 165 Prozent), Costa Rica (plus 44 Prozent) und die Türkei (plus 35 Prozent) deutliche Zuwächse.
Europa: Kohäsion als Stärke, Fragmentierung als Risiko
Europa hält seine Position in den oberen Rängen, steht aber unter wachsendem Druck. „Europa wird kurzfristig wirtschaftlich zu kämpfen haben. Die Zeichen, dass es sich als politische Einheit zu formieren beginnt – vor allem als Reaktion auf externe Schocks –, lassen es jedoch wahrscheinlich erscheinen, dass es die Spitzenränge weiter dominiert“, sagt Misha Glenny, Journalist und geopolitischer Kommentator. Dahinter jedoch lauere strukturelle Fragilität: schwaches Wachstum, Energieabhängigkeit und politische Verwerfungen in Teilen des Kontinents.
Jean-Paul Fabri, Chefökonom bei Henley & Partners, ergänzt: „Schocks bleiben heute nicht eingedämmt – sie übertragen sich über Energiemärkte, Finanzsysteme und Investorenstimmung. Europa liegt im Zentrum vieler dieser Übertragungskanäle, was sowohl seine Resilienz als auch seine Verwundbarkeit verstärkt.“
Der „Sovereign-Portfolio"-Ansatz gewinnt an Bedeutung
Für den Bereich Private Banking und Wealth Management ist vor allem eine Schlussfolgerung der Studie relevant: Vermögende Familien suchen nicht mehr nach einer sicheren Jurisdiktion, sondern nach einer Kombination aus mehreren. „Ein einziger Pass reicht nicht mehr“, fasst Dominic Volek, Group Head of Private Clients bei Henley & Partners, zusammen. „Investoren konstruieren zunehmend multi-jurisdiktionale ‚Sovereign Portfolios' – um Flexibilität, Sicherheit und Kontrolle in einer unberechenbaren Welt zu schaffen.“
David Young, Präsident des Committee for Economic Development am US-amerikanischen Think Tank The Conference Board, formuliert es grundsätzlicher: „Unsicherheit ist nicht mehr episodisch – sie ist dauerhaft. Entscheidungsfindung muss sich entsprechend weiterentwickeln.“
Christian Kaelin, Chairman von Henley & Partners, zieht das Fazit: „Kein einziges Land kann dauerhaft Sicherheit bieten oder alle gesuchten Attribute vereinen – Stabilität, Zugang, Chancen, Sicherheit. In Kombination jedoch entsteht etwas Mächtigeres: Optionalität.“
Methodik
Der Global Investment Risk and Resilience Index (GIRRI) kombiniert zwei Kerndimensionen: strukturelle Resilienz – also die langfristigen wirtschaftlichen, institutionellen und ökologischen Stärken eines Landes – sowie das souveräne Risiko, das die Anfälligkeit gegenüber politischen, finanziellen und externen Schocks abbildet. Die Sonderausgabe vom Mai 2026 ist kein neu berechneter Index, sondern ein gezielter Stresstest des bestehenden Rahmens.
Die strukturelle Resilienzkomponente wurde dabei konstant gehalten; aktualisiert wurde ausschließlich die Risikokomponente – auf Basis von Country Risk Premium-Daten (CRP) vom 1. April 2026, erhoben von Aswath Damodaran an der NYU Stern School of Business. Diese marktbasierten Daten spiegeln wider, wie Investoren souveränes Risiko in Echtzeit einpreisen. Die Rangbewegungen im Index zeigen damit relative Verschiebungen zwischen Ländern – keine absoluten Veränderungen von Risiko oder Resilienz.
Disclaimer
Der Global Investment Risk and Resilience Index wird von Henley & Partners in Zusammenarbeit mit Alphageo erstellt. Henley & Partners ist ein kommerzieller Anbieter von Residenz- und Staatsbürgerschaftsprogrammen und verfolgt mit der Publikation eigene Geschäftsinteressen. Die Studie stützt sich auf Country Risk Premium-Daten von Aswath Damodaran (NYU Stern School of Business, Stand: 1. April 2026) sowie auf interne Anfragedaten von Henley & Partners. Die Ergebnisse spiegeln relative Länderpositionierungen wider und sind keine Anlageempfehlung. PBM hat die Studie redaktionell aufbereitet, übernimmt jedoch keine Gewähr für die Vollständigkeit oder Richtigkeit der zugrunde liegenden Daten.
Den gesamten Index können Sie hier lesen.