Harald Preißler über die Börsenstimmung „Kein Grund für Depressionen“

Hält die Stimmung an den meisten Finanzmärkten für deutlich schlechter als die Lage: Harald Preißler, Chefvolkswirt bei Bantleon

Hält die Stimmung an den meisten Finanzmärkten für deutlich schlechter als die Lage: Harald Preißler, Chefvolkswirt bei Bantleon

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Die Stimmung an den Finanzmärkten ist derzeit hochgradig depressiv. Dafür gibt es mehrere Gründe: die missglückte Kommunikation der EZB vor der Sitzung vom 3. Dezember 2015, die Turbulenzen an den chinesischen Finanzmärkten und der starke Ölpreisverfall.

Aber sind das wirklich gute Gründe, um in eine bedrückte Stimmung zu verfallen? Eindeutig nein. Unser Makroausblick ist weder pessimistisch noch depressiv. Für das erste Halbjahr bleiben wir sogar zuversichtlich, dass der globale Konjunkturzyklus nach seinem jüngsten Hänger wieder nach oben drehen und damit eine bessere Grundstimmung der Anleger schaffen kann.

Maßgeblich dafür ist unsere Erwartung einer anziehenden US-Konjunktur sowie einer Stabilisierung in China und die im März anstehende Aufstockung der monatlichen Quantitative-Easing-Dosis durch die Europäische Zentralbank.

Die eigentliche Herausforderung für das Kapitalmarktjahr 2016 lauert im Sommer oder im Herbst, wenn die Auftriebskräfte erneut zu schwinden beginnen, wie unsere weit in die Zukunft blickenden Konjunkturbarometer schon jetzt anzeigen. Dann dürfte die nächste Verunsicherungswelle über die Finanzmärkte hereinbrechen und die Europäische Zentralbank sich neuen Forderungen ausgesetzt sehen, die geldpolitische Dosis ein weiteres Mal zu erhöhen.

Bis dahin können Anleger jedoch erstmal vorsichtig gelassen bleiben, weil die Konjunktur zumindest in den wichtigen Anlageregionen Eurozone, USA, China sowie in der Schweiz noch keinen Grund zur Sorge gibt. So gehen wir davon aus, dass die Aktienmärkte im ersten Quartal eine technische Bodenbildung vollziehen, die im zweiten Quartal in eine fundamental gestützte Aufwärtsbewegung übergeht. In den Sommermonaten könnten die meisten Indizes sogar neue Jahreshöchststände erreichen.

Regional sehen wir nach wie vor in Europa das beste Chance-Risiko-Verhältnis. Die solide Binnenkonjunktur und die Aussicht auf einen Zwischenspurt der Exportwirtschaft sprechen für eine anhaltend gute Gewinndynamik der Unternehmen.

Der Dax könnte am Ende des ersten Halbjahrs 2016 neue historische Höchststände erreichen, der Euro Stoxx 50 sowie der Swiss Market Index dürften zumindest zyklische Hochs anpeilen. Die US-Indizes sollten sich 2016 wieder besser entwickeln und zumindest auf dem Niveau der anderen wichtigen Aktienmärkte abschneiden.

Demgegenüber halten wir uns bei den Schwellenländerbörsen nach wie vor zurück. Die überwiegend schwachen konjunkturellen Frühindikatoren sowie die starken Kapitalabflüsse aus den Emerging Markets sind Warnsignale, die gegen eine schnelle Wende zum Besseren sprechen.

Im zweiten Halbjahr ist wegen der konjunkturellen Abkühlung jedoch mit erneuten Rücksetzern in einer Größenordnung von 20 bis 30 Prozent zu rechnen – je nachdem wie schnell die Europäische Zentralbank einschreitet und die Märkte mit noch mehr Liquidität vor einem nachhaltigen Kollaps abschirmt.

Auf der Verliererseite dürften im zweiten Halbjahr die besonders zyklischen Aktienmärkte Europas stehen, während die US-Börsen, ebenso wie der Swiss Market Index, zumindest in relativer Hinsicht zu den Outperformern zählen sollten.