private banking magazin: Welche Entwicklungen treiben die institutionelle Altersvorsorge gerade am stärksten an?
Michael Saß: Auf der regulatorischen Seite steht die Rentenreformkommission ganz oben. Uns interessiert vor allem, wie die zweite Säule dort bedacht wird. In der aktuellen Regierungskoalition liegt bis dato ein starker Fokus auf der langfristigen Verlässlichkeit der ersten Säule. Die Frage ist: Gelingt es, auch ein Obligatorium für die zweite Säule einzurichten? Eine breitere Beitragsbasis wäre ein wichtiger Schritt für die betriebliche Altersversorgung.
Thomas Schmidt: Auf der Kapitalanlageseite prägt uns die Zinswende. Nach der langen Niedrig- und Negativzinsphase folgten Inflation und ein steiler Zinsanstieg – den viele Marktteilnehmer so nicht erwartet hatten. Wir hatten das frühzeitig prognostiziert, das hat uns im Hinblick auf die Positionierung der Anlagen geholfen. Heute stellen sich andere Fragen: Wie gehen wir mit weiterhin hohen Bewertungen an den Kapitalmärkten sowohl auf der Equity- als auch der Credit-Seite um? Wie sichern wir stabile Erträge, ohne künftige Marktwertverluste zu riskieren, und halten die Volatilität in den Ergebnissen der verwalteten Pensionseinrichtungen niedrig?
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private banking magazin: Welche Entwicklungen treiben die institutionelle Altersvorsorge gerade am stärksten an?
Michael Saß: Auf der regulatorischen Seite steht die Rentenreformkommission ganz oben. Uns interessiert vor allem, wie die zweite Säule dort bedacht wird. In der aktuellen Regierungskoalition liegt bis dato ein starker Fokus auf der langfristigen Verlässlichkeit der ersten Säule. Die Frage ist: Gelingt es, auch ein Obligatorium für die zweite Säule einzurichten? Eine breitere Beitragsbasis wäre ein wichtiger Schritt für die betriebliche Altersversorgung.
Thomas Schmidt: Auf der Kapitalanlageseite prägt uns die Zinswende. Nach der langen Niedrig- und Negativzinsphase folgten Inflation und ein steiler Zinsanstieg – den viele Marktteilnehmer so nicht erwartet hatten. Wir hatten das frühzeitig prognostiziert, das hat uns im Hinblick auf die Positionierung der Anlagen geholfen. Heute stellen sich andere Fragen: Wie gehen wir mit weiterhin hohen Bewertungen an den Kapitalmärkten sowohl auf der Equity- als auch der Credit-Seite um? Wie sichern wir stabile Erträge, ohne künftige Marktwertverluste zu riskieren, und halten die Volatilität in den Ergebnissen der verwalteten Pensionseinrichtungen niedrig?
Ihr Geschäftsmodell unterscheidet sich von klassischen Versicherern und Asset Managern. Was macht die Genossenschaftsstruktur konkret aus?
Saß: Alles ist bei uns auf Gegenseitigkeit angelegt. Die Trägerunternehmen der Pensionseinrichtungen und Begünstigte sind gleichermaßen Eigentümer. Es gibt keine Aktionäre, die Dividenden erwarten. Jeder Euro, den die Pensionseinrichtungen verdienen, kommt am Ende den Menschen zugute, die eine betriebliche Altersversorgung erhalten.
Schmidt: Das schlägt sich direkt in den Kosten nieder. Wir haben keinen klassischen Vertrieb – anders als Versicherer. Die Verwaltungskosten sind so vergleichsweise gering, und die Administration ist sehr effizient.
Sven Johannsen: Wir verwalten inzwischen neun Pensionseinrichtungen, für die wir unter anderem in der Kapitalanlage agieren. Das schafft Skaleneffekte. Statt in verhältnismäßig teure Publikumsfonds zu investieren, nutzen wir gebündelte Spezialfondsmandate – und können entsprechend niedrigere Gebühren vereinbaren.
Wie hat sich Ihre Asset Allocation in den vergangenen zwei Jahren verändert?
Johannsen: Als die Inflation 2021 zurückkehrte und die Notenbanken begannen, die Zinsen anzuheben, haben wir sehr frühzeitig Teile des zinssensitiven Portfolios abgesichert. Das war ein wesentlicher Schritt. Diese Sicherungen wurden Mitte 2023 sukzessive aufgelöst. Jetzt, auf dem hohen Zinsniveau, drehen wir den Ansatz um: Die Pensionseinrichtungen kaufen in Abhängigkeit von ihren jeweiligen Verpflichtungen und dem daraus resultierenden Investmenthorizont gezielt langlaufende Zinsanlagen mit hoher Bonität – zum einen ist dies den regulatorischen Vorgaben geschuldet und zum anderen wird hierdurch die Ertragslage der Pensionseinrichtungen bilanziell weiter gestärkt.
Schmidt: Grundsätzlich ändern wir die strategische Ausrichtung nicht kurzfristig. Wir führen für jede der neun Pensionseinrichtungen laufend Asset-Liability-Management-Analysen durch – immer mit einem sehr langen Anlagehorizont. Derzeit halten wir bewusst eine erhöhte Liquiditätsquote: Festgeld, Commercial Paper. So bleiben wir flexibel – sowohl, um die zuvor besprochenen Zinsbestände in der Direktanlage aufzubauen, als auch, um bei Marktverwerfungen schnell handeln zu können.
Private Equity und Private Debt gewinnen bei institutionellen Anlegern an Bedeutung. Welche Rolle spielen sie bei Ihnen?
Johannsen: Eine zentrale. Seit 2003 gehören Private Equity und Private Debt fest zu den Portfolios der von uns verwalteten Pensionseinrichtungen. Das sind mehr als 20 Jahre Erfahrung in diesen Anlageklassen und deren rechtlicher Strukturierung – das unterscheidet uns von vielen Wettbewerbern, die erst in den vergangenen fünf bis zehn Jahren eingestiegen sind. Für die Einrichtungen wurden sehr früh eigene Beteiligungsvehikel analog zu den gebündelten Fondsmandaten etabliert. Entsprechend hoch ist die Allokation, und die Positionen verfügen über erhebliche stille Reserven.
Wie sehen Sie das Thema Blasenbildung bei Private Credit?
Schmidt: Man muss differenzieren. Auch im privaten Bereich orientieren sich Bewertungen zunehmend an öffentlichen Märkten – an Vergleichsunternehmen oder -transaktionen. Je nach Strategie kann das zu Übertreibungen führen. Bei Private-Credit-Fonds, die stark in Softwareunternehmen investiert sind, stellen wir gezielt die Frage: Wie wirkt sich künstliche Intelligenz auf Bewertungen aus? Was bedeutet das für das jeweilige Geschäftsmodell? Für uns ist die Antwort klar: konsequente Diversifikation – nach Strategien, nach Regionen, nach Einzelunternehmen. Derzeit erscheinen uns Bewertungen in einigen Risikoklassen sehr ambitioniert. Deshalb haben wir Allokationen zurückgefahren und die Cash-Position erhöht.
Wie sieht es bei Immobilien und Infrastruktur aus?
Schmidt: Immobilien sind seit über 20 Jahren fester Bestandteil der strategischen Allokation – mit einem Gewicht von rund 20 Prozent je Einrichtung. Wir konzentrieren uns auf europäische Toplagen mit flexiblen Nutzungskonzepten und stabilen Mieterträgen.
Infrastruktur ist ein neues Kapitel. Die überarbeitete Anlageverordnung, die seit Februar 2025 gilt, schafft erstmals eine eigenständige Infrastrukturquote innerhalb anderer Quoten. Wir beobachten das Thema, warten aber noch auf das Kapitalanlage-Rundschreiben der Finanzaufsicht – erwartet für das zweite Quartal dieses Jahres. Erst danach starten wir intern einen Neuproduktprozess.
Die neue Anlageverordnung hebt die Risikokapitalquote an. Planen Sie, diesen Spielraum zu nutzen?
Johannsen: Grundsätzlich ja – wenn die Märkte es erlauben. Derzeit sind wir wegen der im historischen Vergleich weiterhin hohen Bewertungen zurückhaltend und liegen bei rund 30 Prozent, nicht bei den möglichen 40 Prozent. Ändern sich die Bedingungen, werden wir den Spielraum nutzen.
Schmidt: Das hängt auch stark von der jeweiligen Einrichtung ab. Für geschlossene Pensionskassen, die schrittweise abschmelzen, priorisieren wir einen Cashflow-Matching-Ansatz über die reine Betrachtung von Risiko und Rendite. Im Vordergrund steht hier, dass die eingegangenen Verpflichtungen – wie auch aufsichtsrechtlich vorgegeben – zu jedem Zeitpunkt erfüllt werden können. Bei wachsenden Einrichtungen mit einem sehr langfristigen Anlagehorizont denken wir anders und orientieren uns stärker an deren Risikotragfähigkeit für die Ausrichtung. Letztlich geben die regelmäßigen ALM-Analysen für jede Einrichtung wertvolle Hinweise im Hinblick auf die Positionierung.
Saß: In der größten von uns verwalteten Kasse – der Hamburger Pensionskasse – haben wir den Rechnungszins während der Anwartschaftsphase schon vor mehr als 20 Jahren auf null Prozent gesetzt. Das gibt heute sehr viel Freiheit. Ein 35-Jähriger, der heute einzahlt, hat seinen Zahlungsschwerpunkt in 40 Jahren. Einen so langen Anlagehorizont kann man an den Kapitalmärkten sehr gut nutzen.
Wie beurteilen Sie das Betriebsrentenstärkungsgesetz – und welche Rolle spielen Sozialpartnermodelle?
Saß: Das Gesetz ist ein Schritt nach vorne, aber kein großer Wurf. Das war absehbar. Wir setzen jetzt auf die Rentenreformkommission und hoffen auf weitere Schritte. Das Sozialpartnermodell halte ich für überzeugend. Es nimmt die Kapitalanlagegarantien heraus und legt sie bei den Begünstigten ab – sichert aber die Langlebigkeit ab. Die Startrente kann dadurch höher ausfallen als bei klassischen Modellen. Die Herausforderung liegt in der Kommunikation: Einige Partner reagieren verständlicherweise erst mal skeptisch, wenn keine Garantien mehr versprochen werden. Hier klären wir auf und leisten auch Überzeugungsarbeit – bei Unternehmen wie Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern gleichermaßen.
Welche regulatorischen Anforderungen beschäftigen Sie derzeit am stärksten?
Schmidt: Im vergangenen Jahr war Dora – der Digital Operational Resilience Act – das bestimmende Projekt. Wir haben sehr früh Projektgruppen eingesetzt und alle Anforderungen fristgerecht erfüllt. Gleichzeitig führte die Bafin für die Hamburger Pensionskasse eine anlassunabhängige Vor-Ort-Prüfung durch. Einen deutlichen Schwerpunkt setzte die Aufsicht dabei auf den Bereich der Kapitalanlage und hier die sogenannten alternativen Investments – Private Equity, Private Debt, Immobilien. Gefragt wurde zum Beispiel, wie die Hamburger Pensionskasse zu ihren strategischen Bandbreiten und Zielquoten für die einzelnen Anlageklassen gekommen ist, wie historisch und aktuell die Ertragserwartungen abgeleitet wurden und zu deren Realisierung in der Vergangenheit.
Johannsen: Die zunehmenden regulatorischen Anforderungen durchziehen alles: Analyse- und Berichtsfähigkeiten müssen entsprechend kontinuierlich verbessert werden. Risiken müssen früh erkannt und gegenüber der Aufsicht klar dargestellt werden können.
Schmidt: Ein gutes Beispiel dafür ist die eigene Risikobeurteilung der Pensionseinrichtungen. Wir erstellen diese jährlich – obwohl ein Drei-Jahres-Turnus ausreichend wäre. Aus unserer Sicht liefert der jährliche Rhythmus wichtige Impulse und erlaubt es, schnell Anpassungen vorzunehmen. Diese Dienstleistung bieten wir auch anderen Pensionseinrichtungen an, die in diesem Bereich Unterstützungsbedarf haben oder ihre Prozesse evaluieren und optimieren.
Sie setzen auf eigene IT-Entwicklungen und Cloud-Infrastruktur. Was steckt dahinter?
Saß: Wir sind vollständig cloud-nativ aufgestellt. Das erlaubt es uns, Services schnell hinzuzubuchen oder zu wechseln. Ein Beispiel: Das IKT-Register für Drittanbieter – eine zentrale Dora-Anforderung – war bei uns in wenigen Tagen umgesetzt, weil wir einen bestehenden Cloud-Service einfach dazubuchen konnten. Andere haben dafür monatelange Projektphasen gebraucht.
Bei Eigenentwicklungen konzentrieren wir uns auf Bereiche, wo der Markt nichts Passendes bietet. Die Bestandsverwaltung für betriebliche Altersversorgung ist ein solches Feld. Unser System bildet alle Tarifgenerationen und Versorgungsordnungen ab und beliefert andere Systeme mit Daten – unter anderem unsere ALM-Software.
Konsolidierung ist ein wachsendes Thema im deutschen Pensionsmarkt. Welche Rolle will die Hapev darin spielen?
Saß: Die drei Felder – Buy-outs, Bestandsübertragungen und Konsolidierungen – kennen wir aus eigener Praxis. Bei Bestandsübertragungen gilt: Die Verpflichtungen bleiben unangetastet, die Rentner bekommen exakt, was ihnen zugesagt wurde – lebenslang. Wir haben bereits mehrere Bestände auf die Hamburger Pensionskasse übertragen. Entscheidend ist, dass weder die abgebende noch die aufnehmende Einrichtung benachteiligt wird. Das erfordert enge Abstimmung mit der Bafin.
Johannsen: Hinzu kommt die Nachfolgefrage. Viele Pensionskassen suchen Nachfolger für Vorstandspositionen. Auch dort können wir eintreten – von der Ausgliederung der Verwaltung bis zur Übernahme von Vorstandsfunktionen.
Schmidt: Klassischerweise beginnt eine Geschäftsbeziehung mit der Übernahme von Tätigkeiten der Bestandsverwaltung oder zum Meldewesen/Reporting. Daraus kann eine Teilausgliederung entstehen, schließlich eine vollständige Funktionsausgliederung. Die Hamburger Pensionsverwaltung kann die gesamte Wertschöpfungskette abbilden – immer im Interesse des Trägers und der Begünstigten.
Wo sehen Sie die größten Wachstumschancen für die Hapev in den kommenden Jahren?
Saß: Drei Felder: Erstens das Sozialpartnermodell – wenn sich die reine Beitragszusage im Markt durchsetzt, brauchen Tarifbereiche verlässliche Partner. Zweitens unmittelbare Versorgungszusagen in Betrieben, wo das Know-how fehlt – da können wir Verwaltung und Kapitalanlage übernehmen. Drittens der laufende Konsolidierungsprozess, der weiter an Fahrt gewinnt.
Schmidt: Wir werden von vielen anderen Einrichtungen als Spezialist für betriebliche Altersversorgung wahrgenommen. Diesen Status wollen wir weiter ausbauen – über Schulungsangebote, Beratung und direkte Zusammenarbeit. Die bAV ist in Deutschland tief verwurzelt und hat sich über Jahrzehnte bewährt. Das wird momentan durch negative Schlagzeilen überstrahlt. Aus unserer Sicht wäre es wichtig, die Debatte um Altersvorsorge stärker auf das zu lenken, was funktioniert: das betriebliche System. Und dieses System weiter zu stärken – auch über unsere Mitarbeit in Verbänden und im direkten Austausch mit Bafin und Politik.
Über die Interviewten:
Michael Saß ist seit Januar 2025 Vorstand der Hamburger Pensionsverwaltung (Hapev), wo er die IT-Bereiche verantwortet. Zuvor war er dort als Sachverständiger im Aktuariat tätig und leitete ab 2020 die IT-Entwicklung als Chief Digital Officer. Seit Juni 2025 ist er zudem Vorstandsmitglied des Verbandes der Firmenpensionskassen.
Thomas Schmidt ist seit Januar 2025 ebenfalls Vorstand der Hapev und als Chief Investment Officer für das Portfolio Management sowie die Kapitalanlagepolitik der verwalteten Pensionseinrichtungen zuständig. Seit 2006 im Haus, übernahm er 2017 die Leitung des Portfolio Managements. Vor der Hapev war er bei der HSH Nordbank tätig.
Sven Johannsen ist seit März 2022 Leiter der Pensionsplansteuerung bei der Hamburger Pensionsverwaltung (Hapev), wo er seit 2011 als Portfoliomanager arbeitet. Seit Januar 2026 ist er zudem Vorstand der Pensionskasse für Angestellte der Continental. Zuvor war er bei HM Trust/HanseMerkur und Lazard Asset Management tätig.