Hamburg Finance Forum 2020 Die Zinsflaute zwingt Großanleger zum Handeln

Die Elbphilharmonie ist das neue Wahrzeichen von Hamburg: In der Elbmetropole fand im Januar das Hamburg Finance Forum statt.  | © Getty Images

Die Elbphilharmonie ist das neue Wahrzeichen von Hamburg: In der Elbmetropole fand im Januar das Hamburg Finance Forum statt. Foto: Getty Images

Die anhaltende Flaute am Zinsmarkt wird zunehmend zum Problem für Pensionseinrichtungen und Versicherungen. Das wurde beim Hamburg Finance Forum 2020 einmal mehr deutlich. Die Konferenz fand am 24. Januar statt. Veranstaltungsort war auch in diesem Jahr das altehrwürdige Domizil der Patriotischen Gesellschaft von 1765 im Herzen der Hansestadt. Veranstalter ist die gemeinnützige Denkfabrik Hamburg Financial Research Center (HFRC).

Das Hamburg Finance Forum gilt als die größte Asset-Management-Konferenz in Norddeutschland. Was aber noch viel wichtiger ist als eine altehrwürdige Location, das sind die Referenten, die eigentlichen Anziehungspunkte einer solchen Veranstaltung: Vor diesem Hintergrund war die Eröffnungsansprache von Wolfgang Drobetz, des geschäftsführenden HFRC-Vorstands, entsprechend kurz. Der österreichische Ökonom und Inhaber des Lehrstuhls für Corporate Finance und Ship Finance an der Universität Hamburg begrüßte die Besucher und stimmte sie auf einen facettenreichen Veranstaltungstag ein. 

Die Sicht des Ökonomen 

Als ersten Gast der Konferenz begrüßte Drobetz den seit März 2019 amtierenden Präsidenten des Instituts für Weltwirtschaft, Gabriel Felbermayr. Dessen Vortrag stand unter der Überschrift „globale Herausforderungen für institutionelle Investoren“. In seiner Rede streifte der Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre an der Christian-Albrechts-Universität Kiel unter anderem den Handelskonflikt zwischen den USA und China. Ferner zeigte er anhand von Statistiken die Entwicklung der globalen Handelsströme auf. Der österreichische Handelsökonom, der in Hamburg lebt, machte deutlich, dass die Zeit der Hyperglobalisierung vorbei sei. Felbermayr erläuterte, dass China auf dem Sprung ist, die Vereinigten Staaten als weltweit größte Volkswirtschaft zu überholen. 

Von Faktoren und Künstlicher Intelligenz

Im weiteren Verlauf widmeten sich Wolfgang Leoni (Geschäftsführer von HQ Asset Management) und Andrew Ang (Leiter im Bereich Faktorstrategien bei Blackrock) in ihren Vorträgen konkreten Anlagethemen. Während Leoni die Besucher des Hamburg Finance Forums mit der Künstlichen Intelligenz und der damit einhergehenden „Revolution bei der quantitativen Aktienselektion“ vertraut machte, sprach Ang, über „Chancen und Herausforderungen für institutionelle Investoren“ im Zusammenhang mit dem Thema Factor Investing. Institutionelle Investoren und aktive Manager nutzten seit Jahrzehnten Faktoren für das Portfoliomanagement, erläuterte Ang, der unter anderem mit dem norwegischen Staatsfonds zusammenarbeitet.

Nachhaltigkeitspläne der EU betreffen alle Akteure

Besonders informativ war der Vortrag von Steffen Hörter. Der promovierte Betriebswirt verantwortet bei der Fondsgesellschaft Allianz Global Investors das Thema „ESG“ und damit alle Facetten, die im Anlageprozess mit ökologischen und soziale Kriterien sowie Kriterien guter Unternehmensführung einhergehen. Außerdem ist Hörter Mitglied der EU-Expertengruppe Sustainable Finance und berät in dieser Funktion die Europäische Union (EU) – zum Beispiel bei der Ausgestaltung sogenannter Klima-Benchmark-Standards.

Nach Einschätzung Hörters kommen die Nachhaltigkeitspläne der EU mit hoher Geschwindigkeit auf die Marktteilnehmer zu. „Sie werden neben Unternehmen und institutionellen Endanlegern auch Asset Manager, Benchmark-Anbieter, Datenanbieter und den Vertrieb betreffen“, betonte der Fachmann und erläuterte, dass die EU mit ihrem Aktionsplan für ein nachhaltiges Finanzsystem eine globale Vorreiterrolle einnehme.

Die Länder der Europäischen Union wollen bis 2050 klimaneutral sein und ihre Wirtschaft entsprechend umbauen. Das habe eine massive Transformation aller Branchen zur Folge, so Hörter. Es wird geschätzt, dass im Zusammenhang mit der Transformation eine kaum vorstellbare Investmentlücke von mindestens 175 Milliarden Euro pro Jahr klafft. Nun gehe es darum, Geld in dieser Höhe aufzubringen und in nachhaltige Investments zu verlagern.

Das Problem: Es mangelt an Projekten. Anleger suchten lange Cashflows mit niedriger Volatilität. Die Politik müsse nun die Rahmenbedingungen setzen und dafür sorgen, dass die Voraussetzungen für die Marktteilnehmer langfristig stabil bleiben. Andernfalls gebe es in ein paar Jahren Probleme mit der Werthaltigkeit der Assets. 

Das Problem mit dem Gold 

Highlight des Hamburg Finance Forums war die Podiumsdiskussion zum Thema „Institutionelle Kapitalanlage 2020 – Herausforderungen und Perspektiven“. Michael Busack, Vorstandsvorsitzender des HFRC, moderierte die Gesprächsrunde, an der neben Frank Oliver Paschen, Vorstandsmitglied der Pensionskasse der Hamburger Hochbahn, und Christian Mosel (Hauptgeschäftsführer der Ärzteversorgung Westfalen-Lippe) auch Martin Reisch (Interims-Kapitalanlageleiter der Versicherungsunternehmen Landeskrankenhilfe und Landeslebenshilfe) teilnahmen. 

Die Zusammensetzung des Panels hätte kaum spannender sein können: Auf der einen Seite mit der Ärzteversorgung Westfalen-Lippe ein berufsständisches Versorgungswerk, das seit vielen Jahren in alternative Anlagen investiert und hier entsprechend umfangreiche Expertise aufbauen konnte. Auf der anderen Seite eine durch Solvency II regulierte und sehr risikoarm investierende Versicherung sowie eine regulierte Pensionskasse, die in der Kapitalanlage lange Zeit vor allem auf die Krisenwährung Gold gesetzt hat. Und Gold wirft bekanntermaßen keine laufenden Erträge ab.

In seinem Eingangsstatement wies Martin Reisch darauf hin, dass sowohl die Landeskrankenhilfe als auch ihre Schwestergesellschaft, die Landeslebenshilfe, bei institutionellen Vertriebsleuten wenig bekannt seien. Beide Unternehmen seien in der Vergangenheit geradezu abgeschottet gewesen. Gleichwohl gehört die Landeskrankenhilfe zu den größeren Krankenversicherungen in der Bundesrepublik. Die verschwisterte Lebensversicherung sei vom Geschäftsvolumen zwar deutlich kleiner, mache in der derzeitigen Situation mit den niedrigen Renditen für Zinsanlagen aber nicht weniger Arbeit, so Reisch. 

Panel-Teilnehmer Frank Oliver Paschen arbeitet seit 2018 für die Pensionskasse der Hamburger Hochbahn und mischt dort nun offenbar die Asset-Allokation auf. Im vergangenen Jahr sei ein Viertel des Kapitalanlagebestandes neu angelegt worden. Im Gegenzug habe er einen Großteil des Goldes verkauft. Über alle Vermögenswerte hinweg muss Paschen eine Rendite von mehr als 3 Prozent pro Jahr erwirtschaften. Ein Anker im Portfolio der Hanseaten sind Immobilien. Die Pensionskasse unterhält eine eigene Immobilienabteilung. Zum Portfolio zählten 14 direkt gehaltene Immobilien in Hamburg, Nutzungsarten seien zum Beispiel Gewerbe und Büro. 

Bafin unterstellt low for longer 

Mit Blick in die Vergangenheit wies Paschen darauf hin, dass eine Pensionskasse damals gut aufgestellt gewesen sei, wenn sie festverzinsliche Anleihen mit langer Laufzeit und entsprechend hoher Rendite gehalten hätte. Auch heute noch habe die klassische deutsche Pensionskasse die Hälfte ihrer Anlagen in solchen Papieren, warnte er. Die Finanzaufsicht Bafin sehe das kritisch und unterstelle in Prognoserechnungen über einen Horizont von 15 Jahren in einem Szenario einen Wiederanlagezins von lediglich 0,5 Prozent. Als Investor mit einem großen Bestand an zeitlich befristeten Festzinspapiere müsse man sich intensiv Gedanken um alternative Investments machen.

Christian Mosel nahm in der Gesprächsrunde die Rolle des erfahrenen Alternative-Anlagen-Investors ein: „Wir haben das Glück etwas freier anlegen zu dürfen“, sagte er. Knapp 75 Prozent der gesamten Assets von etwa 14 Milliarden Euro haben sie daheim in Münster in illiquide Vermögenswerte investiert. Das Versorgungswerk muss nach wie vor jedes Jahr einen Rechnungszins von mindestens 4 Prozent erwirtschaften. Falls das misslingt, müssten die versicherten Mediziner im Ruhestand den Gürtel enger schnallen. Mehr über die Asset-Allokation der ÄVWL finden Sie im Interview mit Christian Mosel.