Haftungsrisiken für Mittelständler „Compliance ist längst ein Wettbewerbsfaktor“

Senior Associate der Wirtschaftssozietät Taylor Wessing: Martin Knaup | © Martin Knaup

Senior Associate der Wirtschaftssozietät Taylor Wessing: Martin Knaup Foto: Martin Knaup

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Die Praxis hat der Annahme, beim Thema Compliance könne es sich um eine bloße Modeerscheinung handeln, eine klare Absage erteilt. Die jüngsten Enthüllungen rund um den VW-Konzern belegen dies eindrucksvoll.

Die Einführung eines Compliance-Systems ist für viele Unternehmen längst zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Die Frage nach dem ob stellt sich den Verantwortungsträgern nur noch selten. Demgegenüber hat die Frage nach der Art und Weise der Ausgestaltung weiterhin Hochkonjunktur.

Compliance geht alle an

Die Feststellung, dass Compliance nicht allein Dax-Unternehmen, sondern auch den Mittelstand betrifft, ist zwar richtig. Sie überrascht die verantwortlichen Entscheidungsträger aber ebenfalls kaum noch. Die Beteiligten sind sich einig, dass die unter dem Begriff Compliance zusammengefasste Einhaltung von Regeln dem wirtschaftlichen Erfolg eines jeden Unternehmens – unabhängig von seiner Größe – dient. Die Botschaft „Compliance geht alle an“ ist also angekommen.

Grund für diese Entwicklung sind die kontinuierliche Ausweitung rechtlicher Pflichten und die proportional dazu steigenden Haftungsrisiken. Dabei befindet sich das rechtliche Umfeld nicht nur auf nationaler Ebene in ständiger Bewegung. Die Exportorientierung des deutschen Mittelstands und die damit verbundene Relevanz ausländischer Rechtsvorschriften führen zu einer zusätzlichen Steigerung der Komplexität.

Von einem mangelnden Bewusstsein mittelständischer Unternehmen im Hinblick auf die Gefahren und Risiken, die sich hinter dem Begriff Compliance verbergen, kann in der angeblichen Breite nicht die Rede sein. Die Lenker von Familienunternehmen und mittelständischen Betrieben sind mit den Abläufen und Strukturen innerhalb des eigenen Unternehmens bestens vertraut. Sie entwickeln allein aufgrund ihrer Nähe zu Mitarbeitern und Produkten des Unternehmens ein sehr sensibles Gespür für bestehende Compliance-Risiken.

Mangelnde Ressourcen

Nichtsdestotrotz – und insoweit ist den zahlreichen Beiträgen Recht zu schenken – hält sich gerade bei den Entscheidungsträgern mittelständischer Unternehmen die Begeisterung für die Herausforderungen der Compliance in Grenzen. Auch dieses Phänomen überrascht bei näherer Betrachtung nicht. Mittelständische Unternehmen geraten bei der Auseinandersetzung mit dem Thema Compliance schnell an ihre wirtschaftlichen und personellen Grenzen.

Mangelnde Ressourcen hindern die Unternehmensleitung häufig schon daran, das erforderliche Know-how aufzubauen, geschweige denn, die zur Implementierung eines effektiven Compliance-Systems erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen.

Die Aufgaben der im Unternehmen tätigen Justiziare liegen primär in der Beratung der Geschäftsleitung zu operativ relevanten Rechtsfragen. Die Zuweisung einer zusätzlichen Zuständigkeit für den Bereich Compliance ist mit den vorhandenen Kapazitäten daher zumeist nicht vereinbar.

Der bloße Hinweis darauf, dass dies die falsche Stelle für Kosteneinsparungen ist, ist allein nicht geeignet, die Verantwortungsträger zu einem Umdenken zu bewegen. Schließlich ist ihnen das mit einem etwaigen Compliance-Verstoß verbundene wirtschaftliche Risiko ebenso bewusst wie das Bestehen der Anforderungen an eine ordnungsgemäße Compliance selbst. Insoweit wird häufig schlicht und einfach nach dem Prinzip „Es wird schon gut gehen“ verfahren.