Dies gilt insbesondere für die Finanzmärkte und hier speziell für Aktien. Es gibt zumindest ein dominantes Narrativ, das die durchschnittliche Marktmeinung widerspiegelt. In den Jahren nach der Finanzkrise bestand das vorherrschende Narrativ in der Vorstellung einer in der Dauerkrise gefangenen Weltwirtschaft und führte zu einem von extremer Vorsicht geprägten Investment-Verhalten. Aktuell hat sich dieses Narrativ zumindest am Aktienmarkt gewandelt: Heutzutage richtet sich der Blick auf eine weitgehend digitalisierte, automatisierte sowie interkonnektiv verbundene Gesellschaft der Zukunft.
Laut Beckert spielen diese Narrative eine entscheidende Rolle dabei, die grundsätzliche Unsicherheit über die Zukunft zu überwinden. Sehr wichtig sind hierbei die starken Überzeugungsnarrative (conviction narratives), die aus zwei Bestandteilen bestehen: Attraktoren, die diesen Narrativ als besonders interessant oder attraktiv erscheinen lassen, zum Beispiel weil sie entweder sozialen Status oder finanziellen Gewinn versprechen, sowie Zweifel-Zerstreuer (doubt repellor), die Zweifeln und Ängsten begegnen und hiermit Sicherheit vermitteln.
Überzeugungsnarrative spielen gerade für risikofreudige Anleger eine sehr große Rolle, die in zyklischen Aktien beziehungsweise Technologietiteln investieren. Denn sie vermitteln eine Sicherheit über etwas, worüber man eigentlich gar nicht sicher sein kann: Über zukünftigen Erfolg kann man nichts wissen, sondern lediglich an ihn glauben – und ein plausibles Überzeugungsnarrativ bestärkt diesen Glauben.
Man kann sich des Erfolgs nie sicher sein, die Verdrängung von Risikofaktoren ist für eine Investmententscheidung notwendig. Gerade bei Technologieaktien ist ein spannendes Überzeugungsnarrativ entscheidend für den Erfolg an der Börse, die in den Kursgewinnen zukünftige Entwicklungen vorwegnimmt. Und im Gegensatz zu zyklischen Aktien, deren Equity-Storys und die hieraus resultierenden Kursgewinne in der Regel relativ kurzlebig sind, können sich Narrative bei Technologie-Gewinnern im Nachhinein als langlebig und hochprofitabel erweisen, wenn sie zutreffend sind.
Bei spannenden Technologieaktien ist die Identifikation von langfristigen Gewinnern schwierig, aber nicht unmöglich
Spannende Aktien haben in der Regel einen sehr interessantes Narrativ, der sich oft aber nur als kurzfristig richtig oder als ganz falsch erweist. Sie stellen sich daher im Nachhinein nicht selten als Börsenflops heraus. Gerade bei Technologieaktien ist die Suche nach tatsächlichen langfristigen Gewinnern nicht unmöglich, wenn auch sehr schwierig.
Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass man als Anleger die Börsennarrative zu den jeweiligen Aktien richtig einzuschätzen kann. Hierbei hilft ein Vergleich mit den Gewinnern vergangener Innovationszyklen. Im Beitrag „Kaufen und liegen lassen“ reicht nicht – Alasdiar Nairns Zwölf Regeln für Technologieinvestoren wird ein Buch vorgestellt, das genau dies getan hat.
Langweilige Aktien haben hingegen in der Regel kein besonders spannendes Investment-Narrativ, das sich zumindest bei Konsumwerten zumeist noch in einem Wort zusammenfassen lässt: Markenmacht. Warum sie damit langfristig zumeist zu den Börsengewinnern gehören, wird zu einem späteren Zeitpunkt näher beleuchtet.
Über den Autor:
Karl-Heinz Thielmann ist Vorstand von Long-Term Investing Research – Institut für die langfristige Kapitalanlage.