Viele Anleger neigen zudem zu Selbstüberschätzung und einfachen Erfolgsrezepte, statt auf Erfahrung und Fachkompetenz zu vertrauen. Viele sind davon überzeugt, dass sie cleverer sind als der übrige Markt, und deshalb zukünftige Gewinner besser identifizieren können als andere Investoren. Tatsächlich gibt es einige Anleger, die mit Aktieninvestments langfristig den Markt schlagen.
Diese verfügen immer über eine langjährige Kapitalmarkterfahrung. Sie gehen entweder fundamentanalytisch sehr gründlich vor, wie zum Beispiel Warren Buffett, besitzen spezifische Industriekenntnisse, wie zum Beispiel T. Boone Pickens im Erdölsektor, oder haben einen Wissensvorsprung bei der Anwendung quantitativer Methoden wie J. Simons mit dem Renaissance-Fonds.
Die meisten Anleger, die sich bei der Suche nach Gewinnern anderen Investoren überlegen fühlt, unterliegen jedoch einer Selbsttäuschung. Meist haben sie mit einem mehr oder weniger simplen Investment-Rezept Erfolg gehabt und glauben, dies wird auch in Zukunft so bleiben. Die Finanzmärkte sind hochkomplex sowie ständigen Veränderungsprozessen unterworfen, weshalb an der Börse nichts so flüchtig ist, wie einfache prozyklische Erfolgsrezepte.
Dies belegen unter anderem die bereits erwähnten Untersuchungen von James O’Shaughnessy, der in „What Works on Wall Street“ viele Beispiele dafür aufführte, dass einfache Strategien kurzfristig oft spektakuläre Erfolge produzieren, nach einer gewissen Zeit aber zumeist ins Gegenteil umschlagen. Kurzfristige Börsengewinner sind oft die Verlierer von morgen; konsistente Langfristperformer – wie zum Beispiel die langweiligen Nahrungsmittelaktien – stehen in den kurz- bis mittelfristigen Gewinnerrankings selten weit vorne.
Prozyklische Erfolgsrezepte am Kapitalmarkt haben eine ungebrochene Anziehungskraft für Anleger, die sich einen schnellen und unkomplizierten Weg zum Reichtum wünschen. Dies sieht man aktuell wieder am Absatzboom von sog. Smart-Beta-Fonds, die in der Regel überdurchschnittlichen Anlageerfolg auf der Basis einfacher quantitativer Selektionskriterien versprechen, nach ein paar guten Quartalen jedoch meist langfristig versagen.
Erfolgreiche Investoren wie Buffett wissen um die Komplexität der Finanzmärkte und haben ihren spezifischen Weg gefunden, damit umzugehen. Dabei haben sie anfangs auch viel Lehrgeld gezahlt, weil sie zu simplen Ideen folgten – es hat sich für sie aber gelohnt, weil sie aus ihren Fehlern lernten.
Anders als jene, die Überzeugungsnarrativen folgen und damit ihren Glauben an Gewinner unterstützen. Der Soziologe Jens Beckert hat in seinem Buch „Imagined Futures“ die Rolle beschrieben, die Vorstellungen über die zukünftige Welt für die Entwicklung der Wirtschaft spielen. Seiner Einschätzung nach werden Unternehmer und Investoren weniger durch die Gegenwart motiviert, sondern durch Narrative über mögliche zukünftige Zustände der Welt.