Geopolitische Spannungen, eine drohende US-Rezession, volatile Märkte – und trotzdem volle Fahrt voraus bei Private Assets. Das ist in Kurzform das Stimmungsbild, das Goldman Sachs Asset Management in seiner 15. jährlichen globalen Versicherungsumfrage zeichnet. Unter dem Titel „Adaptation in Action" wurden 434 Senior Investment-Professionals – darunter Chief Investment Officers und Chief Financial Officers – von Versicherungsunternehmen weltweit befragt.
Die teilnehmenden Unternehmen repräsentieren rund die Hälfte der gesamten Bilanzsumme der globalen Versicherungsindustrie. Die Antworten wurden zwischen dem 11. Januar und dem 3. Februar 2026 gesammelt.
Das Ergebnis ist ein aufschlussreiches Porträt einer Branche, die gelernt hat, mit Unsicherheit umzugehen – und die ihre Portfolios trotz wachsender Makrorisiken in Richtung Private Markets weiterentwickelt.
Rezession im Blick – Optimismus trotzdem
Die Sorgen sind real: Auf die Frage nach den größten makroökonomischen Risiken für ihre Investmentportfolios nannten die befragten Versicherer folgende Themen:
- Wirtschaftsabschwung / Rezession in den USA (52 Prozent)
- Geopolitische Spannungen (52 Prozent)
- Bewertungen der Kredit- und Aktienmärkte (46 Prozent)
- Inflation (42 Prozent)
- Volatilität der Kredit- und Aktienmärkte (30 Prozent)
Besonders markant: 55 Prozent der Versicherer weltweit erwarten, dass die USA innerhalb der nächsten drei Jahre in eine Rezession eintreten werden. Das ist ein deutlicher Anstieg gegenüber 46 Prozent im Vorjahr.
Und dennoch – oder gerade deshalb – bleibt der Optimismus bemerkenswert stabil. 88 Prozent der befragten Versicherer erwarten, dass der S&P 500 Index das Jahr 2026 höher abschließen wird als er begann. 55 Prozent prognostizieren dabei eine Gesamtrendite zwischen fünf und zehn Prozent, 18 Prozent sogar zwischen zehn und weniger als 20 Prozent. Goldman Sachs Global Investment Research selbst erwartet für den S&P 500 eine Gesamtrendite von zwölf Prozent im laufenden Jahr – getragen von zweistelligem Wachstum beim Gewinn je Aktie, wirtschaftlicher Resilienz und weiteren geldpolitischen Erleichterungen.
Auf der Zinsseite zeichnet sich ein klares Konsensbild ab: 79 Prozent der Versicherer erwarten, dass der US-Leitzins moderat auf einen Wert zwischen 3,0 und 3,5 Prozent sinken wird. 81 Prozent gehen davon aus, dass die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen bis Jahresende in einem Korridor von 3,5 bis 4,5 Prozent liegen wird.
Private Assets: Der Kern bleibt unantastbar
Trotz aller Unsicherheiten ist die strategische Grundausrichtung klar: 62 Prozent der Versicherer planen, ihre Allokation in Private Assets im laufenden Jahr zu erhöhen – und das im Einklang mit dem Trend der vergangenen Jahre. Private Markets sind kein taktisches Instrument mehr, sondern struktureller Portfoliobestandteil.
Die Assetklassen mit dem höchsten geplanten Netto-Aufstockungsbedarf im nächsten Jahr:
- Asset-Backed Finance – Nettoanteil von 38 Prozent plant Erhöhung
- Investment-Grade Private Placements – Nettoanteil von 35 Prozent
- Senior Direct Lending – Nettoanteil von 33 Prozent
- Private Equity – Nettoanteil von 25 Prozent
- Infrastruktur-Aktien – Nettoanteil von 25 Prozent
„In den 15 Jahren, in denen wir diese Umfrage durchführen, hat sich Private Credit zu einer breit gefächerten und fundamentalen Anlageklasse sowie zu einem Kernbestandteil des Portfolios von Versicherern entwickelt", kommentiert Mike Siegel, Global Head of Insurance Asset Management bei Goldman Sachs Asset Management. Versicherer verfügten über Kapital mit langfristigem Horizont und seien gut aufgestellt, um in volatileren Märkten als bevorzugter Kreditgeber für bonitätsstarke Schuldner zu fungieren.
Wo die höchsten Renditen erwartet werden
Ein weiteres zentrales Ergebnis der Umfrage: Welche Assetklassen versprechen aus Sicht der Versicherer in den nächsten zwölf Monaten die höchsten Gesamtrenditen? Die Rangfolge:
- Private Equity (18 Prozent der Nennungen)
- US-Aktien (17 Prozent)
- Rohstoffe (13 Prozent)
- Schwellenländeraktien (12 Prozent)
- Private Equity Secondaries (8 Prozent)
Die Präsenz von Private Equity an der Spitze dieser Liste ist dabei kein Zufall: Sie spiegelt die zunehmende Professionalisierung institutioneller Investoren im Umgang mit illiquiden Anlagen und die wachsende Überzeugung wider, dass gerade in unsicheren Marktphasen die Selektion auf privaten Märkten besondere Vorteile bietet.
KI: Vom Kostentreiber zum Investitionsthema
Ein Thema, das in der diesjährigen Umfrage besondere Aufmerksamkeit verdient, ist Künstliche Intelligenz – und zwar in einer doppelten Rolle: als operatives Werkzeug und als Investitionsthema.
Auf der Anwendungsseite ist KI in der Versicherungsbranche bereits weit verbreitet: 62 Prozent der befragten Unternehmen nutzen KI bereits aktiv, weitere 34 Prozent erwägen deren Einsatz. Die meistgenannten Anwendungsfelder:
- Reduzierung von Betriebskosten (83 Prozent)
- Evaluierung von Investitionen (42 Prozent)
- Risikobewertung im Versicherungsbereich (38 Prozent)
- Marketing und Kundengewinnung (33 Prozent)
Auf der Investitionsseite sind die Erwartungen noch klarer: 56 Prozent der Versicherer weltweit sehen die größten Renditemöglichkeiten aus KI-Investments im Bereich Infrastruktur und Rechenzentren. Leonard Seevers, Partner und Leiter Digital Infrastructure Investing bei Goldman Sachs Asset Management, sagt, dass KI und die nächste Generation digitaler Infrastruktur „eine der breitesten und bedeutendsten Investitionsmöglichkeiten unserer Lebenszeit" darstellen.
Einordnung: Was die Zahlen für institutionelle Investoren bedeuten
Die Umfrage liefert mehr als ein Stimmungsbild – sie ist ein strategischer Kompass für institutionelle Portfolios in einem Umfeld, das von strukturellen Verschiebungen geprägt ist. Sinkende Zinsen verschieben die relative Attraktivität von Anleihen zugunsten von Aktien und Alternative Investments. Geopolitische Spannungen erhöhen den Bedarf an realer Diversifikation jenseits klassischer Korrelationen. Und die KI-Welle erzeugt konkrete Nachfrage nach Infrastrukturkapital – ein Bereich, in dem Versicherer aufgrund ihrer Kapitalstruktur strukturelle Vorteile besitzen.
Jared Klyman, Global Head of the Insurance Asset Management Business bei Goldman Sachs Asset Management betont: „Das Investitionsumfeld ist in kurzer Zeit vielschichtiger und komplexer geworden. Schwankende makroökonomische Bedingungen, geopolitische Veränderungen und schnelle technologische Fortschritte schaffen ein Umfeld, in dem eine disziplinierte Asset-Auswahl sowohl auf privaten als auch öffentlichen Märkten wichtiger ist denn je.“
Für institutionelle Investoren – ob Versicherer, Pensionskasse oder Versorgungswerk – lautet die Kernbotschaft der Umfrage: Makrorisiken einpreisen, aber nicht von der strategischen Allokation in Private Assets abbringen lassen. Die Mehrheit der weltweiten Peers hat diese Lektion bereits gezogen.