Gold hat in der ersten Hälfte des Jahres 2026 eine der stärksten Kursumkehren der vergangenen Jahre vollzogen. Nachdem der Preis am 29. Januar ein Tageshoch von 5.595 US-Dollar je Unze erreicht hatte, notiert Gold Anfang Juli unter dem Niveau vom Jahresbeginn. Silber traf es noch härter: Vom Januar-Hoch von über 120 US-Dollar je Unze ist der Preis auf rund 60 US-Dollar zurückgefallen. Ein Niveau, das dennoch noch immer etwa 70 Prozent über dem Vorjahreswert liegt.
Warum wir das für eine gesunde Korrektur halten
Wir sehen darin eher einen Neustart als das Ende des strukturellen Bullenmarkts. Die außergewöhnliche Bewertungsprämie, die sich während der Rallye von 2025 und 2026 gebildet hatte, ist bei Gold weitgehend abgebaut. Drei Faktoren haben dazu beigetragen: Erstens hat die Nominierung von Kevin Warsh als künftigem Fed-Vorsitzenden das Vertrauen in die Unabhängigkeit der US-Geldpolitik wiederhergestellt und damit einen Teil der zuvor eingepreisten Risikoprämie aufgelöst. Zweitens sorgte der Ausbruch des Konflikts mit dem Iran zunächst für Verkaufsdruck, weil Gold als liquide Geldquelle für kurzfristige Finanzierungsbedürfnisse diente. Drittens ließ die Nachfrage der neuen strukturellen Käufer nach – die Zuflüsse in chinesische und indische Gold-ETPs schwächten sich ab, und auch der geschätzte Goldaufbau von Tether ging von 27 Tonnen im vierten Quartal 2025 auf nur noch 6 Tonnen im ersten Quartal 2026 zurück.
Gold ist wieder eine Makro-Geschichte
Weil die Bewertungsprämie abgeschmolzen ist, dürften künftige Kursbewegungen wieder stärker von makroökonomischen Fundamentaldaten abhängen als von außergewöhnlicher Anlegernachfrage. Auf Basis der Bloomberg-Konsensprognosen für Inflation, US-Staatsanleihenrenditen und den Dollar ergibt unser Bewertungsmodell einen Goldpreis von etwa 4.563 US-Dollar je Unze bis zum zweiten Quartal 2027 – eine Erholung um mehr als 500 US-Dollar gegenüber dem Stand zum Ende des zweiten Quartals 2026, aber weiterhin deutlich unter dem Rekordhoch vom Januar.
Wie die Grafik zeigt, tragen dabei vor allem eine erwartete Stimmungsaufhellung (plus 391 US-Dollar) und sinkende Inflation (plus 247 US-Dollar) zum Anstieg bei, während ein rein rechnerischer Modelleffekt (die Konstante) den Wert um 234 US-Dollar dämpft. Konsensprognosen gehen davon aus, dass die US-PCE-Inflation von rund 3,9 Prozent im zweiten Quartal 2026 auf etwa 2,2 Prozent bis zum zweiten Quartal 2027 sinkt – ein Umfeld, das für Gold günstiger wäre, als es die aktuelle Marktbewertung der Geldpolitik nahelegt.
Silber: an Gold gekoppelt, aber gedämpfter
Unser Silberausblick bleibt eng mit dem für Gold verknüpft, allerdings mit größerer Volatilität. Auf der Angebotsseite dürften höhere Investitionsausgaben im Bergbau das Angebot moderat erhöhen und den Preisanstieg begrenzen. Auf der Nachfrageseite hat Indien, der weltweit größte Markt für Silbermünzen, -barren und -schmuck, die Einfuhrzölle im Mai 2026 von 6 auf 15 Prozent angehoben, um die durch hohe Energieimporte belastete Handelsbilanz zu entlasten. Und in China wurden viele Solarinstallationen bereits 2025 vorgezogen, bevor sich die Stromtarife änderten – was die Silbernachfrage aus dem chinesischen Solarsektor 2026 dämpft.
Unter dem Strich erwarten wir einen Silberpreis von etwa 70 US-Dollar je Unze bis zum zweiten Quartal 2027, wie die zweite Grafik verdeutlicht. Der Beitrag der Goldkopplung überwiegt dabei den leicht negativen Effekt höherer Bergbauinvestitionen. Diese Prognose zielt nicht darauf, die spekulative Spitze vom Januar zu wiederholen, sondern bildet die nachhaltigere Preisentwicklung ab, die durch makroökonomische, industrielle und angebotsseitige Fundamentaldaten gestützt wird.
Was über den Kurs entscheidet
Die Korrektur hat die Anlageargumente für beide Metalle nicht geschwächt, sondern auf eine solidere Basis gestellt. Statt weiterer Kursgewinne allein aus Anlegerbegeisterung dürfte der Ausblick jetzt von der Entwicklung der Inflation, der Zinsen und des Dollar bestimmt werden. Unser Modell deutet auf eine Erholung Richtung 4.563 US-Dollar je Unze bei Gold und rund 70 US-Dollar je Unze bei Silber bis zum zweiten Quartal 2027 hin – wobei die Sensitivitätsanalyse zeigt, wie stark unterschiedliche makroökonomische Szenarien diesen Verlauf noch verändern könnten.
Über den Autor:
Nitesh Shah ist seit 2021 Leiter der Abteilung Rohstoffe und Makroökonomie bei Wisdomtree. Im Unternehmen ist er in diversen Leitungspositionen seit 2015. Vor dieser Zeit hatte er Verantwortungsvolle Aufgaben unter anderem bei ETF Securities, Moody´s und dem Pension Protection Fund.