Geopolitische Konflikte und ihre Folgen Anleger sollten nicht überreagieren

Ein Nike Store in San Francisco: Seit dem 1. September gelten weitere US-Zölle auf Importwaren aus China, unter anderem auf Turnschuhe. | © Getty Images

Ein Nike Store in San Francisco: Seit dem 1. September gelten weitere US-Zölle auf Importwaren aus China, unter anderem auf Turnschuhe. Foto: Getty Images

Eines der großen Themen, das mich seit mehreren Jahren beschäftigt, ist die geopolitische Disruption. Ein mögliches Amtsenthebungsverfahren gegen den US-Präsidenten, neue Zollrunden zwischen Washington und Peking und ein Brexit-Drama, das in die nächste Runde geht: In den vergangenen Wochen haben Anleger eine kräftige Dosis davon verpasst bekommen.

Allerdings habe ich an dieser Stelle auch immer wieder betont, dass Investoren versuchen sollten, diejenigen Entwicklungen zu identifizieren, die tatsächliche Auswirkungen auf die Wirtschaft und die Finanzmärkte haben. Ereignisse, die nur für Hintergrundlärm sorgen, sollten sie ignorieren. Meiner Ansicht nach sind die meisten Ereignisse ohnehin letztgenannter Kategorie zuzuordnen.

Dennoch sollten Investoren wachsam sein bei Ereignissen, die zu einer erhöhten wirtschaftspolitischen Unsicherheit führen könnten. Denn diese kann erhebliche Auswirkungen auf die Wirtschaft und die Märkte haben. Deshalb möchte ich im Folgenden drei schlagzeilenträchtige Meldungen der jüngeren Zeit genauer anschauen und versuchen, sie in Bezug auf ihre potenziellen längerfristigen Marktauswirkungen im Spektrum „News vs. Noise“ einzuordnen.

Das mögliche Amtsenthebungsverfahren in den USA: Vorerst nur „Lärm“

Das US-Repräsentantenhaus hat den Bericht eines Informanten zu einer angeblichen Gefährdung der nationalen Sicherheit durch den US-amerikanischen Präsidenten zum Anlass genommen, ein Amtsenthebungsverfahren („Impeachment“) gegen US-Präsident Donald Trump anzustrengen. Der Whistleblower behauptet, Trump habe sein Amt genutzt, um seinen ukrainischen Amtskollegen zu Ermittlungen aufzufordern, die seinem politischen Rivalen, dem ehemaligen Vizepräsidenten Joseph Biden, schaden könnten.

Das ist zwar ein schwerwiegender Vorwurf, hat meiner Ansicht nach aber kaum Relevanz für die Wirtschaft und die Märkte. Tatsächlich zeigten sich die Aktienmärkte von dieser Meldung bisher auch wenig beeindruckt. Sollte das Impeachment-Verfahren allerdings tatsächlich ein dramatisches Ende nehmen, könnte es durchaus zu stärkeren Kursausschlägen oder sogar einem Ausverkauf an den Märkten kommen. Für die kommenden Monate deutet aber nichts auf eine solche Entwicklung hin.

Sollte es tatsächlich zu einer Amtsenthebung kommen, was ich für extrem unwahrscheinlich halte, würde der Präsident durch einen Vizepräsidenten ersetzt, der seiner Administration angehört und vermutlich die gleiche Politik weiterverfolgen würde. Darüber hinaus dürfte die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) in diesem Fall an ihrer sehr akkommodierenden Politik festhalten und damit ebenfalls die Aktienkurse stützen.

Der Brexit-Poker: Relevant für Wirtschaft und Märkte

Das anhaltende Brexit-Drama hinterlässt bereits erste Spuren. Die fortwährende Hängepartie hat schon jetzt zu einem hohen Maß an wirtschaftspolitischer Unsicherheit in Europa geführt. Das wiederum wird aller Voraussicht nach zu einer deutlich wachsenden Investitionszurückhaltung bei den Unternehmen führen.

Ende September hat Großbritanniens Oberster Gerichtshof die von Premierminister Boris Johnson auferlegte Zwangspause für das britische Parlament für gesetzwidrig erklärt. Seitdem hat das Parlament wieder getagt, wodurch sich die Oppositionsparteien auf ein gemeinsames Vorgehen einigen konnten, um einen ungeregelten Brexit zu verhindern. Angesichts der Dringlichkeit des Themas will die Opposition zusammenzuarbeiten, um Neuwahlen zu verhindern, bis ein Austritt ohne Vertrag aus der Europäischen Union (EU) abgewendet ist.

Die eben genannten Entwicklungen haben seitdem für einen größeren Optimismus dahingehend gesorgt, dass ein harter Brexit doch noch vermieden werden könnte. Allerdings ist inzwischen auch erkennbar, dass der deutliche Anstieg der wirtschaftspolitischen Unsicherheit bereits Spuren in der britischen Wirtschaft hinterlässt und der wirtschaftliche Schaden selbst dann noch größer werden dürfte, wenn Großbritannien nicht ohne Vertrag aus der EU ausscheiden sollte.

Michael Saunders, Mitglied des geldpolitischen Ausschusses der Bank of England, hat kürzlich eines sehr deutlich gemacht. Die „anhaltend hohe Verunsicherung“ könnte die Bank of England selbst dann zu einer weiterhin akkommodierenden Geldpolitik veranlassen, wenn Großbritannien doch einem Abkommen mit der EU zustimmen sollte. Damit könnten Meldungen zum andauernden Brexit-Drama kurz- bis mittelfristig erhebliche Auswirkungen auf die britische Wirtschaft, britische Aktien und das britische Pfund haben.