Shortseller-Bericht deckt auf Wie Gautam Adani öffentlich, aber ungestört betrügen konnte

Gautam Adani während einer indischen Investment-Konferenz

„Commited Delivered“, entspricht wohl kaum der Realität. Gautam Adani während einer indischen Investment-Konferenz. Foto: Imago / Nur Photo

Gautam Adani war Ende 2022 noch der drittreichste Mensch der Welt, direkt hinter Elon Musk und Bernard Arnault. Ende Januar war er im Bloomberg Milliardärs-Ranking nicht einmal mehr unter den ersten zehn Plätzen zu finden. Sein Vermögen schrumpfte innerhalb weniger Wochen von 125 Milliarden US-Dollar auf 84,4 Milliarden Dollar, damit landete er auf Platz elf. Und die Talfahrt setzte sich fort: Inzwischen belegt Adani mit einem Vermögen von 58,2 Milliarden Dollar nur noch Platz 21 in Bloombergs Ranking.

Ein Großteil seines Vermögens verlor Adani innerhalb weniger Tage. Grund dafür ist der Angriff des Leerverkäufers Nate Anderson, der hinter dem Hedge-Fonds Hindenburg Research steckt. Rund zwei Jahre lang hat der Short Seller die Adani Gruppe inklusive sämtlicher verbundener Briefkastenfirmen untersucht.

„Größter Betrug in der Unternehmensgeschichte“

Am 24. Januar hat Hindenburg den, nach eigenen Worten, größten Betrug der Unternehmensgeschichte („largest con in corporate history“) aufgedeckt. Die Liste der Vorwürfe ist lang, mehr als 100 Seiten lang. Seit Jahrzehnten sei Adanis Konglomerat in Aktienmanipulation, Bilanzfälschung, Geldwäsche, Korruption, Steuerhinterziehung und viele weitere Vergehen und Regelverstöße verstrickt.

Adani habe seine „immense Macht“ eingesetzt, um kritische Stimmen wie Journalisten durch Gefängnisstrafen oder Gerichtsverfahren zum Schweigen zu bringen. Er habe Regulierungsbehörden und Regierung dazu gebracht, seine Gegner und Kritiker zu verfolgen. Investoren, Journalisten, Bürger und Politiker hätten aus Angst vor Vergeltung geschwiegen. So konnte Adani laut Hindernburg offenkundig, aber dennoch ungestört betrügen.

Wie Adani ungestört betrügen konnte

Möglich seien Steuerhinterziehung, Geldwäsche, Bilanzfälschungen und Co. unter anderem auch deshalb gewesen, weil sich die Adani-Gruppe scheinbar keiner finanziellen Prüfung unterziehen musste. So hatte die Gruppe laut Hindenburg innerhalb der letzten acht Jahre fünf Finanzvorstände, was auf interne Schwächen in der Rechnungslegung hinweise.

Auch an der Kompetenz des unabhängigen Wirtschaftsprüfers zweifelt Hindenburg. Shah Dhandharia sei ein vergleichsweise winziges Unternehmen mit vier Partner und elf Angestellten, ohne aktuelle Website. Es überprüfe neben Adani nur ein weiteres Unternehmen, mit einer Marktkapitalisierung von 7,8 Millionen Dollar. Zudem seien die Prüfer erst 23 und 24 Jahre alt gewesen, als sie zum ersten Mal die Berichte über Adani freigegeben hätten. Dabei ist Adanis Konglomerat extrem komplex. Allein die sieben Schlüsselunternehmen der Adani-Gruppe haben gemeinsam 578 Tochterunternehmen.

Aktienmanipulation im großen Stil

Vor seinem Bericht konnte sich Adani daher laut Anderson trotz der teilweise offensichtlichen Betrügereien nahezu ungestört bereichern. Allein in den letzten drei Jahren habe er ein Nettovermögen über 100 Milliarden Dollar angehäuft, hauptsächlich über Aktienmanipulationen seiner sieben wichtigsten gelisteten Unternehmen.

Durch diese massive Überbewertung habe das Downside-Risiko zum Veröffentlichungszeitpunkt des Berichts bei den betroffenen Aktien bei 85 Prozent gelegen. Hindenburg geht jedoch von einem wesentlich höheren Risiko aus, da diese Zahl lediglich auf den Fundamentaldaten basiert und die weiteren Vorwürfe noch nicht berücksichtigt wurden.

Dazu zählt beispielsweise, dass sich die Unternehmen stark verschuldet haben, unter anderem, indem sie die aufgeblähten Aktienanteile verpfändet haben. Dadurch sei die finanzielle Situation der gesamten Gruppe gefährdet.

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Bilanzfälschung, Steuerhinterziehung und Geldwäsche

Zu diesen Vorwürfen kommt hinzu, dass die Adani-Gruppe ein regelrechtes Labyrinth an Briefkastenfirmen für illegale Geschäfte und Manipulationen nutze. Darunter illegaler Diamantenhandel, Bilanzfälschungen, Steuerhinterziehung, Geldwäsche und Kursmanipulationen. Betrieben wird das Netzwerk hauptsächlich von Adanis Familienmitgliedern, die teilweise bereits mehrfach wegen Betrugs angezeigt und verhaftet wurden.

 

 

Zwei Wochen nach Veröffentlichung des Hindenburg-Berichts ist der Unternehmenswert um 110 Milliarden Dollar geschrumpft. Der Aktienkurs von Adani Enterprises, der am 25. Januar noch bei 3.389 Indischen Rupien lag, stürzte am 2. Februar auf 1.565 Rupien ab. Anfang der Woche erholte sich der Kurs und erreichte am Mittwoch ein Hoch von 2.164 Rupien, sinkt seitdem aber erneut kontinuierlich.

Angst vor Ansteckungseffekten

Zunächst hatte Adani versucht, sich selbst gegen die Vorwürfe zu wehren und ein mehr als 400-seitiges Antwortschreiben veröffentlicht, in dem er Hindenburgs Vorwürfe als Angriff auf Indien bezeichnete. Auf die Hauptvorwürfe ist er dabei jedoch nicht eingegangen. Nach Angaben der Financial Times hat Adani nun eine der amerikanischen Top-Anwaltskanzleien eingeschaltet: Wachtell, Lipton, Rosen & Katz.

Der Adani-Konzern ist eines, wenn nicht das größte, Konglomerat Indiens. Es ist eng mit der indischen Wirtschaft, insbesondere der Infrastruktur, verflochten. Sein Absturz hat daher eine Diskussion über die Nachhaltigkeit und Stabilität des indischen Wirtschaftswachstums ausgelöst. Auch ausländische Investoren, darunter Staatsfonds, die teilweise Milliardenbeträge in Adanis zahlreiche Unternehmen investiert haben, fürchten um ihr Geld.

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