FvS-Studie Die Deutschland AG ist zurück

Ist seit 2014 am Flossbach von Storch Research Institute tätig: Philipp Immenkötter

Ist seit 2014 am Flossbach von Storch Research Institute tätig: Philipp Immenkötter

Die „Deutschland AG“ stand für die Vernetzung großer deutscher Firmen in der alten Bundesrepublik. Da man diese Vernetzung als Behinderung von Wettbewerb und notwendigem Strukturwandel sah, wurde die Deutschland AG in den 1990er Jahren publikumswirksam zerschlagen.

Doch jenseits der öffentlichen Wahrnehmung hat sie sich neu formiert. Bestand sie früher aus Finanzbeziehungen, so wird sie heute über die Besetzung von Aufsichtsräten zusammengehalten, wie eine Studie des Flossbach von Storch Research Institutes zeigt.

Enges Netzwerk

Ein Blick auf die Aufsichtsräte der Dax-Konzerne enttarnt ein enges Netzwerk. Kaum ein Konzern ist nicht über seinen Aufsichtsrat mit anderen verbunden. Im Aufsichtsrat der Deutschen Telekom ist ein Personenkreis vorzufinden, der mit acht anderen Dax-Konzernen assoziiert werden kann, bei der Deutschen Lufthansa mit neun und bei Siemens sogar mit zehn anderen Dax-Konzernen.

Im Schnitt findet man durch die Aufsichtsräte fünf direkte Verbindungen zu den übrigen Dax-Konzernen. Nur die Aufsichtsräte von Beiersdorf, Heidelberg Cement und Volkswagen sind frei von Vertretern anderer Konzerne. Eine enge Verflechtung tut sich hervor.

Hand in Hand mit dem diesem Netzwerk gehen die Verpflichtungen seiner Teilnehmer einher. Wer einen schnellen Zugang zu Informationen haben möchte und seine Interessen auf breiter Basis vertreten will, muss auf mehreren Hochzeiten tanzen. Daher reicht es nicht, seine Zeit und Kapazität als Aufsichtsrat nur der Kontrolle eines Unternehmens zu widmen.

In der Regel sind die Personen in den Aufsichtsräten von drei Unternehmen zu finden und gehen meist noch einer Haupttätigkeit nach. Nicht selten ist hierunter eine Vorstandstätigkeit bei einem anderen Unternehmen zu finden, häufig bei einem Dax-Konzern.

Genügend Kapazitäten?

Zunächst verwundert die Vielzahl der Tätigkeiten nicht, da man für ein Aufsichtsratsmandat Erfahrung als Führungskraft benötigt. Man muss jedoch auch fragen dürfen, ob die betreffenden Personen wirklich genügend Kapazitäten haben, um all ihren Verpflichtungen in angemessener Art und Weise nachzukommen.

Hat der Vorstandsvorsitzende eines Großkonzerns die Zeit als Chefkontrolleur eines anderen Konzerns zu fungieren? Kann man als Aufsichtsratsvorsitzender von zwei Dax-Konzernen gleichzeitig dienen? Ob dies gut funktioniert, zeigt sich meist erst, wenn es leider schon zu spät ist und ein Konzern in Schieflage geraten ist. Doch genau dann wird die Tätigkeit als Aufsichtsrat besonders zeitraubend.

Mit den kommenden Hauptversammlungen könnte sich das Netzwerk noch weiter verdichten und die Mandatslast zunehmen. Seit Beginn des Jahres gilt für alle Aufsichtsräte eine vorgeschriebene Geschlechterquote von mindestens 30 Prozent. Für Männer ist diese Quote zweifelsfrei gesichert, immerhin sind gut 75 Prozent aller Aufsichtsräte männlich.

Erschwerte Kontrolle

Die Frauenquote hingegen wird derzeit nur von der Hälfte der Konzerne erfüllt. Bei der anderen Hälfte besteht nun Handlungsbedarf. Erfolgt die Vergabe innerhalb des Netzwerks, so werden die Mandate an einen kleinen Kreis von Frauen gehen. Auch wenn man alle Vorstände deutscher Konzerne einbezieht, weitet sich der Personenkreis kaum aus, da unter ihnen noch weniger Frauen als unter den Aufsichtsräten zu finden sind.

Für die US-Konzerne haben Studien bereits belegt, dass enge Netzwerke und eine hohe Mandatslast für Unternehmen und Investoren nicht nur von wirtschaftlichem Vorteil sind. Es entstehen Abhängigkeiten, Befangenheiten und Seilschaften, die eine unabhängige Kontrolle erschweren, wenn nicht sogar unmöglich machen. Die Performance stark vernetzter Konzerne hinkt den anderen hinterher. Auch Vorstände, die Leistung vermissen lassen, halten sich bei Konzernen mit stark vernetzten Aufsichtsräten länger im Amt.

Es ist nun zu befürchten, dass die gleichen Erfahrungen wie in den USA gemacht werden. Wie stark sich die neue Deutschland AG auf die Entwicklung der Unternehmen und ihre vier Millionen Angestellten auswirkt, wird sich zeigen. Eins steht jedoch fest: die Deutschland AG ist wieder da.


Über den Autor:
Dr. Philipp Immenkötter ist seit 2014 am Flossbach von Storch Research Institute tätig. Seine Forschungsinteressen umfassen die Bereiche der empirischen Unternehmens- und Aktienmarktanalyse sowie der Vermögenspreisinflation.

Zuvor forschte und promovierte der studierte Wirtschaftsmathematiker an der Universität zu Köln und der University of Pittsburgh. Neben seiner Tätigkeit am Research Institute ist Herr Immenkötter Dozent an der Universität zu Köln.